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Der Engel trägt Jeans

Es beginnt voll froher Erwartung: „Wir haben zwei Babys in Mamas Bauch“, verkündet Jacob, der zukünftige große Bruder, stolz. Oma drückt es altmodisch aus: „Meine Tochter ist guter Hoffnung mit Zwillingen.“ Die ganze Familie freut sich auf das Glück im Doppelpack.

Nach vier Wochen teilt der Arzt die erste traurige Nachricht mit: Eines der beiden Menschlein wird niemals das Licht der Welt erblicken; es ist tot, bevor sein Leben richtig beginnen kann. Der Fötus hat sich in der Gebärmutter verkapselt und wird voraussichtlich bei der Geburt seines Geschwisterkindes den Körper der Mutter verlassen. Allerdings bleibt ein großer Trost: Der andere Embryo entwickelt sich gut; er ist anscheinend nicht gefährdet. Die Familie schwankt trotzdem jetzt täglich, ja stündlich, zwischen der Angst, auch das zweite Baby zu verlieren und der Hoffnung auf die Geburt eines gesunden Kindes.

Eva steht auf dem Speicher und packt die Kiste mit Jacobs Säuglingskleidung aus. Die Sachen müssen vor der Ankunft des neuen Erdenbürgers gewaschen werden. Traurig denkt Eva an ihr totes Baby. „Mein kleiner Engel. Ich liebe dich.“ Sie streichelt ihren Bauch, empfindet dabei schmerzhaft eine seltsame Leere; eine Leere allerdings, die hoffentlich bald von dem verbliebenen in ihr heranwachsenden Zwilling geschlossen wird. Im Halbdunkel einer dämmrigen Ecke erblickt Eva plötzlich eine schemenhafte, fast durchsichtige Gestalt. Was macht dieses fremde Kind auf ihrem Speicher?

„Wer bist du? Wie heißt du?“
„Du hast mich vorhin Engel genannt. Der Name gefällt mir. Bleiben wir doch einfach dabei.“ „Ein Engel? Seit wann tragen Engel Jeans und ein T-Shirt mit aufgedrucktem Kicher-Smiley-Gesicht? Wo sind deine Flügel?“ Eva bekommt keine Antwort. Der kleine Junge ist verschwunden.

In der zwölften Schwangerschaftswoche eine weitere erschreckende Nachricht. Bei der Ultraschalluntersuchung wird beim Embryo eine Verdickung der Nackenfalte diagnostiziert. „Das könnte ein Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom sein“, versucht der Arzt den Eltern schonend beizubringen. „Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt 1:4.“ Er empfiehlt eine Fruchtwasseruntersuchung. Weinend geht die werdende Mutter am Arm ihres Ehemannes, in dessen Augen ebenfalls Tränen glänzen, nach Hause. „Ich lasse keine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen. Dann besteht die Gefahr einer Fehlgeburt. Ich will nicht auch noch den zweiten Zwilling verlieren. Außerdem dient ein auffälliger Befund nur dazu, die Schwangerschaft rechtzeitig abzubrechen. Das kommt für mich erst recht nicht in Frage.“

Vor ihr geht – nein, schwebt – der kleine Engel, den außer ihr anscheinend niemand sieht. Er stoppt an einem Geschäft mit Babyartikeln. Auch Eva bleibt stehen, betrachtet im Schaufenster die mit einem Strampelhöschen bekleidete Puppe. Vorne auf dem Bauch strahlt fröhlich ein Kicher- Smiley-Gesicht, genau wie auf dem T-Shirt des kleinen Jungen. Staunend sieht ihr Mann Eva nach, die spontan im Laden verschwindet. Als sie kurz darauf mit einer Tragetüte zurückkommt, sind ihre Tränen fort gewischt, sie lächelt sogar zaghaft.

