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Das letzte Mal

Meine Großmutter mütterlicherseits war Zeit ihres Lebens gesegnet mit einem unerschütterlichen Realismus sowie der Gabe stets zufrieden zu sein. Als ich wie jedes Jahr bei meiner Patentante die Schulferien verbrachte, Oma Margarete, welche schon weit über 80 Jahre alt war, lebte inzwischen in diesem Haushalt, fand folgendes Gespräch zwischen der Tante und der Oma statt:

Sonnenaufgang im Wald

„Mudder du brauchst e‘ neu Strickjäcksche!“

„Leni dat is doch noch gut genuch…“

„Nä guck doch dat is schon ganz verwasche!“

„Ich brauch kei neu Jäcksche Leni, dat lohnt sisch doch net mie...“

Lange überlegte ich, warum sich denn eine neue Strickjacke für die Oma nicht mehr lohnen würde? Heute weiß ich es natürlich. Die alte Frau war sich bewusst nicht mehr viel Zeit auf Erden zu haben. Sie empfand es deshalb als unsinnig, für etwas Geld auszugegeben, das für sie noch ausreichend schien.

Ich ertappe mich inzwischen immer öfters bei diesem Gedanken. Beispielsweise, wenn ich mir ein neues paar Schuhe für einen bestimmten Anlass kaufe. Dann frage ich mich: Sind dies jetzt etwa schon meine Letzten? Oder neulich auf der Zugspitze. Das war jetzt wohl das letzte Mal. Und ist diese Wohnung in der ich zur Zeit lebe schon meine Letzte? Habe ich zum letzten Mal die freundliche alte Dame gesehen, welche mir morgens mit ihrem Dackel begegnet? Ist es das letzte Mal gewesen den Mittenwalder Höhenweg zu gehen? Ist das jetzt vielleicht schon meine Letzte Couch? Lohnt sich eigentlich noch eine neue Küche?

Nun, es gibt natürlich auch Dinge, bei denen ich froh bin, dass es
die Letzten sind. Etwa eine Mehrwertsteuererhöhung, schreckliche Unwetter oder das Telefonat mit einem lästigen Zeitgenossen. Aber auch Gedanken, wie neulich beim Optiker: „Hey, das könnte jetzt glatt meine Letzte sein.“ Andererseits gibt es dann auch Momenten wie später zu Hause, als Herbert meinte: „Du, ich hab’s mir überlegt. Die Karre nehmen wir, denn es ist ja sowieso unsere Letzte!“

Trotz besseren Wissens vom Endlichen, fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass alles was mir gefällt, ein letztes Mal sein könnte. Weil mein Herz ein kleines Klammeräffchen ist. Dennoch spielte ich ein letztes Mal auf der Straße in Frankfurt mit Bärbel Hinkelpott, hatte ein letztes Mal Geburtstag, bevor ich ein Schulkind wurde, tobte zum letzten Mal mit zahlreichen Freunden aus der Goebenstraße im Hof. Ich vernahm das letzte Wort meines Lehrers, spürte die letzte Umarmung von Oliver. Doch ein letztes Mal Schmetterlinge im Bauch? Gibt's nicht!

Meine Oma weinte damals, wenn sie nach einem Besuch bei uns wieder abreiste. Ich dachte als Kind, sie sei traurig, dass die schöne Zeit nun vorbei ist.
Doch heute weiß ich es besser. Sie fürchtete: „War dies wohl das letzte Mal?

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