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Bubblegum

alte Fotografie eines Mädchens

Frankfurt am Main, kurz nach dem Krieg. Zerbombte Häuser, provisorisch hergerichtete Wohnungen und die ersten kleinen Geschäfte, welche das Notwendigste gegen Lebensmittelmarken anboten.

Menschen geduldig wartend, in langen Reihen vor den Läden.

Es herrschte Aufbruchstimmung. Man war froh entkommen zu sein, dem Bombenhagel, den Grausamkeiten welche, ein Krieg beschert.

Die Sonne wieder genießen zu dürfen, einen geregelten Tagesablauf zu erleben, ohne Angst.

Und mittendrin wir Kinder, unbefangen und neugierig, tobten wir zwischen den Trümmerfrauen auf den Schutthalden, beobachteten deren Tun, Stein um Stein sich reichend, Ordnung schaffend.

Mutproben, ein beliebtes Spiel, sich in den vom schweren Deckel befreiten Gulli zu hängen, wer es am längsten aushielt, war Sieger oder auf den wackeligsten Trümmermäuerchen zu balancieren, ohne runter zu fallen.

Die amerikanische Besatzungsmacht beherrschte das Stadtbild, die Soldaten besaßen herrliche Dinge, von denen die Erwachsenen endlos schwärmten, Lucky Strike, Nylons, Schokolade und Chewing Gum! Dies war etwas zum Kauen, doch man durfte es nicht runterschlucken, das kannte ich noch nicht, es faszinierte mich ungeheuer. Mein größter Wunsch war es, solch ein Chewing Gum zu besitzen.

Eines Tages, meine ältere Schwester Margit kam aus der Schule und hielt mir triumphierend ein längliches, flaches, kleines Päckchen unter die Nase: Ein Chewing Gum!

Hastig wollte ich danach greifen, doch flink zog sie es zurück, mein Kaugummi, sagte sie leichthin, den habe sie von Gundula, denn ihr neuer Papa sei ein Ami.

Dann wickelte sie das Päckchen aus, zerknüllte das silberne Papier und schob sich genüsslich diese Köstlichkeit vor meinen bittenden Augen in den Mund.

Eifrig kauend verließ Margit den Raum, ich lief ihr hinterher. „Wenn du zu Ende gekaut hast“, rief ich bettelnd, „bekomme ich dann das Kaugummi?“ „Aber erst dann“, sagte sie von oben herab.

Von da an ließ ich sie nicht mehr aus den Augen, folgte ihr auf Schritt und Tritt, mein Blick gebannt auf ihre Lippen geheftet. In regelmäßigen Abständen fragte ich: „Bist du jetzt fertig?“ „Noch nicht“, erwiderte Margit hartherzig grinsend.

Nach, wie mir schien, einer Ewigkeit, nahm sie endlich ein kleines, gräulich verfärbtes Kügelchen, aus ihrem Mund, und reichte es mir gönnerhaft.

Aufgeregt nahm ich das zerknüllte, harte Gebilde entgegen und schob es hastig in den Mund, respektvoll bekaute ich es und kaute und kaute, welch großartiges Gefühl, kauen ohne Ende, nur um des Kauens Willen.
Ich lief eifrig kauend auf die Straße, wollte unbedingt Bärbel meiner Freundin dies endlose Kauerlebnis vorführen.

Ein kleines bisschen enttäuschte es mich dann doch, dass ein Kaugummi so nach gar nix schmeckte.

Autor: galen

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