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Die Gäßle zum Münster.
Zehn Hinwege zum schönsten Turm der Christenheit.

Münsterstraße

Die Nacht duftet, die Stadt wird ruhig. Nach der Wärme des Tages ist der aufkommende Wind eine Labsal. Der „Höllentäler“ streicht durch die Münsterstraße, die Magistrale aller Gassen, die zum Münster führen. Gewiss, ihr muss die erste Reverenz erwiesen werden. Schließlich bietet sie dem Betrachter eine großartige visuelle Schlagzeile: Aufsteigend aus dem dämmrigen Halblicht des Münsterplatzes der „schönste Turm der Christenheit,“ festlich beleuchtet. Die umgebende Dunkelheit verstärkt den Höhendrang der Gotik, nimmt der machtvollen Fassade die Strenge. In der durchbrechenden Lichtfülle des filigranen Turmhelmes lösen sich die Konturen allmählich auf, ihre Farben gehen jetzt in die der Nacht über, bis sie in der Unendlichkeit des tintigen Himmels endgültig verlöschen.

Ein Bild von ewiger Schönheit, schlechthin ein Stück abendländische Welt.


Kopfgäßle

Szenenwechsel. Das Kopfgäßle fristet ein unscheinbares Dasein, zwischen Kornhaus und dem Hotel „Rappen“ liegend. Zur Andienungsstraße verkommen. Zugestellt mit Lieferwägen träumt es vor sich hin, unbehelligt von Passanten, denen das Gäßle wenig Anreiz bietet, auf diesem Wege hinauszutreten in den Glanz des Münsterplatzes. Seinen Namen trägt das Gäßle nach dem ehemaligen „Speise- und Kaffeehaus zum Kopf“ in der Engelstraße.

Marktgasse

In früheren Zeiten gab es für die Marktgasse keine Bezeichnung. Man begnügte sich zur näheren Kennzeichnung mit der Nennung zweier Häuser, die in jener Gasse standen “zem Fürsten“ und zem Panthier“. Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Gasse ihren heutigen Namen. „Basler Hof“ und Kaufhaus Breuninger schnüren mit ihren Flanken die Gasse stark ein. Wie überhaupt auffallend ist, dass die Zugänge zum Münster in zurückliegenden Zeiten – im Verhältnis zu anderen Gassen – ungewöhnlich eng waren.

Conrad – Gröber – Straße

Rechtwinklig zur Marktgasse stößt die Conrad – Gröber – Straße, früher Kornhausgasse, zum Münsterplatz vor. Sie erinnert an Erzbischof Gröber, welcher dem Bistum Freiburg von 1932 bis 1948 als oberster Seelsorger diente.

Unbestreitbar: Der Schnittpunkt von Marktgasse und Conrad – Gröber – Straße ist die „politische Ecke“ des Münsterplatzes. Markttag am Fischbrunnen, Menschengewimmel und Stimmengewirr – eine laute Welt. Unter den Arkaden des „Basler Hofes“ singt der Chor einer Sekte ebenso stimmgewaltig wie vergeblich gegen den Lärm an. Schließlich senken die frommen Männer und Frauen Augen und Gesangbuch, verharren schweigend. Ein massiges Mannsbild mit grauem Vollbart tritt aus der Runde. Bibelbewehrt predigt er mit beschwörender Stimme, bekennt sich, wirbt lautstark für seinen Kreis – die wenigen Zuhörer eher verwirrend als überzeugend.

Sein Antipode, einige Meter weiter stehend, hält nichts von so direkter Anrede. Stumm, mit stillflehendem Blick, hält er sein Brevier ins Mittagslicht, so für seine Überzeugung werbend. Der Chor singt wieder, resignierend packt ein Straßenmusikant sein Köfferchen, weicht der Übermacht, sieht sich um Platz und Geld gebracht.

„Zivilcourage haben die Leut’“ meint eine Passantin nachdenklich. „Wirklich wahr“ erwidere ich, schlendere weiter, vorbei an der „Klagemauer der Szene“ – der Kornhaus-Westwand. Dort malen die Graffiteure ihre Parolen. Gesprühte Monologe , im Schutz der Nacht; greller Protest. Wo Bekennermut sich so äußert, wird er fragwürdig, verkommt er zum obskuren Ritus politisch motivierter Sachbeschädigung.