Es folgen Wochen voll zuversichtlicher Hoffnung, wechselnd mit bangen Fragen. Inzwischen weiß die Familie, es wird ein Junge. Nein, Eva kann sich nicht unbeschwert freuen wie bei der Schwangerschaft mit Jacob. Sie versucht, die traurige Nachricht zu verarbeiten. Zum Glück erfährt sie die volle Unterstützung des werdenden Vaters. „Wir nehmen das Kind so an, wie es uns geschenkt wird. Sollte es behindert sein, so sind wir für dieses Kind als seine passenden Eltern ausgesucht worden.“

Ja, es gibt Zeiten, da bemüht sich die Familie, voll Vertrauen in die Zukunft zu sehen. Schließlich sprach der Arzt von einem Risiko von 1:4. Das bedeutet, die Chance ein gesundes Baby zur Welt zu bringen, ist dreimal so hoch wie die Gefahr, ein Kind mit Down-Syndrom zu gebären. Doch diese zuversichtlichen Augenblicke sind kurz. Die überwiegende Zeit versuchen sie, auch auf das Schlimmste gefasst zu sein. Nicht nur die werdende Mutter, auch der Vater, die Großeltern, alle sind voller Sorgen, selbst der kleine Jacob merkt, dass etwas nicht stimmt. „Warum bist du immer traurig Mama?“ „Alles wird gut“, versucht Oma zu trösten. Eva hasst diesen Spruch. Wie kann man etwas versprechen, auf das man keinen Einfluss hat?

Immer öfters besucht sie jetzt der kleine Engel und Eva fühlt sich während seiner Anwesenheit auf wunderbare Weise getröstet. „Es ist schön, dich lächeln zu sehen“, sagt er eines Abends und strahlt sie an. Eva sitzt an Jacobs Bettchen und erzählt ihm eine Gute-Nacht-Geschichte. „Darf ich?“, fragt der kleine Engel, legt seine Hand auf Evas Bauch und kuschelt sich an ihre Seite. Das Baby strampelt heftig, als wolle es sein Brüderchen begrüßen.

„Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Engel um mich stehn“, singt die werdende Mutter leise, kaum hörbar. Jacob und der kleine Junge, der an ihrer Schulter lehnt, aber auch der Winzling, den sie unter ihrem Herzen trägt, werden ganz ruhig. Nach einer Weile schlafen ihre drei Buben. Schließlich nickt Eva ebenfalls ein. Als sie erwacht, ist ihr lächelnder Engel verschwunden.

Bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung sitzt er an ihrer Seite. „Bist du wieder da?“ Eva spricht es nicht aus, denkt es nur; die Ärztin würde sich wahrscheinlich sonst sehr wundern. Mit dem Engel kann Eva sich über ihre Gedanken unterhalten. Er legt seine winzigen Finger in ihre große, vor Aufregung verschwitzte Hand, betrachtet staunend das Ultraschallbild, auf dem das Herzchen seines Bruders pocht.

„Warum nennst du ihn nicht Chris, nach dem Heiligen Christopherus, dem Schutzpatron der Piloten?“ schlägt der kleine Engel vor. „Weshalb soll ich ihn nach dem Schutzpatron der Piloten benennen? Willst du damit andeuten, dass dein Zwillingsbruder einmal Pilot wird?“ fragt Eva. Statt einer Antwort schmunzelt der Kleine nur. „Schauen Sie, ein Junge, wie ich Ihnen bereits sagte“, bemerkt die Ärztin. „Man sieht es jetzt ganz deutlich. Sie können sich schon mal einen Namen für ihn ausdenken.“ „Er wird Chris heißen“, erwidert Eva.

Während der Geburt steht der kleine Engel ihr bei, flüstert wenn die Wehen stark, fast unerträglich werden, zärtlich tröstende Worte. Dann hält Eva das Neugeborene im Arm, selig, voll überschäumendem Glück. Sie schwebt auf Wolken, würde am liebsten die ganze Welt umarmen. Die erste Untersuchung hat keinerlei verdächtige Hinweise auf eine Anomalie ergeben. Erschöpft von den Strapazen der Geburt schlafen Mutter und Kind, liebevoll von dem nun zweifachen Vater betrachtet, schließlich ein.

Am nächsten Tag ist der kleine Engel wieder da, beugt sich über sein Geschwisterkind, drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. Chris lächelt, strampelt, zappelt mit den Ärmchen, als winke er seinem Bruder zu. Sieht er ihn? Der Engel strahlt seine Mutter an. Dann wird er zu einer durchsichtigen Nebelgestalt, löst sich schließlich ganz auf. Eva weiß, sie wird ihn nie wiedersehen, ihn aber stets im Herzen tragen. Ihr Schmerz um das verlorene Baby wird nachlassen, vielleicht sogar verschwinden.

Erfüllt von zuversichtlicher Hoffnung auf ein glückliches Leben für den kleinen neugeborenen Chris und die ganze Familie, schaut Eva guten Mutes erwartungsvoll in die Zukunft.

Autor: AnnaLuna

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