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Familienfeste damals und heute

Warum sind sie oft eine lästige Pflicht und dennoch irgendwie schön, diese Familienfeste?

Ich erinnere mich an manch unbeliebte Zeitgenossen, welche solch Zusammenkünfte trübten, verspüre jedoch gleichzeitig Wehmut und vermisse sie, die vertrauten Gesichter, fühlte mich damals geborgen, denn ich gehörte dazu.
Doch Leon weiß nix von Onkel Willi, meinem Frankfurter Onkel, einem begabten Alleinunterhalter, dessen schlüpfrige Witze jedes Mal Entsetzen bei den katholischen Tanten auslösten.
Oder Großtante Maria aus Boppard, eine Schwester meiner Oma Margarete, welche sich einmal im Jahr auf große Fahrt begab, um ihre entfernt weilenden Verwandten zu besuchen. Stets gut versorgt mit Reiseproviant, pellte sie das erste hartgekochte Ei, während das Auto gerade mal die Stadtgrenze passierte.

Famile in den 50ern beim Feiern

Mein Sohn, längst ein erwachsener Mann und Vater. Seine Kinder bereiten ihm Freude und ich bin jetzt auch eine dieser Omas. Bin ich so wie meine Großmütter, zwei grundverschiedene Frauen? Deren Leben geprägt war vom Krieg, frühen Witwendasein, Bescheidenheit?
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An der Gästetafel damals, bar jeglicher Sorgen der Erwachsenen, selbst gebackene Torten, Bohnenkaffee und später Schnittchen, Lachsersatz plus falschem Kaviar, Tomaten garniert mit Mayonnaise-Tüpfelchen, so genannte „Fliegenpilze“, mochte ich sehr sowie unser selbstverständliches Beieinandersein.

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Was wünscht sich heuer Louise? Bloß nichts Falsches kaufen und – oh Schreck – nichts von den Sehnsüchten der Enkelin ahnend? Der gestresste Vater schreibt es mir später in Form einer Mail, da kann ich’s in Ruhe nachlesen.
Bei Familienfeste heutzutage gehöre ich nun zu den „Älteren“, doch dieser „Schuh“ passt mir immer noch nicht ganz.
In dem wunderschönen Haus mit dem liebevoll geschmückten Christbaum, inmitten aufgeregter Mädchen sowie cool abwartenden Jungen, setze mich neben Maarten, bin ihm körperlich nah, jedoch zwei Generationen entfernt.

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Mein Bruder Klaus imitierte damals in geselliger Runde stolz Hans Albers, mit schluchzender, brüchiger Stimme sang er „La Paloma“. Unser Vater war sichtlich gerührt – dieses Gefühl zeigte er uns selten, genau wie sein Lachen, denn bevor es anschwoll, erstickte er es erschrocken.
Der Riesling, ein „Winkler Hasensprung“ aus dem Rheingau, funkelte in den Gläsern, Onkel Josef aus Koblenz besorgte diesen verlässlich.

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Olaf, der Vater meiner Enkel, hat das Festessen zubereitet, behutsam zerteilt er das Fleisch der krossen Bio-Gans. Stürmisch werden ihm die Teller entgegen gestreckt. „Ich!“; „Ich!“; „Ich zuerst!“. Fröhliche laute Kinderstimmen verheddern sich ineinander. Er fragt, was ich denn möchte, von dem köstlichen Rotkohl will ich gern probieren.

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Tante Hildchen und Tante Lenchen, immer noch hellblond trotz 87 Lebenslenzen. Lenchens Herzschrittmacher ist gut sichtbar unter der sanften Hauterhebung unterhalb des Schlüsselbeins, chic gekleidet und ihre halbherzige Frage, gerichtet an die Küchencrew, „Kann ich euch helfen?“, wird stets von den tüchtigen, sich im Küchendunst gegenseitig überbietenden Frauen energisch zurückgewiesen.
Diese Cousinen aus dem Rheinland, präsentierten elegant ihre zugegeben schlanken Beine und beförderten mit gespitzten Lippen, so als wollten sie pfeifen, den Dunst ihrer Peer 100 in lustigen Kringeln Richtung Zimmerdecke. Und den an Asthma leidenden Schwippschwager Karl veranlasste dieses Verhalten zu einem ungezähmten Wutausbruch.
Ich beobachtete interessiert den sich anbahnenden Zwist, den auch die selbst ernannten Schlichter nicht verhindern konnten und bestaunte dabei die üppigen Ringe an den welken Fingern sowie die stoisch-freche Haltung selbstbewusster Junggesellinnen, welche keineswegs gegenüber den sich wild gebärdenden Odenwälder bereit waren, ihr Zigarettchen im Freien zu genießen.

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Nachdem das Festmahl beendet ist, wünsche ich mir ein Erinnerungsfoto von diesem besonderen Tag im Hause meines Sohnes, welches bezeugt: „Wir gehören zusammen!“.
Doch viel gemütlicher ist es, sich bei einem alten Grappa angeregt zu unterhalten, oder besser noch, sich den zahlreichen Geschenken zu widmen. Naja, vielleicht gelingt uns dann endlich nächstes Jahr ein Familiengruppenbild.

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Anmerkung:

Mein Sohn verstarb im darauf folgenden Jahr mit nur 49 Jahren an einem Herzinfarkt…

… und es bleibt nichts so, wie es einmal war.


Autor: galen

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