Waisenhausgäßle

Von der Engelstraße – bis 1826 Fälklinsgasse genannt, dann nach dem ehemaligen Gasthof „Engel“ Engelsgasse – führt das Waisenhausgäßle zum Münsterplatz. Träume und Erinnerungen für ältere Freiburger: eng zusammenstehend die alten Bürgerhäuser, nach innen gesunkene Giebel. Gichtig gebogene Hölzer umrahmen die Fenster der Fassaden. Sonnenlicht spiegelt sich in einer Schattenlücke, fängt über dem Bächle an zu flirren. Eilig mit endlosem Geplätscher, rennt das Stadtbächle durch seinen steinernen Trog – ein deutsches Märchen. Ausgelöscht, untergegangen im Feuersturm der Novembernacht 1944. Vor dem Hintergrund dieses Schicksals mag die Erinnerung getrost zur Legende reifen. Heute zeigt sich die Gasse in einem veränderten, tristeren Bild. Das Maß der Gasse, die Breite, das Gefälle blieben erhalten, und der Name.

Der Name bezieht sich auf ein Gebäude, welches 1796 errichtet, von 1825 bis 1894 ein Mädchen – Waisenhaus barg und später Volksbücherei wurde. Dieses Grundstück wurde in den Wiederaufbau der Stadtbücherei nach dem Krieg mit einbezogen.

Dillengäßle

Rechtwinklig zueinander verlaufen Waisenhausgäßle und Dillengäßle zum Münsterplatz. Die gemeinsame Einmündung leitet das Auge auf den Chor des Münsters und den weitläufigen Platz. Ein Blick, der es mir besonders angetan hat, zumal an Markttagen. Ein vollendeter Einklang von Stimmung und Farbe.
Irgendein guter Geist spült das Dillengäßle jeden Morgen mit frischem Wasser aus dem Stadtbach. Eine glitzernde, funkelnde Fläche im Sonnenglanz. Efeuranken überwuchern die Mauer zur Rechten, dahinter verbirgt sich die Heiterkeit eines wunderschönen Gartens. Unterflurig rauscht diskret das Bächle in einem abstürzenden Schacht. Längst verschwunden sind die Dielen, mit denen das Gäßle früher ausgelegt war und von denen es seinen Namen hat. Erhalten ist die Enge: Schiere 1.10 Meter misst die Gasse in der Breite.
Begegnungen sind in dem Gäßle diffizil, die Schmalheit lässt keine Ausflüchte zu. Unwillkürlich verlangsamen sich die Schritte; man taxiert sein Gegenüber, wägt ab. Gegenseitige Rücksichtnahme ist unerlässlich; die Passage wird meistens mit Gruß, wenigstens mit freundlichem Lächeln quittiert.

Präsenzgäßle

Schmal und düster, seine ihm zugefügten Graffitischmierereien mit Grandezza tragend, liegt das Präsenzgäßle in dämmriger Vertrautheit. In seinem Verlauf abknickend, überspannt von drei Schwibbogen zur Stützung der Giebel. Eine Miniaturschlucht, deren Enge und Höhe durch vertikal laufende Luftschächte drastisch unterstrichen wird. Die Regenkandel laufen direkt in ein munter dahinspringendes Stadtbächle, leise flüstert und plappert es oberirdisch, verschwindet mit verebbendem Gekuller unterirdisch, taucht dann wieder auf, befreit aus dunklem Zwang.

Abweisend und monoton zeigen sich die Mauern der Gasse, nur hie und da unterbrochen durch eine Tür, ein Fenster. Heraustretend aus der am schmalsten wirkender aller Gassen die zum Münster führen, genießt man intensiv das Lichtfluten über dem Münsterplatz und seine kontrastierende Weite.

Seinen Namen lieh sich die Gasse bei den Präsenzherren, Geistliche, verpflichtet zum öffentlichen Chorgebet im Münster, jedoch nicht zur Seelsorge. Die Bräuche waren streng: Fehlte einer der ehrwürdigen Herren unentschuldigt beim bezahlten Vorbeten aus dem Brevier, so wurde ihm sein Fernbleiben vom Salär abgezogen. Bis in die Zeit der Säkularisation wurde das öffentliche, laut gesprochene Chorgebet in dieser Form beibehalten. Dies erzählte mir damals der Hausherr des Freiburger Münsters, ein ebenso lebhaft wirkender wie liebenswürdiger Herr, Dompfarrer Heck, bei einem Viertele Gutedel im „Oberkirch“.

