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Der Jungbrunnen

Mit feinem Humor und viel Selbstironie beschreibt unsere Kolumnistin Edda, bei Feierabend als Niagara bekannt, ihren nicht immer ganz leichten Alltag.

Der Jungbrunnen

Ich hasse Geburtstage – und das nicht erst, seitdem die Zahl der Jahre erschreckend steigt. Schon als Zwölfjährige wollte ich keine dreizehn werden. Aus lauter Trotz wünschte ich mir zu meinem Festtag eine Puppe, mit der ich dann sogar noch ein ganzes Jahr gespielt habe.

Bereits einen Monat vor dem gefürchteten Ereignis setzt alljährlich meine Geburtstagsneurose ein. Manchmal ist es, wie nach diesem unangenehmen Ereignis, besonders schlimm:

Zu meiner Hausärztin habe ich absolutes Vertrauen. Was mich nervt: Sie vergibt keine Termine. Man kann zwar jederzeit spontan ihre Praxis aufsuchen, wenn es nötig ist, doch muss man durchschnittlich vier Stunden Wartezeit in Kauf nehmen. Als sie in Urlaub war, suchte ich einen ihrer Kollegen auf. Angenehm überrascht, als ich nach einer Viertelstunde bereits im Behandlungszimmer saß, stellte ich die Frage, ob ich ihn als Hausarzt wählen könne, worauf der charmante Herr im weißen Kittel folgende Antwort gab: „Nein, Sie sind mir zu alt. Ich nehme keine älteren Patienten mehr an, die sind für mich zu arbeitsintensiv.“ Rechtlich gesehen mag das zwar in Ordnung sein, aber vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet war diese Auskunft niederschmetternd. Es hätte doch durchaus genügt, wenn der Arzt gesagt hätte: „Ich habe zu viel zu tun und nehme keine neuen Patienten mehr an.“

Harmloser, aber trotzdem deprimierend, war ein Erlebnis vor wenigen Tagen: Abends klingelte es an der Haustür. Ein etwa zehn- oder elfjähriger Junge fragte höflich, ob er telefonieren dürfe. Ich bat ihn herein. Aus dem Gespräch mit seiner Mutter entnahm ich, dass er vom Sporttraining aus der Turnhalle kam. „Papa wollte mich abholen, aber er ist nicht da.“ Er schwieg eine Weile, wahrscheinlich fragte seine Mutter, wo er sei. „Ich bin bei einer netten alten Dame in dem Haus neben der Schule.“ Die „nette alte Dame“ hörte diese Antwort und war geknickt. Doch dann tröstete ich mich mit dem Gedanken: In diesem jugendlichen Alter hielt auch ich alle über Dreißig fast für betagte Greise.

Wenn die freundliche Apothekerin mir ein Gratispröbchen Hautcreme „für die reife Haut“ über die Ladentheke reicht, ist das von ihr zwar nett gemeint, es kommt aber nicht gut an bei mir. Außerdem glaube ich den Versprechungen auf der Verpackung „reduziert die Falten“ längst nicht mehr. Die versprochene Hautverjüngung findet nicht statt. Ich wäre schon froh, wenn die Haut nicht weiter altert.

Im Supermarkt hängt an der Kasse ein Schild: ‚Sie sehen jünger aus, als Sie sind. Entschuldigen Sie darum bitte, wenn wir beim Einkauf von Alkohol nach Ihrem Ausweis fragen, da wir diesen laut Gesetz nur an über 16-Jährige verkaufen dürfen.’ Mich fragt leider niemand mehr nach dem Pass, wenn ich für unseren Besuch Sekt, Grand Marnier oder Campari kaufe.

Vielleicht landet irgendwann einmal ein Raumschiff hinter unserem Haus. Ich werde von den freundlichen Außerirdischen zu Versuchszwecken entführt. Sie testen an mir ihre Pillen, die den Alterungsprozess – den sie nicht kennen – bei den Erdmenschen stoppt. Wo bleibt ihr nur, liebe Marsmenschen?

„Eines der überflüssigsten Dinge ist, über das Älterwerden nachzudenken. Man kann es eh nicht verhindern“, sagte kürzlich ein Mitglied der Düsseldorfer Punkrocker „Tote Hosen“. Also werde ich aufhören, mir mit unnötigen Grübelein den Tag zu verderben. Was heißt hier überhaupt „alt“. Das sind doch immer nur die anderen, die mindestens schon ein Jahrzehnt vor mir geboren wurden (das sage ich vielleicht auch noch mit Hundert).
Jetzt habe ich sowie den perfekten Jungbrunnen mit Erfolgsgarantie entdeckt: Ein kleiner harmloser Flirt wirkt Wunder. Man wird dadurch zwar nicht jünger – aber man fühlt sich so. Das Schöne daran ist – es funktioniert sogar mit dem eigenen Partner.

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