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Der Rumtopf...

Edwin, ein eigenbrötlerisch veranlagter Junggeselle jenseits der achtzig, war, entgegen anderer Menschen, mit einem feinen Gespür bezüglich bevorstehender tiefgreifender Veränderungen gesegnet. An einem Novembermorgen, welcher in herbstgraue Nebel gehüllt, beschlich Edwin ein vages Ahnen. Dies verdichtete sich schließlich zur Gewissheit, sein Tod sei nahe, die Lebensuhr abgelaufen.

Glas mit rotem Getränk

Edwin war auf diese Botschaft vorbereitet, die ihm wichtigsten Dinge hatte er längst säuberlich geordnet und genau festgelegt, wer was aus seinem Besitze bekam. Das herausnehmbare bernsteinfarbene Glasauge (mit diesem er hin und wieder derbe Späße trieb) solle Berloff erhalten, der Hauswart. Die Isolatoren-Sammlung, die er aus den stillgelegten Überlandstromleitungen an sich nahm, war fest der Kreativ-Werkstatt “Neu war gestern“ versprochen. Schließlich bedachte er Fräulein Gutewohl mit den noch aus großmütterlichem Besitz stammenden Eichenmöbeln, das Bett, eine Nachtkonsole, der ovale Tisch, samt dreier Stühle, deren Sitzflächen ein feines Korbgeflecht zierte. Die vier weißen Unterhosen mit Eingriff, sechs Feinrippunterhemden, drei Paar mittelgraue Socken, zehn sorgsam gefaltete Herrentaschentücher, zwei Kleinkarooberhemden, die olivfarbene Alltagshose, sowie der restliche Hausstand waren als Spende für den Verein „Geben ist seliger denn nehmen“ vorgesehen. Letztendlich bestimmte Edwin, die gefütterte Winterjacke und Kaninchenfellmütze, das feste Schuhwerk werden Kurt, dem Mann seiner verstorbenen Cousine Gudrun, gehören.

Die Kleidung, die ihn beim Heimgang begleiten wird, wartete Mottenkugel-müffelnd seit geraumer Zeit geduldig im zweitürigen Nussbaumschränkchen, welches seinem Vermieter zugedacht. Edwin rasierte sich sorgsam und genoss das Geräusch der scharfen Klinge beim Abschaben des Schaumes. Dann schlüpfte er bedächtig in das gestärkte, schlichte Oberhemd, stieg in die dunkle Hose mit Bügelfalte und übergab seine Füße baumwollenen dunklen Socken, auf Schuhe verzichtete er. Streckte sich auf dem Bette aus, doch blieb unbedeckt, legte seine Hände über Kreuz und schloss das ihm noch verbliebene Auge. „Ich bin bereit“, sprach er und ohne das geringste Zittern in der Stimme bot er seine Seele dem Schöpfer an.

Zuerst zögerlich, dann ein deutlich heftigeres Pochen ließ Edwin zusammenzucken, nun kommt er, der Tod – „Gott, erbarme dich meiner!“ „Herr Beitlich, störe ich?“ Fräulein Gutewohl steckte ihren graufarbenen Haarschopf durch den Türspalt. „Ja, Sie stören, ich sterbe gerade“, entgegnete Edwin barsch. „Mein Rumtopf ist heuer vorzüglich, 56-prozentiger Rum, Johannisbeeren, Pflaumen, Brombeeren, blaue Trauben, ich möchte Ihnen ein Gläschen davon bringen…“ „Hmm... Geben Sie her... Delikat.... Sehr... Delikat...“ Edwin leerte das Glas in einem Zuge und ließ die zuckrig getränkten Früchte hastig auf seiner Zunge zerschmelzen, denn der Tod wartet nicht. „Fräulein Gutewohl, dürfte ich vielleicht noch ein kleines Gläschen? Gott vergelt’s!“ Fräulein Gutewohl reichte dem bald auf dieser Erde nicht mehr Weilenden ein bis zum Rande gefülltes Trinkgefäß, sie selbst genoss schon seit dem frühen Mittag das schmackhafte Gebräu.

Edwin lockerte den Hosenbund des feierlichen Beinkleides, wohlige Wärme durchströmte seinen mageren Körper, dann knöpfte er zwei handbreit das Totenhemd auf, Fräulein Gutewohl kicherte schamhaft beim abermals großzügigen Befüllen der Gläser. Dieser Topf, welcher den köstlichen Trunk bewahrte, ein solides braunes Steingutbehältnis, das Fräulein Gutewohl von ihren Eltern übernahm, lud unentwegt ein, aus ihm reichlich zu schöpfen, das Sterbezimmer duftete inzwischen nach vergangenen Sommern und christlicher Seefahrt.

Mit erhitzten Wangen beugte sich Grete (so der Vorname Fräulein Gutewohls) über Edwins Antlitz, zaghaft näherte sie sich dem Lebensmüden, sie lallte, „wir trinken jetzt auf Du - ich bin die Grete... Prost!“ Dann rutschte ihr Mund ungelenk feuchtquer über die furchige Wange des sich bereits im gnädigen Rausche Befindlichen und weilte für drei Sekunden auf seinen dürren Lippen. Als der Inhalt des Rumtopfes sich der Neige näherte, bettete Grete seufzend ihren weichen, fülligen Körper dicht neben dem sanft Schlummernden. Dieser wähnte sich bereits himmlischer Sphären glückhaft nahe, spürte ein prickelndes, heftiges, ihm bis dahin völlig fremdes Begehren... Behaglich grub er sein Haupt tief in den Schoß wohlriechend draller Weiblichkeit...

„Gevatter Hein, habt Dank... Welch Herrlichkeit ist es doch, tot zu sein...“, murmelte er selig...

Autor: galen

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