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Vorwort Nr.1

Die Freiburger Synagoge wurde zum Jahresende 2012 fünfundzwanzig Jahre alt. Dieses Jubiläum möchte ich zum Anlass nehmen den FA-Regiogruppen Freiburg und Basel die Architektur der Synagoge einmal exklusiv vorzustellen.

Vorwort Nr. 2

Die Synagoge, im babylonischen Raum entstanden, trat als Bauwerk in der Struktur der deutschen Städte und Dörfer nur in einigen Epochen unserer Geschichte in Erscheinung. Dies liegt schon in der Funktion der Synagoge begründet. Während die Kirche als das Haus Gottes das Abbild des himmlischen Jerusalem symbolisiert, ist die Synagoge vor allem Aula, also Versammlungsraum, für die Israelitische Gemeinde. Ihre unauffällige Repräsentanz hängt auch mit dem Kirchenrecht zusammen, das schon seit dem frühen Mittelalter forderte, dass Synagogen niedriger und schlichter zu sein hätten als christliche Kirchen.

Im Wandel der Zeiten gewann die Synagoge erst im 19. Jahrhundert an Monumentalität und beeinflusste, oft an hervorragendem Platze gebaut, das Bild unserer Städte.

Erinnerung

Von den unseligen Ereignissen im Dritten Reich blieb auch die jüdische Gemeinde Freiburgs nicht verschont. Von 90.000 Freiburger Einwohnern im Jahr 1933 gehörten 1138 der Israelitischen Religionsgemeinschaft an; 657 Juden konnten bis 1939 auswandern; 148 starben noch in Freiburg; die restlichen Juden wurden deportiert und zum größten Teil ermordet.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörten SA-und SS- Angehörige die Synagoge an der Werderstraße, welche 1870 von dem Architekten und Baumeister Jacob Schneider erbaut wurde.

1945 lebten 45 Juden in der Stadt, von denen zwölf aus Freiburg stammten. Viele von ihnen wanderten in den ersten Nachkriegsjahren aus. Anfang der fünfziger Jahre zählte die Israelitische Gemeinde Freiburg etwa 60 Mitglieder.

Ein zunächst als Provisorium eingerichteter Betsaal in der Holbeinstraße 25 wurde 1976 umgebaut. In den siebziger Jahren ins Auge gefasste Pläne, ein jüdisches Gemeindezentrum zwischen Matthias-Grünewaldstraße und Beethovenstraße zu errichten, wurden wegen der komplizierten Rechtslage des Bebauungsplanes und daraus resultierender Einsprüche wieder verworfen.

Im Jahre 1982 richtete der Oberrat der Israeliten Badens seine Planungen auf das 1987 an der Engelstraße fertiggestellte Gemeindezentrum aus. Die, mit Konstanz, inzwischen auf 287 Mitglieder angewachsene Gemeinde weihte am 5. November 1987 die von den Karlsruher Architekten Dr. Backhaus und Dr. Broschinsky entworfene Synagoge feierlich ein.

Außenansichten

Die Vorgaben der Israelitischen Gemeinde bündelten sich in dem Wunsch nach: Synagoge, Gemeindesaal, rituellem Bad, koscherer Küche, Verwaltung-, Jugend- und Altenräumen, Studenten- und Altenwohnungen, vermietbaren Flächen sowie den notwendigen Nebenräumen.

Verbunden mit diesen Prämissen fanden die Architekten ein ungeschickt zugeschnittenes Grundstück vor. Mit 751 qm zu klein, im Westen begrenzt durch die mächtige Brandmauer des Kaufhauses Karstadt. Dieser Wall fesselte das Areal, zwang zur Orientierung nach Osten und nach Süden. Die Realisierung lösten die Architekten auf originelle Weise durch die Aufteilung in drei Bauteile:

Erstens: Synagoge; Zweitens: Verbindungsbau; Drittens: Wohn-und Geschäftshaus.

Dabei wirkt der Verbindungsbau, eingeschnürt in die Taille des Grundstücks, als neutralisierendes Gelenk zwischen den formal voneinander abweichenden Baukörpern der Synagoge und des Wohn-und Geschäftshauses.

Während das Wohn-und Geschäftshaus die Baulücke in der Nußmannstraße durch seine Schlichtheit unauffällig schließt, ragt die Synagoge, orientiert nach Osten und Süden, als völlig eigenständiger Baukörper aus dem Komplex des Gemeindezentrums heraus.

Unterstützt wird diese Eigenschaft durch die geschickte Modellierung des Gefälles zwischen Engel- und Nußmannstraße. Dies gelang durch die Absenkung der Ladenzone, die mit der Erhöhung der Plattform vor dem Foyer durch eine großzügige Treppenformation korrespondiert.

Die Südflanke der Synagoge wird ebenso beherrscht von den kraftvollen Vertikalen des Treppenhauserkers, wie vom horizontal sich aufschichtenden Steinwall der Umfassungswand.

Von Süden einfallendes Licht, das die Mauern trifft, überzieht den rötlichen und ockergelben Sandstein mit Wärme.

