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Die vierzigste Mütze

Eigentlich suchte ich Handschuhe, genauer gesagt Lederfäustlinge, diese mit kuscheligem Lammfell gefütterten. Ich erhoffte sie mir in dem ansprechenden Laden, welcher sich in einer Seitenstraße gegenüber der belebten Fußgängerzone befindet. Doch vergebens, nur langweilige Omafingerwärmer oder Grau-in-noch-mehr-Grau-Kreationen boten sich mir an.

Flink betasteten meine Augen ganz nebenbei hübsche Mützen, nicht dass ich etwa eine benötigte, denn ich besitze schon 39, doch anprobieren kostet ja nichts.
Gehäkelte, gestreifte, bommelige, mit und ohne Stickerei, rote, lila, gelbe, grüne wurden von mir übers Haar gestülpt, welches nach der zehnten Mütze völlig zerzaust war, jedoch geduldig auch noch die letzte willkommen hieß.
Doch keine konnte meinem Anspruch genügen, zu groß, zu eng, zu grell, zu bieder, zu ausgefallen, zu teuer, zu blöd.

Die Verkäuferin bemühte sich aufdringlich freundlich, doch ich ließ mich nicht manipulieren, denn ich weiß genau was ich will.
Und als ich unverrichteter Dinge bereit war, das Geschäft zu verlassen, erblickte ich diese unscheinbare braune, in einer dunklen Regalecke zwischen beiseite geräumten Auslaufmodellen verharrende Strickmütze.
Kaum hielt ich sie in meinen Händen, schöpfte die Verkäuferin wieder Hoffnung; aufgeregt pries sie den Kopfwärmer als ein ganz besonders edles und solides Teil.
Mich faszinierte diese Passform, das flauschige Innenfutter, nur der Preis ließ mich ein paar Sekunden zögern, 69,90 Euro. Gewissenhaft rechnete ich mir aus, was ich mir in diesem Monat noch gönnen möchte, obwohl ich eigentlich nur ungern rechne.

„Ich nehme die Mütze“, hörte ich meine Stimme; die Verkäuferin wich jetzt nicht mehr von meiner Seite, eifrig begleitete sie mich zur Kasse, hinter der der Ladenbesitzer mich wohlwollend anstrahlte.
Diese herzliche Zuwendung veranlasste mich spontan, ihm das neueste Bild von meinem Enkel zu zeigen, welches mir mein Sohn am Morgen gepostet hat. Es zeigt Julian zwei Monate vor seiner Geburt gedeihend im Bauch seiner Mutter.

„Bitte entfernen Sie den Preis“, bat ich, „ich möchte sie sofort tragen.“
Dann verließ ich zufrieden das Geschäft mit dem stolzen Bewusstsein, wieder einmal einen Ladenhüter ergattert zu haben, der zu meinem Glück dort auf mich gewartet hat.


Wie gut, dass ich Handschuhe suchte, denn sonst wäre ich nie meiner 40 zigsten Mütze begegnet.

Wollmützen in einem Geschäft

Autor: galen

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