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Das Diktat der Mode

Es gab tatsächlich mal Zeiten, in denen es undenkbar war, unfrisiert aus dem Haus zu gehen. Heute ist das voll normal. Und wenn ein Unterrockzipfel hervorblitzte, kletterte die Schamröte bis unter‘n Haaransatz. Scharfe Bügelfalten gehörten zu einer Hose wie der Hüfthalter samt Stäbchen unters Jerseykleid einer Mittfünfzigerin. Der adrette Plisseerock plus beigen Gabardinemantel, zierliches Schuhwerk ohne schiefgetretene Absätze? Attribute der gepflegten Dame.

Die akzeptable Länge eines Pepita-Rocks endete drei Zentimeter unterm Knie und exakt gerade Nähte der Nylons schmückten mehr oder weniger wohlgeformte Damenwaden, nichts war verrutscht und ungebügelt, äußerst peinlich wenn gar ein Knopf abriss oder eine Haarspange nicht parallel zum Scheitel saß. Ein Fleck oder etwa Loch auf/ in der Rüschensonntagsbluse kam einem Stigma gleich.
Der Duft der Mottenkugeln, dies Parfüm des Argwohns, gehörte zum guten Ton. Den Jahreszeiten gemäß wählte man die Kleidung, es war ja Verlass auf diese Vier. Frühlingsblüten, Sommertraum, vom Herbstgold in die Winterfrische!

Männer nicht ohne Hut, und die holde Weiblichkeit stets mit dauergewelltem Haar. Das Kostümchen in gedeckten Farben war reserviert für die älteren Jahrgänge; das nette karierte Kleidchen mit blendend weißem Krägelchen dem Backfisch zugedacht.
Die Kleiderordnung definierte klar, wer was wann wie wo zu tragen hatte!


Doch die fortschreitende Zeit mutete dem *deutschen Wesen mit Elvis the Pelvis, Mick Jagger, Woodstock, der Kommune 1, Oswald Kolle, Alice Schwarzer und der Losung: „Wer dreimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ fast Unerträgliches zu.
Petticoats, 14cm Stöckelschühchen, die Haare fetzig hochtoupiert: Was einst ein Backfisch war, ist nun ein Teenager.
Mini, Maxi, Pantoletten, Hot Pants, und Schuhanzieher für Röhrenjeans, manch Röckchen wippt lässig knappe Schlüpfer ans Licht. Hosenbeine extra long kehren Bürgersteige und Büstenhalter landen in der Mülltonne. Gelb-lila Strähnchen, geschickt auf unfrisiert gestylt, Flip Flops oder Stiefel bis zum Po, plus aufwändig gelochter Jeans.
Rasierte Jungmännerschädel, auf deren Köpfen sich gestyltes Resthaar langweilt.
Mit Leinenboots im hohen Schnee, total der Hammer.

Neulich sah ich ‘ne freche Alte in Springerstiefeln, deren Retro-Shirt forderte auf seiner Rückansicht jeden, der lesen kann, auf: Fuck yourself!
Doch die Hauptsache ist immer noch – wir haben Spaß!

…oder?

Das Diktat der Mode

Autor: galen

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