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Grünes Haar und andere Katastrophen

Der Friseursalon „Dame von Welt“, eine bekannte Adresse in der kleinen westfälischen Stadt, war mein Ausbildungsplatz zur Friseurin. Meine Eltern waren zwar wenig begeistert von diesem Berufswunsch, doch ich ließ mich nicht umstimmen, denn ich hatte die Schule mehr als satt.

Als einen Traumberuf stellte ich mir ihn vor, damals 16jährig, besonders der weiße Kittel beeindruckte mich kolossal, weil Apotheker und Ärzte ihn ebenfalls trugen, und es duftete sehr angenehm im Salon, außerdem war es auch im Winter dort kuschelig warm.

Mein Chef – ein kleiner rundlicher Mann – und dessen Ehefrau, zwar nicht dem Friseurberuf zugehörig, jedoch befugt, uns Lehrlinge in akribischer Putzarbeit auszubilden, sowie deren Tochter Iris, welche als tüchtigste, und talentierteste Kraft die wohlhabendsten und nettesten Kundinnen bediente, verfügten nun über die Macht meinen Tagesablauf von dienstags bis einschließlich samstags in der Zeit von 8:30 Uhr bis 18:30 Uhr zu bestimmen.
Montags war dann Berufsschule und sonntags sagten mir meine Eltern wann für mich Schluss ist beim Cola Ball.

Nun verhielt es sich aber so, dass in diesem angesagten Salon, leider keine weißen Kittel bevorzugt wurden, sondern schwarze enge Taftröcke mit darüber leicht schwingenden kurzen Leinenkittelchen, in den Farben von orange über hellblau bis hin zu dunkelgelb.
Die Idee kam von den Damen des Hauses, denn der Laden wurde von der Hautevolee der Stadt bevorzugt und weiße Kittel schienen einfach zu schnöde.

Nachdem ich meine erste Enttäuschung halbwegs verarbeitet hatte, stellte ich fest, dass ich und weitere drei frische Lehrlinge die schlechtbezahltesten Putzfrauen der gesamten Stadt waren.
Denn der Ehefrau meines Lehrmeisters ( von uns Lehrlingen "die Alte" genannt ) oblag es uns anzuleiten, wie man eine Schaufensterscheibe tadellos streifenfrei wienerte und die Trockenhauben außen auf Hochglanz brachte, sowie die ekligen Büschel verklebter glitschiger Haare aus dem Siphon des Waschbeckens rückstandslos zu entfernen.
Eines jedoch ließ sie uns nie probieren, nämlich mit einer Rasierklinge die Ecken des mit Natursteinen ausgelegten Salonbodens lupenrein sauber zu kratzen, weil diese Arbeit ihr ein spezielles Vergnügen bereitete.

Manchmal jedoch, wenn es hoch herging im Geschäft, zum Beispiel vor den
Feiertagen, oder an den Wochenenden, konnte auch ich schon mal an der Kundin mit der Schere arbeiten, also dies tun, welches mir mein Lehrvertrag eigentlich in Aussicht stellte.
Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag, als der Meister mir auftrug bei Frau Berlinger schon mal das struppig ausgewachsene Haar, welches knapp ihre Schultern berührte, bevor ich es waschen durfte, schnipp schnapp rundum zu kürzen.

Hochkonzentriert ob dieser wichtigen Aufgabe, weil Haare schneiden war nur dem Meister und Gesellen gestattet, nahm ich die Schere zur Hand und ruckzuck fielen sacht etwa 5cm des überflüssigen Gestrüpps zu meinen Füßen.
Mächtig stolz erkundigte ich mich bei der sympathischen Kundin, ob es denn so recht sei?
Diese jedoch lächelte nur stumm, ich wiederholte meine Frage diesmal etwas deutlicher, doch sie lächelte weiterhin still. Vorsichtshalber holte ich meinen Lehrherrn, bevor ich ihr Haar dem Wasser samt Shampoo übergab.

Der Meister begutachtete mein Werk, zupfte hier und da an den Haarzipfeln und plötzlich hob er hastig die Nackenhaare der Kundin. Aufgeregt zwickte er mich fies in den Arm
„Du hast die Schnur ihres Hörgerätes durchschnitten!“, raunte er (damals gab es ein dünnes Kabel, welches vom Hörgerät am Hals entlang zur Batterie führte, dieses verbarg sich unter der Kleidung meist vor dem Brustbein.).

Nun war mir klar, warum Frau Berlinger so stumm war, mir wurde heiß und kalt gleichzeitig, denn sie befand sich im Land der Taubheit, und erduldete dies vorbildlich klaglos.

Ich sah mich im Geiste schon meine Sachen packen, mit Schimpf und Schande den Ort verlassen zu müssen, welcher mir den Traumberuf versprach.

Nun verbreitete sich Hektik, Frau Berlinger bekam zuerst mal eine Tasse echten Bohnenkaffee, mein Chef befreite sie von der zerschnittennen Schnur, sie nestelte dazu umständlich, immer noch lächelnd die Batterie unter ihrem Hemd hervor.
Mit ungelenk stummen Gesten versuchten wir nun zu erklären, sofort eine neue Schnur zu beschaffen – und natürlich war dies meine Aufgabe.

In der Innenstadt befand sich das Fachgeschäft "Man hört stets gut mit Dettleffs". Ich durfte sogar das Herrenrad unseres Altgesellen Fiedler benutzen. Quer unter der Stange hindurch, denn der Sattel war viel zu hoch, strampelte ich zügig die 10 Minuten zum Ziel und zum Glück bekam ich dort die passende Hörschnur.

Wieder zurück fummelte sogleich der Meister der verständnisvollen Kundin das dünne Kabel an die Batterie, welche Frau Berlinger danach rasch in den Ausschnitt ihrer Bluse versenkte.

Dann die bange Frage: „Können Sie mich jetzt hören?
„Ja, ja, ich höre Sie gut“, entgegnete Frau Berlinger sehr laut und dankbar.

Bis auf dies Malheur, ist mir Gottlob nichts annähernd Vergleichbares mehr passiert.

Doch einmal noch wurde es heikel, nämlich als ich das Farbtöpfchen mit der Blondiercreme füllte, und übermütig wagte, einen dicken Klacks von der brandneuen „Mattcreme„ beizumischen, welche versprach, den etwaigen Gelbstich zu vermeiden.
Nach genügend Einwirkzeit leuchtet mir bereits schon beim Ausspülen der Farbe keck froschgrünes Haar entgegen.
Damals war diese Haarfarbe eine absolute Katastrophe, und konnte zur fristlosen Kündigung taugen.

Nicht annähernd so cool wie heute ging es in den Salons der Damen zu, diese bevorzugten strikt exakt geschnittenes Haar, sowie ordentlich dauergewellte Locken, und penibles Einfärben, entweder blond, oder braun, oder schwarz, doch sie konnten sogar schon damals zwischen drei verschieden Rottönen wählen.

Doch diese Zeit der schrill knallbunten, grünlilaorangen, krass zerfransten Haartrachten, vorne schräg, und seitlich kahl, hinten nix doch oben voll… war längst noch nicht reif, um akzeptiert zu werden…

Autor: galen

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