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Welch ein Luxus

Einen besonderen Platz bekam ER, der erste Fernsehapparat im Hause Bertrich. Direkt neben der buntverglasten Zwischentüre des großzügigen Eingangsbereiches, an der westlich ausgerichteten Wand des Raumes, sollte ER, dieser sehnsüchtig erwartete „Graetz Landgraf“, heimisch werden.

Andächtig schlich der jüngste Spross der Familie nachmittags um das Gerät, in der Hoffnung, die Erlaubnis zu erhalten, neue Abenteuer mit Lassi zu erleben. Dies erschien ihm viel unterhaltsamer als sich draußen eigene Spiele auszudenken.

Zwei Jungs vor dem Fernseher

Um 20:00 Uhr dann Nachrichten aus alller Welt, samt zahlreicher Tragödien.
Es war mucksmäuschenstill und selbst beim kleinsten unbedachten Zwischenruf,
zischelte wütend der Hausherr „Ruhe!“
Nach diesen wichtigen Mitteilungen, welche jeder Bürger unbedingt wissen sollte, wurden der jüngste Sohn zu Bett geschickt.

Und ein gemütlicher Familien-Fernsehabend konnte beginnen, die Mutter (vor ihr stand ein Teller, auf dem sich zwei Äpfel der Sorte „Golden Delicious“ befanden) befreite mit einem kleinen spitzen Obstmesser die Frucht von ihrer Schale und biss geräuschvoll in die perfekt geviertelten Scheibchen.
Die pubertierende Tochter äußerte den Wunsch, das amerikanische Liebesfilmchen, welches das zweite Programm ausstrahlte, zu sehen, doch dies wurde ihr vom Erziehungsberechtigten verwehrt und als schnöder „Dienstmädchen-Film“ abgetan.
Die Sehnsucht der halbwüchsigen Nachkriegsgeneration, in die bunte Cinemawelt Amerikas einzutauchen, wurde vom Vater nicht geteilt, zu frisch waren seine schrecklichen Erlebnisse, über die er beharrlich schwieg. Jedoch
seine strenge, freudlose Lebensart ließ ahnen, was er zu verbergen hatte.

Vier Menschen unterschiedlichsten Alters, nun versammelt vor ihrem Fernseher der absolute Luxus schlechthin, mussten sich einigen, welches von den sage und schreibe drei Programmen ausgewählt werden sollte.

Die Ausgrabungen des Herrn Schliemann, die über das bronzezeitliche
Troja berichteten, interessierten den Vater, und „das lustige Beruferaten“ mit Robert Lembke sowie dessen nette Frage „Welches Schweinder‘l möchten’s denn gern?“ begeisterte die Mutter.

Und diese setzte sich schließlich durch, die beiden Jugendlichen froh, Herrn Schliemann entkommen zu sein, knabberten Salzstangen und Erdnusskernchen, rätselten fleißig mit, manchmal sogar waren sie Guido, dem „schlauen Ratefuchs“ voraus.

Nach dieser Sendung wurden nun auch die Tochter und ihr um zwei Jahre
jüngerer Bruder zu Bett geschickt.In ihren Zimmern beschäftigten sie sich dann mit streng gehüteten Geheimnissen.
Die Tochter traf regelmäßig Paul Newman, welchen sie seit längerem heiß verehrte und versank in dessen märchenhaft blauen Augen, träumte sich zu ihm aufs bunte Poster, welches sich an der Wand gegenüber ihres Bettes befand.
Der Bruder las heimlich Tarzan/Akim/und Fulgor, denn diese Art Lesestoff war für die Begriffe der Eltern „Schundliteratur“.

Ein sogenanntes Testbild im Gefolge der Nationalhymne läutete pünktlich um 24:00 Uhr das Ende eines vergnüglichen Fernsehabends ein.
„Schade, schon vorbei“, seufzte die Mutter, denn sie war, wie sich viel später herausstellte, eine begeisterte Spätguckerin.
Dann wurde nachgeschaut, ob Haus und Hof für die Nacht gut gesichert und in Gedanken noch bei der unterhaltsamen TV-Darbietung, begab man sich zufrieden in das gemeinsame Schlafgemach.

Autor: galen

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