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Die Straße meiner Kindheit

Das Kopfsteinpflaster glänzt wie schwarzes Gold nach dem Regen. So wie damals, als wir auf der Bordsteinkante saßen und die Sonne sich wieder hervortraute nach einem kräftigen Sommergewitter.

Brigitte, Marlies, Bernd und ich tauschten voller Eifer bunte Glasmurmeln. Autos belagern heute den Rand des Bürgersteiges und ich sehe keine Kinder, die ihn vermissen könnten, diesen herrlichen Sitzplatz.

Kopfsteinpflasterstraße mit Häusern gesäumt

Die Häuser, manche leider ihrer großen Gärten beraubt, begrüßen mich wie alte Bekannte. Gegenüber meines Hauses wohnte Ingrid, deren Veranda diente uns zu ganz besonderen Spielen wie „Mutter und Kind“ oder „der Doktor kommt“.

Links daneben steht Michaels Elternhaus, der semmelblonde Junge war der beste Freund meines Bruders. Erika zog irgendwann im November aus Osnabrück in das Haus Nr.25 am Ende der Straße.

Wir Kinder tobten nach kurzem Beschnuppern mit der „Neuen“ im frühen Herbstdunkel durch das rotgelbgrüne Laub, türmten es zu großen Haufen und wälzten uns übermütig darin.

Und Frau Holle sorgte stets zuverlässig für genügend Schnee. Auf drei bis vier zusammengebundenen Schlitten sausten wir unentwegt den nahen Rosenhügel – haarscharf an dicken Eichenbäumen – wild kreischend hinab.

Die Mansardenwohnung in unserem Haus beherbergte Frau Marx, eine alte Dame. Die begegnete uns nie, sie sei sehr krank, tuschelten die Erwachsenen.

Unser täglich lärmendes Spiel im Hof mag oftmals bis zu ihren Ohren gedrungen sein, doch wir Kinder wussten noch nicht, wie er sich anfühlt, der nahe Tod.

Doch eines Tages ahnten wir, dass der Sensenmann Frau Marx geholt hatte, denn vor dem Haus, stand eine Mülltonne, randvoll mit angebrochenen Pillenschachteln, sowie etlichen kleinen, braunen Arzneifläschchen.

Eine Abordnung der Hausgemeinschaft trug das kleine Blumenbouquet zum Grab, welches die Mitbewohner gemeinsam der Frau Marx zum letzten Geleit spendierten.

Die Vorgärten sind heute ein wenig verwildert und die Jugendstilbalkongitter bitten um frische Farben. Ich „sehe“ meine Mutter im Spätsommerlicht verborgen hinter den Efeuranken auf dem Balkon ihren Kaffee genießen und entdecke dieselben Fenster, aus denen ich einst oft schaute, um den neuen Tag zu begrüßen. Jetzt blicken fremde Menschen aus "meinen Fenstern" und sie wissen natürlich nicht, wer sie gerade von der Straße aus neugierig beobachtet.

Die pensionierten Studienrätinnen, zwei Schwestern, Ursula und Käthe, bewohnten die Etage über der Belle Etage. "Fräulein" Käthe Blöhm, die kleinere, energischere von beiden, schenkte mir ein Poesiealbum zur
ersten hl. Kommunion.

Nachdem meine Lehrer mahnende Worte in diesem verewigten und ich es Agnes gab, weil sie so toll zeichnen konnte, Ilse, Waltraut und Karin es mit Lackbildern schmückten, bekritzelte ich die restlichen freien Seiten nach meinem Gusto. „Wenn das Fräulein Blöhm wüsste“, jammerte bedauernd meine Mutter.

An Regentagen spielten wir gern im Treppenhaus, saßen auf den breiten Flurfensterbrettern mit unseren Anziehpuppen, welche aus dünner Pappe gefertigt waren und denen viele wunderschöne Kleider aus Papier säuberlich ausgeschnitten und angeheftet wurden.

Jetzt wagte ich nach langer Zeit mal wieder einen Blick in das imposante Treppenhaus, betaste die aufwändige Holzschnitzerei entlang des Geländers und entdecke zu meiner Freude dies herrliche Bodenmuster aus echtem Marmor wieder. Die Zeit schien stehengeblieben zu sein, zumindest an diesem Ort.

Ich steige die zum Teil arg ausgetretenen Stufen empor, stehe vor unserer ehemaligen Wohnungstür. Neben mir wohnte Bärbel, meine liebste Freundin aus Kindertagen.

Ihr Vater, ein Major a.D., begab sich sonntäglich heftig schnaubend die unter seinem Gewicht enorm knarrende Holztreppe hinab, hob dabei eindrucksvoll seine rechte buschige Augenbraue und klemmte sich dann umständlich ein Monokel vor das Auge.

Sonntags pünktlich um 12:00 Uhr war das Speiselokal "Zum Deutschen Haus" am alten Markt sein Ziel, warum er stets dort allein speiste, blieb sein Geheimnis. Ehrfürchtig beobachtete ich ihn, wenn wir uns zufällig auf der Treppe begegneten und ich schlich mich blitzschnell an ihm vorbei, denn Welten trennten uns, die mindestens bis zum Mond reichten.

Nun stehe ich immer noch vor meiner ehemaligen Wohnungstüre, wage es jedoch nicht die Kindheitsschelle zu wecken, welche wunderschön verziert samt blankgeputztem Messingknopf. Und steige die immer noch sanft knarrende Holztreppe unverrichteter Dinge wieder hinab.

Denn längst verweht meine Freude auf die bunten Ringelsöckchen, im Sommer, dies Wohlgefühl, inmitten all der Menschen, welche mir so sehr vertraut.

Autor: galen

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