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Alle Jahre wieder

Unser Feierabend-Mitglied Brigitte, auch bekannt als Sprudelchen, reiht sich harmonisch in die Reihe unserer Kolumnisten ein. Sie setzt sich mit dem Alltag auseinander - mit dem hat es ja jeder einmal zu tun. Deswegen wunder Dich nicht, wenn Du während des Lesens eifriges Kopfnicken "bekommst".

Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Ebenso hingebungs- wie erwartungsvoll schmetterte ich feierlich strahlend, aber wenig ahnungsvoll über viele Jahre den elterlichen Weihnachtsbaum an.
„Alle Jahre wieder kommt bei uns ein Kind“, trällerte mein Liebster zwei Jahrzehnte später, mit jährlich nachlassender Inbrunst und nicht immer zur christlichen Zeit.

Er reibt sich auf, mein Liebster, in ewiger Treue und Aufopferung, damit Alle Jahre wieder und die ehemals hingebungsvolle Sängerin ein schönes Leben haben.

Im Vertrauen: Er ist ein Glückskind, mein Liebster. Seine Brut liebt ihn bedingungslos. Ungeniert und ohne Unterlass frönt er seit dem ersten Schrei des abgeschlossenen Pilotprojekts seinem einzigen Hobby: der gelungenen Nachzucht.

Kein Wort des Tadels kam je über seine Lippen. Für jedermann ist unverkennbar: Ihm ist der große Wurf gelungen. Vom Prototyp bis hin zur letzten Auflage der Serie, alles erste Sahne!

Ich liebe ihn auch meinen Liebsten, von ganzem Herzen. Schon alleine deshalb, weil er so tiefes Vertrauen zu mir hat. Um die Aufzucht seiner Brut durfte ich mich alleine kümmern. Nur mir traute er zu, seinen größten Schatz zu umsorgen, zu hegen und zu pflegen. Nicht einmal auf sein verbrieftes Vaterrecht der Erziehung pochte er. Nie nahm er für sich in Anspruch, Elternabende besuchen zu wollen, auch Arztbesuche, Schulveranstaltungen, sowie die wünschenswerte Teilnahme an allen anderen wichtigen Ereignissen überließ er mir in grenzenlosem Vertrauen.

Ich werde ihm ewig dankbar sein und rechne es ihm hoch an, dass er mich nur selten ermahnte, weniger aufmüpfig zu sein, wenn Alle Jahre wieder bei ihm Klage erhob wegen meines unmöglichen Verhaltens.
Unmöglich ist mein Verhalten ohnedies. Das steht längst fest. Ohne wenn und aber. Das weiß niemand besser als des Liebsten Mutti. Und die weiß, von was sie redet. Schließlich waren mir drei Eigenerzeugnisse nicht genug. Nein. Ich musste dem Liebsten noch zwei fix und fertig ausgebrütete Kuckuckseier ins Nest legen. Ich bekomme ja nie genug. Einfach schlimm. Fremdproduzierter Nachwuchs und dann noch im Doppelpack. Selbst das liebgewonnene Alle-Jahre-wieder-System ließ ich außer acht.

Was macht Frau nicht alles, damit die liebe Schwiegermama etwas zu meckern hat. Und schließlich weiß ja niemand besser als sie, dass der Liebste von je her Kummer gewohnt ist. Die Zeitrechnung "von je her" beginnt übrigens Ende Oktober vor etwa dreißig Jahren. Genau an dem Tag, als sich Supermamis Söhnchen in eine ehemals hingebungsvolle Weihnachtsliedinterpretin verliebte. Fortan nahmen die Sorgen kein Ende mehr. Für des Liebsten Mami.

