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Unsere Nachkriegsmeise

Wir Nachkriegskinder, noch am halbgewärmten Ofen aufgewachsen, erkennen einander.
Wir haben manche merkwürdigen Gemeinsamkeiten. Wir knipsen Lichter bei Leuten aus, deren Stromrechnung uns nichts angeht und drehen Heizungen selbst in Hotelzimmern ab. Wir erhandeln wackelige Tische auf Flohmärkten, um sie mit ererbtem Familiensilber zu decken. Und wir würden am liebsten schwarzfahren, wenn wir die teuren Lachsforellen fürs Abendessen gekauft haben.
Aber wir sind keine verschworene Gemeinschaft. Bei uns ist das eher so wie mit dem Geld:
Man spricht nicht darüber, man hat es.

Während die anderen sich genervt in den jeweiligen Einkaufsrummel werfen, bügeln wir mit Hingabe Geschenkpapier und Schleifen vom letzten Jahr. Geschenke an die Lieben in gebrauchtem Papier zu verteilen, ist uns nicht etwa peinlich. Im Gegenteil, ein bisschen verachten wir sie schon, die Neu-Papierler.
Wie soll man das Uneingeweihten erklären? Es ist ja nicht so, dass wir Not litten. Auch wir könnten es uns leisten, Bänder und Bögen zu kaufen. - Nur, das ist nicht unser Stil! - Wir pflegen unseren Spleen und sind empört, wenn die anderen uns um unsere heimlichen Wonnen bringen. Wie können sie es wagen, zauberhaft verpackte Mitbringsel mit Tesafilm zu verkleben? Das ist nun wirklich vulgär! Beim Öffnen zerreißt unweigerlich das Papier!
Hilflos sitzen wir dann da, auch ein wenig verbittert. Was drin ist, interessiert uns kaum noch.
Aber wir horten und bügeln nicht nur Schleifen und Geschenkpapier. Wir kleben auch bröckelnde Seifenreste knetend zusammen und sind Experten im Falten von Zahnpasta- tuben, um auch den letzten Tupfen herauszuquetschen. Lippenstifte halten länger bei uns. Da ein Stück der teuren Masse in der Hülse sitzen bleibt, nehmen wir einen Pinsel zu Hilfe, um auch den letzten Farbrest auf die Lippen zu streichen.

Mit Geiz hat das nichts zu tun, im Gegenteil: Wir geben gern von den Schleifen und Seifen-resten ab. Wir verplempern nur nichts! Wir kauen brav – trotz Diät – die nicht gegessenen Schulbrote unserer Enkel und lassen auch den kalt gewordenen Kaffee nicht verkommen. Wir sitzen in feinen Kaschmirpullovern lieber fröstelnd – bei gering eingestellter Heizung –
in teuren Wohnungen, um Öl zu sparen und hängen unsere Wäsche auf, um den Trockner zu schonen.
Vielleicht haben wir eine spartanische Marotte. Aber vielleicht spinnen auch die anderen. Wir zahlen viel, um gut zu leben. Aber wehe, der Krabbensalat kommt nicht aus soliden Plastiktöpfchen, die wir dann säuberlich auswaschen und „für später“ aufbewahren.

Natürlich ist uns klar, dass unser Verhalten jeglicher Logik entbehrt. Aber wir ändern es dennoch nicht. Wir leisten uns Ferien im sonnigen Süden, doch einen Schlummer im Schatten gönnen wir uns kaum. Wie könnten wir sonst unsere Haare bleichen, um eine Blondierung beim Friseur einzusparen? Sollten wir auf dem Rückflug – kaputt vom Charter-flug – in ein Taxi gestiegen sein, schämen wir uns ein wenig und fahren ganz bestimmt am nächsten Abend mit der U-Bahn in die Oper.

Wir Wunderkinder mit der Nachkriegsmeise.

Autor: ehemaliges Mitglied

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