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Sei froh, dass Du nur uns hast

Unser Feierabend-Mitglied Brigitte, auch bekannt als Sprudelchen, reiht sich harmonisch in die Reihe unserer Kolumnisten ein. Sie setzt sich mit dem Alltag auseinander - mit dem hat es ja jeder einmal zu tun. Deswegen wunder Dich nicht, wenn Du während des Lesens eifriges Kopfnicken "bekommst".

Sei froh, dass du nur uns hast

Letzte Nacht habe ich mich nicht gut erholt. Kopfschmerzen und unerklärliche Schweißausbrüche plagen mich.
„Ihr braucht sicher eine neue Matratze“, kommentiert Eric meine Partyschädigung. Wie an jedem Schultag hat er den Frühstückstisch gedeckt. Und wie an jedem Tag hat er mir keinen Teller hingestellt, keine Tasse, kein Messer. Brummig hole ich Teller und Messer und beginne die Pausenbrote zu richten. Drei Kinder haben heute lange Schule. Also sind vierzehn „Doppeldecker“ zu belegen, Obst dazu und ab damit. Die Reklamationen, ich hätte schon wieder einmal eigenmächtig den Belag ausgewählt, lassen mich heute kalt.
„Dann verschenkt die Brote eben, ihr werdet schon nicht verhungern“.
„Mutsch ist nicht gut drauf“, mäkelt Katharina.
„Nee, fix und alle ist die Frau“, unterstreicht Bernhard meinen desolaten Zustand.
„Schlechtgelaunt, die Alte“, höre ich ihn noch flüsternd eins draufsetzen. Unvermittelt sieht Verena meine Augen blitzen und bringt ihren Bruder vorsorglich schützend in Sicherheit. Ganz deutlich fühle ich, dass ich jede Sekunde kollabieren werde.
Pack die Koffer und hau ab.
Führe mich nicht in Versuchung lieber Gott, der Gedanke ist wirklich sehr verlockend. Doch zur Flucht habe ich jetzt keine Zeit. Wir sind spät dran.

„Passt auf, gleich platzt sie!“
Sieh an, Philipp traut sich auch schon.
Innerlich grinsend erkundige ich mich gewohnheitsmäßig: „Habt ihr alles? Schulsachen? Turnzeug? Fahrkarte? Pausenbrote?“
Wie immer ernte ich überhebliche Blicke.
Und wie meistens saust noch einer los um vergessenes zu holen.
Endlich sitzen alle im Auto.
Alle?
Nein!
Es fehlt mal wieder eine.
Ungnädig hupend warte ich. Natürlich werden wir den Bus verpassen und ich werde sie höchstpersönlich die vierzig Kilometer zur Schule fahren müssen.
Wieder einmal.
Endlich kommt Verena angetrottet.
„Mensch Mam, reg dich bloß nicht auf. Wir haben noch massenhaft Zeit.“
Haben wir nicht.
Ich wusste es.
Der Bus ist weg.
Eine gute dreiviertel Stunde Fahrt liegt vor uns. Katharina Hand saust zum Einschaltknopf des Radios.
„Bitte, lass ihn aus, ich kann jetzt keine Musik ertragen“, flehe ich.
Zu spät.
Die Familienkutsche hat sich in eine Disco verwandelt. Nur mit Mühe halte ich den Wagen in der Spur. Die Kinder sind Weltmeister im Sitztanz. Das Radio auszuschalten traue ich mich nicht. Eine Diskussion wegen meines unmöglichen Verhaltens werde ich heute morgen nicht überstehen.
Die Ruhe genießend erfreue ich mich auf der Rückfahrt an den endlosen Wäldern und Wiesen. Erste Sonnenstrahlen brechen durch und die Kühe grasen schon auf den Weiden. Dieser Bilderbuchanblick tröstet mich ein wenig über meine verlorene Traumstunde hinweg.
Die morgendliche Traumstunde ist mein einziges persönliches Eigentum. Kaffee, Zeitung, Buch und ich. Vielleicht noch eine Zigarette. Eine wundervolle Einheit zwischen zwanzig Minuten vor sieben Uhr und dreißig Minuten nach acht Uhr. Meine Arbeitgeber sind aus dem Haus, der Liebste liegt noch in seligem Schlummer und der Familienzoo lümmelt sich vollgefressen auf den Sitzmöbeln im Wohnzimmer. In einer Traumstunde schöpfe ich Kraft bis zur nächsten. Doch wo bitteschön nehme ich heute meine Kraft her?
Wenig lustvoll betrete ich das Chaos, das mein Zuhause sein soll.
Der Zoo hat ausgelümmelt und verlangt mit Nachdruck das zweite Frühstück. Stoppelbärtig stolpert der Liebste über den Flur auf der Suche nach einer Tasse Kaffee.
Im Flur?
„Wo kommst du denn jetzt her? Das Telefon hat mich geweckt. Warst du auf ein Kaffeestündchen bei Rita? Du machst es dir schön!“
Ungläubig, dass ich es wage, am frühen Morgen meinen Bereitschaftsposten zu verlassen schaut er mich an.
Nicht zu fassen, er wurde zwanzig Minuten zu früh durch das Läuten des Telefons geweckt und seine Frau treibt sich herum.
Sein Blick spricht Bände – doch der meine treibt ihn in die Flucht.
Ein Blick in meinen Terminkalender lässt mich erschaudern. Auch das noch! Ein Termin scheint heute den nächsten zu jagen. Nicht einmal um das hinterlassene Frühstückschaos werde ich mich kümmern können.
Seufzend will ich wenigstens noch schnell in die Zeitung sehen. Ich finde sie im Esszimmer neben einem frischen Frühstücksgedeck, direkt unter einem Geschenk.
Für mich?
Sollte der Liebste etwa?
Aber nein.
Allerliebste Verena, mein geliebtes gutes Kind! Sie hat das Ende meiner Kräfte wohl geahnt und schnell ein wenig Ordnung geschaffen. Zum Dank habe ich sie angemotzt, dass ich wegen ihrer Trödelei viele Kilometer sinnlos die Luft verpesten muss. Gejammert habe ich und – einmal mehr – einer versäumten Traumstunde nachgetrauert. Wahrscheinlich haben die Kinder recht:
Ich bin eine schrecklich undankbare Person.
Erwartungsvoll reiße ich die Verpackung vom Geschenk und halte ein Buch in Händen. Es handelt vom unmöglichen Benehmen eines Teenagers gegenüber seiner Mutter. Die Mutter hat das Buch verfasst. Unglaublich was es für Mütter gibt. Kaum dass sie schreiben können, schon zerren diese Frauen ihr Familienleben ans Licht der Öffentlichkeit.
Beim Durchblättern finde ich im Einband eine Widmung:
Liebe Mutsch, sei froh, dass du nur uns hast!
Gerührt blicke ich auf ihre Unterschriften.
Unmittelbar durchflutet mich ein warmes Gefühl. Meine Kopfschmerzen sind wie weggeblasen.
Ich fühle die Liebe meiner Rasselbande!

Autor: ehemaliges Mitglied

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