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Als man noch Briefe schrieb

Wer kennt sie nicht, diese besonderen Tage, regengrau, am liebsten möchte man jeden Spiegel verhängen. Sie weiß heute nichts rechtes mit sich und der Welt anzufangen, 'ne andere Frisur vielleicht? Das hat ja immer schon funktioniert: Haare ab und zack… winkt ein neues Leben.

Was wollte sie denn schon seit langem tun, nur es fehlte schlicht an Zeit? Ah ja, diese Fotografie könnte sie endlich mal raussuchen, die, auf der sie und Karin ihre alte Schulfreundin beim Zuckerwatte-Wettessen abgelichtet sind.

Augenblicklich begibt sie sich an die Arbeit, steigt auf einen wackeligen Stuhl, kippelt gefährlich und angelt ungeschickt aus der hintersten Ecke des obersten Schrankfaches einen Stapel alter Glückwunschkarten und Briefe.

alte Briefkuverts

Ausgerechnet aus jenem Fach, dessen Inhalt gerne die Chance wahrnimmt, vereint in die Freiheit zu purzeln. So auch diesmal, es prasseln teils gebündelte, teils zerrissene, teils einzelne Karten und Briefe übermütig zu ihren Füßen.

Einigen von ihnen fehlen die Postmarken, brutal herausgeschnitten von ihrem Bruder dem Hobby-Philatelisten, jedoch leider keine Fotos unter den, an sie gerichtete Botschaften. Sie hockt sich nun mitten in die Flut der schon teils arg verblassten, doch damals für sie enorm wichtigen Mitteilungen.
Greift wahllos zu einem gelben, schon etwas zerfledderten Kuvert. Dessen Inhalt enthält die Frage eines Volkers: „Willst du mit mir geh‘n?“ Wer war jetzt verdammt nochmal Volker?

Oh, hier ein Hilferuf von Cousine Gabriele. Sie befindet sich in einem Landschulheim und vergeht vor Heimweh. Wohlmeinende Ratschläge der Patentante in ordentliche Sütterlin gefärbte Buchstaben verpackt, und sie erinnert sich an ihre erste, von ihr für sie genähte Karohose. Einige Geburtstagsgrüße der Kollegen, witzige Bildkarten zum 18. oder gar 20., Himmel: dem 25.!

Dieser hellblaue Umschlag weckt sofort ihre Neugier: eine Nachricht von Frederic, dem lustigen, stets gut gelaunten verheirateten Schwerenöter, welcher sich stolz brüstete „immer unter Strom zu stehen“. Ihr, damals süße 17 ½, war so manches total gleichgültig, nachdenklich liest sie nun dessen doppelzüngigen Versprechen.

Den weißen Brief schmücken ernste, steile Druckbuchstaben, eine traurige Mitteilung. Horst kündigt die fast einjährige, zarte Liaison. Mit vorwurfsvoller Anklage verabschiedet er sich, doch den Schmerz des „sie immer noch gern mögens“, können diese nicht vollends verbergen.

Und sämtliche Briefe von Dirk sind noch da. Sie öffnet das mit einer roten Schleife verschnürte Briefbündel, Dirk, der unermüdliche Schreiber, viele Jahre später kam ihr zu Ohren aus ihm sei ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden.

Die beste Freundin berichtet von ihrem Liebeskummer, ja, den hatten sie zu Genüge, denn zahlreiche elterliche Verbote sorgten stets für ein baldiges Ende einer Liebelei - wenn auch bereits zur Frau gereift, doch immer noch nicht volljährig.

Der treue Brieffreund Arnd schrieb ihr damals an die Adresse einer Schulfreundin, denn ihr Vater verbot jeglichen Umgang mit ihm. Weshalb hat er ihr nie verraten. Erfreut liest sie Arnds lustige, unterhaltsame Zeilen, welche sein positives Wesen widerspiegeln. Arnd hoffte insgeheim, dass sie einmal seine Ehefrau würde.

Seufzend schnappt sie das nächste Schreiben. Es ist von Falk, diesem Traumboy, der Schwarm fast aller Mädchen, blond, süß, sexy. Sie erinnert sich an die weichen Knie, welche sie bekam, als er sie zum allerersten Tanz aufforderte. Doch Falk konnte einfach den Versuchungen nicht widerstehen, es gab zu viele hübsche Girls in der Endlos-Warteschleife.

Dann entdeckt sie den hellgrünen Umschlag und erkennt sofort die zügige Schrift, leicht, fast filigran. Liest nun Sätze, welche sie damals total überforderten. Es ist ein echter Liebesbrief, voller Intensität, ein Ausdruck tiefer Gefühle plus unerfüllter Sehnsucht, erst jetzt begreift sie die Seelenbotschaft des einst doppelt so alten Mannes.

Und fast hätte sie ihn übersehen, den hellgrauen größeren Umschlag, von ihren Eltern. Sie überfliegt oberflächlich die Zeilen von ihrer Mutter, wie üblich gespickt mit etlichen Ermahnungen sowie wenig interessanten Neuigkeiten. Doch dieser merkwürdige Satz zum Schluss, geschrieben von ihrem Vater in seiner unvergleichlichen kraftvollen Schrift, lässt ihr Herz bis zum Halse pochen: „Grüße an mein Goldkind“. Das hat ihr Vater geschrieben? Mit dem sie zeitlebens auf Kriegsfuß stand? Schreibt ihr solch einen lieben Gruß? Dann erinnert sie sich plötzlich an dessen fabelhafte Begabung, der feinen Ironie, und seine Vorliebe für Häme. Die an sie gerichteten liebvollen Gedanken des Vaters beginnen auf der Stelle vor ihren Augen zu schwimmen.

Sie rafft hastig sämtliche Grüße, Wünsche, Klagen, Ermahnungen, Schwüre, Hoffnungen und Sehnsüchte zusammen und schickt sie postwendend zurück ins Land der schlummernden Erinnerungen, oberstes Schrankfach rechts.

Und wie verlief ihr restlicher Tag? Na ja, die Sonne erschien wieder zur Arbeit und sie entschloss sich, nein, nicht den Kühlschrank abzutauen, sondern ihr Haar zu modernisieren, ließ sich bei Shan Rahmikhan einen echten Buzz Cut verpassen.

Autor: galen

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