Buttergasse

Gasse der Wamsmacher, auch Wambeschergasse genannt, hieß die Schusterstraße früher im östlichen Teil, Schustergasse im westlichen, der Kaiser-Joseph-Straße zugewandten Teil. Von hier aus betritt man die Buttergasse, einen lebhaft frequentierten Zugang zum Münsterplatz, breiter als die „Gäßle“ und daher befahrbar. Mit erheblichem Gefälle schnellt ein Bächle am Gassenrand hinab zum Münsterplatz, verliert sich glucksend in einem Gully.

Bevor man den Münsterplatz als Überraschungsebene betritt, schon beim Herabgehen durch die Buttergasse, bietet sich ein faszinierender Blick auf das Querhaus des Münsters. Spätnachmittags, mit zunehmend längeren Schatten, ist seine Wirkung am reinsten.

Der Austritt der Gasse wird geschmückt vom „Haus zum schönen Eck“, dem eleganten Wohnhaus des Architekten, Malers und Bildhauers Johann Christian Wentzinger. Gegenüber am anderen Eck lächelt mild St. Josef vom Podest herab, ein wirklich würdiger Heiliger in grünem Gewand.

Kaufhausgäßle

Keinen Steinwurf entfernt liegt das Kaufhausgäßle: Wieder diese typische, schluchtartige Enge. Oben im Luftraum des Gäßles ein doppelter Schwibbogen, darüber ein winziges, schmales Stück Himmel. Obligatorisch das Stadtbächle, es wispert in seinem flachen Trog, fein gerahmt mit Rheinkieselpflaster. Besonders anschaulich am Ende des Gäßles das Verschmelzen der Pflasterungen. Langsam verläuft sich die Zartheit des Rheinkiesels in den buckligen Strukturen der Rheinwacken, die klobig und rundköpfig in die Sonne über dem Münsterplatz blinzeln.

Eindrucksvoll als Blickfang in die Gasse hineinragend, die Enge unterstreichend, der westliche Erker des Kaufhauses, Freiburgs schönstem Kommunalbau; er gibt dem Gäßle seinen Namen. Die blendende Spiegelung des Lichtes in den glasierten Dachziegeln des Erkertürmchens ist ein bunter Reflex zu den dämmrigen Tönungen der Schatten im Gäßle.

Überhaupt: Nobel eingerahmt ist diese Gasse, steht auf der einen Seite das Kaufhaus Spalier, wird dies auf der anderen Seite von Oberkirchs Weinstube wahrgenommen – eine Freiburger Institution, ein unentbehrliches Accessoire des Münsterplatzes.

Eisenstraße

Im südwestlichen Winkel des Münsterplatzes mündet die Eisenstraße, früher Eisengässel genannt. Diese Bezeichnung scheint erst zum Anfang des 19. Jahrhunderts aufgekommen zu sein. Seit jener Zeit befand sich dort offenbar stets ein Eisenwarenladen.

1865 wurden die Straßennamen modernisiert, das Wort „Gasse“ wurde durch „Straße“ ersetzt. Zusammenfassend gefragt: Ist es nicht
schade, dass es der vertrauten Bezeichnung „Gasse“ im Altstadtbezirk so sehr ans Leder ging? Wie martialisch das klingt: Eisenstraße! Um wie viel beschaulicher und liebevoller klänge: Eisengäßle. Pulsierendes Leben in dieser Gasse. Gemeinsam mit dem samstäglichen Menschenstrom werde ich zum Münsterplatz hinuntergespült.

Vor dem St.- Georgs - Brunnen ein wirklich traumhafter Blick auf den freistehenden Münsterturm, darunter das liebenswerte Kolorit des undurchschaubaren Marktgewühls. Die Atmosphäre des Platzes ist im gleichen Maße von der Farbigkeit der Bildkomposition geprägt, wie von der Mischung aus all den Geräuschen und Gerüchen, wie geschaffen zum Schlendern, zum Nichtstun, zum Schauen, zum Genießen.

Ein Satz sei noch erlaubt, und ich möchte ihn dick unterstrichen wissen: Jedes Gäßle besitzt seine unverwechselbaren Eigenheiten, sein spezifisches Ambiente, seinen eigenen Charme. Eines haben sie aber gemeinsam: Alle Gassen münden – ich kann mich da unmöglich irren – auf dem schönsten und malerischsten Münsterplatz Deutschlands.

Fotos und Text: Pitt70/copyright Helmut Büchler

Autor: Pitt70

Helmut Buechler

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