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Die Verwandten kommen...

Die Schwester der Mutter reiste, samt Gatten und wohlgeratenem Sohn, zweimal im Jahr ins ferne Westfälische.
Im Gepäck einen dicken Ring Fleischwurst vom „Schmitze Franz“, welcher als Metzger ein alteingesessenes Geschäft mit seiner 78- jährigen Mutter in Tante Lenis Heimatstadt führte.Im Gegenzug nahm die Tante dann zwei Laibe des köstlichen Hannoveraner Roggenmischbrotes mit zurück nach Hause, denn dort war ein solch ausgezeichnetes Brot noch völlig unbekannt.

Die Fahrt ins Weserbergland barg so manche Tücke, der beige Mercedes des Onkels, ein 180iger Diesel, brachte es gut und gerne auf 115 „Sachen“ und Onkel Josefs Fahrstil sollte man sich besser unterordnen, ansonsten erfüllten ohrenbetäubende Schimpfkanonaden den Innenraum des Gefährts.Oftmals ereignete sich kurz hinter der Grenze ins Westfälische eine hitzige Debatte.
Der Onkel wütend über die vermeintlich unmögliche Fahrweise harmloser Verkehrsteilnehmer, bedachte allesamt als „sture Westfale-Köpp“.

Schwarz-Weiß-Foto einer Familie in den 50er Jahren beim Tischgebet

Die Kinder des Besucherhaushaltes wurden schon Wochen vorher ermahnt, sich artig zu verhalten und stets daran zu denken, wenn Tante Leni und Onkel Josef da seien, bevor man anfängt zu essen, zuerst ein Gebet gesprochen würde.
Dies wiederum rief den Herrn des Hauses auf den Plan: „Wenn die Bagage kommt, wird gebetet?“, ereiferte er sich, „Kommt nicht in Frage!“
Aufgebracht wies ihn die Mutter zurecht: „Das sage ich dir, wenn meine Schwester mich besucht, gebietet es der Anstand, dem Gast ein Gebet bei Tische zu gestatten.“
„Und ich möchte weder Politik noch die Kirch' zum Gesprächsthema!“

Nun ergab es sich zum Glück dann so, wie es die katholische Mutter gewünscht, nachdem die kleine Gesellschaft ein kurzes Gebet „Der Herr sei unser Gast usw.“ gemurmelt, löffelten neun Menschen unterschiedlichen Alters und Gesinnung friedlich die vorzügliche Markklößchensuppe.

Nur der Hausherr rutschte unruhig auf seinem Stuhl, schließlich neigte er sich zu seinem Schwager, verzog seinen Mund spöttisch und erhob die Stimme: „Der Adenauer, dieser Drecksack betreibt, seit er dran ist, Vetternwirtschaft!"
„Wilhelm, was habe ich dir gesagt!“, empörte sich seine Frau, „Verdammt nochmal kann man nicht in Ruh esse ohne die schmutzisch Politik?!“
„Genau“, kam ihr die Schwester zur Hilfe, „Politik gehört net an de' Tisch!“
Der Onkel allerdings konnte und wollte natürlich solch eine infame Unterstellung nicht unerwidert im Raume stehen lassen, denn es war für ihn eine Ehrensache als Katholik diesem Staatsmann treu gewogen zu sein.
Ärgerlich, ja geradezu überheblich, dozierte er: „Der Adenauer hat all die Kriegsgefangene heimgeholt, ich war lang genug bei de Kommuniste. (Damit meinte er seine leidvollen Erfahrungen während seiner Kriegsgefangenschaft in Russland) All de Ruude (die Roten) in de Sack gestoppt und druffgeschlache, da triffste immer de Rischtische!“
„Jetzt hör aber mal zu, wer hat denn die Russen zuerst überfallen?“, entrüstete sich der Hausherr, „hast du das etwa schon vergessen?“
„SCHLUSS JETZT!“ ereiferten sich die Frauen!
Nun änderte der Gastgeber seine Taktik, und etwas leiser, ja fast versöhnlich, so als wolle er Onkel Josef zu seinem Komplizen machen, meinte er: „Ist das nicht eine Schweinerei, dass die Pfaffen von der Kanzel herab den Leuten predigen, was sie zu wählen haben?“

Onkel Josef führte gerade ein Stückchen des köstlichen Rinderbratens zum Munde und nachdem er es seinem Magen übergeben, erwiderte er in selbstgefälligem Brustton: „Die Leut wisse schon selbst, wasse zu wähle habbe, und ihr Sozis konnt noch nie mit‘m Geld umgehe.“
Tante Leni rief mit rotfleckigem Hals und sich fast überschlagender Stimme aufmunternd in die Runde: „Gell mir lasse es uns jetzt gut schmecke!“

Und die Kinder begrüßten jubelnd den Schokoladenpudding samt Vanillesoße.
Wilhelm jedoch, der Sozialist durch und durch, musste wieder einmal erkennen: „Selbst 12 Jahre nach dem unseligen Krieg haben diese Betonköpfe (so nannte er die Schwarzen) immer noch das Ruder fest in der Hand!“

Denn dieser Rezo tummelte sich doch glatt noch ganze 62 Jahre im großen Teich --- welch Pech für so manch zu früh Geborenen…

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