Mit der, letztendlich selbst von des Liebsten Mami gewünschten, Vermehrung wollte es nicht so recht klappen. Über viele Jahre hinweg mühte sich der Liebste redlich, seine Familie zu mehren. Es wollte nicht gelingen. Purzel, der ausgesetzte schwule Pudelrüde, den ich ebenso übermütig wie überraschend als Familienzuwachs präsentierte, wurde von Schwiegermutter nicht akzeptiert. Zu unhygienisch! Auch als ich das heimatlos ums Haus streunende Katerchen als Purzels liebevoll verschmustes Geschwisterchen vorstellte, erntete ich nur Schelte und Kälte.

Früher, als des Liebsten Papi sich verliebte, wurde von der künftigen Gattin im voraus eine Unbedenklichkeitsbescheinigung gefordert. Da hatte man etwas in der Hand. Schwarz auf Weiß stand da, ob die Dame nun fruchtbar war oder nicht. War sie es nicht, suchte der Verliebte weiter.

Die Zeiten haben sich geändert. Nicht immer zum Guten, wie des Liebsten Mami wusste. Überhaupt weiß sie alles, meine Schwiegermama. Und vor allem weiß sie es besser. Auf jeden Fall besser als ich. So machte sie mir auch schon früh klar, dass ich einen Vogel habe. Stimmt wohl, aber das wusste der Liebste von Anfang an. Schließlich brachte ich meinen Wellensittich Hansi mit in die Ehe.

Später, als ich mich trotz fehlender Unbedenklichkeitsbestätigung dann doch noch als fruchtbar erwies, machte ich es auch wieder nicht richtig. Warum haben sie mir auch nicht vorher gesagt, dass Jungen wesentlich mehr zählen als Mädchen. Das hätte ich doch berücksichtigt.

Noch bevor ein Jahr später der zweite Versuch schief ging und wieder nur ein Mädchen hervorbrachte, nahm mich des Liebsten Vater vertrauensvoll zur Seite. Er erzählte mir vom Schicksal ihm bekannter Frauen. Denen war gleiches widerfahren. Kaum dass sie geboren hatten, waren sie schon wieder schwanger.
An und für sich ein begrüßenswerter Zustand. Aber so schnell? Das ist nicht nur peinlich, es ist auch asozial. Und das möchte ich doch sicher nicht sein? Was werden die Leute nur denken? Also, diese Frauen wussten sich stets zu helfen. Ich könnte ja meine Mutter um Rat fragen. Fehlanzeige. Die freute sich auf ihr zweites Enkelkind. Und was hätte sie mir auch raten sollen? Schließlich bin ich ihr noch heute Gram, dass sie mich einst um zwei Geschwister betrog.
Auch der dritte Anlauf, ein schwiegerelterntaugliches, sprich männliches Enkelkind zu produzieren, traf nicht auf Gegenliebe. Da kann doch nix mehr Gescheites bei herauskommen.

Heute lieben des Liebsten Eltern ihren einzigen Enkelsohn über alle Maßen. Er ist ihr Gott. Der Sohn des Liebsten Schwesterlein geht in Sachen großelterlicher Anerkennung leer aus. Was zählt schon ein männlicher Nachkomme mit anderem Namen? Aber immerhin fällt Bacchus aufgrund der Marke Eigenprodukt nicht gänzlich durchs Raster. Ganz anders verhält es sich bei unseren geborgten Jungs. Geliehene Kinder sind eben nur zweitklassig. Das hätte ich wissen müssen.
Zum Glück sieht der Liebste das anders. Ihm war zwar nicht die Gnade der Produktion vergönnt, auch hatte er kein Mitspracherecht bei der Auswahl. Dennoch liebt er die beiden.

Er hält eben seine Versprechen.

Sein Schwur liegt viele Jahre zurück. Total vernarrt in seine Brut, wollte er jedes Kind, das uns der liebe Gott möglicherweise einmal vor die Tür legt, in Liebe aufzunehmen.

Mir scheint, dort oben im Himmelsarchiv werden solche Versprecher genauestens registriert.

Autor: ehemaliges Mitglied

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