Introvertiert ohne Durchbruch zeigt sich die Ostfassade. Der schwach hervortretende Erker birgt den Thoraschrein, die Seele der Synagoge. Betont wird das Hexagon des Synagogenbaues auch durch die räumliche Rücknahme der Erdgeschossebene. So entstand eine Arkade, ein Laufgang, von den sechseckigen Säulen des Tragwerks gerahmt.

Den oberen Abschluss der Fassaden bildet ein kraftvoll gestaltetes Gesims aus Beton. An der Südseite, steil abfallend, das Kupferdach der Kuppel zu einem Speier hin zentrierend, der das Regenwasser offen in einen Trog ergießt, welcher dem Motiv des Davidsterns nachgebildet ist.
Den Gesamteindruck der Ansicht vertieft die plötzliche Erweiterung der Engelstaße zu einem kleinen intimen Platz. Im Hintergrund tritt das Bauwerk in herrlich modellierendem Licht plastisch hervor.

Innenansichten

Die Suche nach harmonischen Proportionen bei der Verbindung der einzelnen Ebenen lösten die Architekten mit einer großen, zeremoniellen Treppe und einem strahlend hellen Foyer. Ein grandioser Entwurf – die zweiläufige Treppe überwindet scheinbar mühelos die vorgegebene Distanz. Zwischen der Fläche des Foyers und der Treppe schwebt die gläserne Kabine des Fahrstuhls schwerelos in zwei filigranen Stahlschienen. Die Form der Kabine zeigt sich im Grundriss als Hexagon, dem Davidstern nachempfunden. In der immer wiederkehrenden Gruppierung des gleichen Motivs, dem Hexagon, liegt ein besonderer Reiz beim Betrachten des Bauwerks.

Die Synagoge

Ein einziger Schritt durch die alte, in Ehrwürdigkeit schimmernde, eichene Flügeltür zwischen Foyer und Synagoge, führt von der Außenwelt in die Innenwelt des jüdischen Gemeindezentrums. Die Odyssee dieser Tür ist bekannt: 1938 von beherzten Freiburger Bürgern aus der zerstörten Synagoge gerettet, über die Zeitläufe des Dritten Reiches an sicherem Ort verwahrt, schließt sie nun die Pforte der neuen Synagoge, gleichsam als rudimentäres Scharnier zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Von der Pforte aus zentriert sich der Blick auf den Almemor, die erhöhte Predigerestrade, dem Thoraschrein vorgelagert. Der Almemor, der von jedem Winkel des Raumes sichtbar ist, lässt zu, dass jeder Besucher der Feier in einer privilegierten Form folgen kann. Von diesem Standpunkt aus betrachtet scheinen sich Zentralbau und Almemor gegenseitig zu bedingen.

Ein nobler Saal, im Grundriss als mächtiges Sechseck bis zu einer Höhe von 15 Metern aufsteigend.

In halber Höhe verbinden sich die sechs sechseckigen Säulen mit den Tragelementen, einem als Davidstern ausgebildeten einen Meter hohen Unterzug, ohne die Durchdringung von Licht und Klang zu stören.

Die Formen und Materialien des Zentralraums sind so einfach, und die sparsam verwendeten dekorativen Details wirken so erfrischend, dass der starke Kontrast zu dem nachtblauen Teppich des Bodens und der purpurroten Bestuhlung nicht stört. Die Auswahl der Farben basiert auf geschichtlichem Hintergrund. Auf dem 4. Laterankonzil (1215) wurde den Juden das Tragen der „königlichen Farben“ Blau, Rot und Gelb verboten. Als Reaktion auf diese Schikane schmückten die Juden fortan ihre Betstuben und Synagogen mit den „verbotenen Farben.“

Das wichtigste Charakteristikum in diesem Zentralbau ist ein Licht, das mit seiner Wärme in jede Ecke dringt – ein Licht vom Zenit der Kuppel herabgeführt. Doch es entsteht nicht nur im Lichtraum über den Emporen der Frauen, es fällt auch durch die schlanken, vertikalen Glasflächen, die rechtwinklig an den nördlichen und südlichen Fassaden aufsteigen. Dieses beruhigende Wechselspiel zwischen Licht und Schatten verleiht dem Raum eine feierliche Spiritualität. Weder eine Plastik noch ein gemaltes Ornament schmücken die Flächen der Wände und der Kuppel, die Reduktion auf das Wesentliche ist den Architekten mit der Lichtführung, dem Spiel eines natürlichen Lichts, hervorragend gelungen.

Der Thoraschrein

Almemor und Thoraschrein, nach der biblischen Bundeslade Aron Hakodesch (Heilige Lade) genannt, sind zusammengefasst und befinden sich im östlichen Zacken des davidsternförmigen Raumes. Der Thoraschrein ragt, betont durch einen Erker, aus der monolithischen Umfassungswand der Synagoge heraus. Die perspektivische Hervorhebung zum Innenraum geschieht durch einen analog angeordneten, offenen Erker mit einem abgestuften Gesims.

In grafischer Heiterkeit verläuft die Holzverkleidung über die vorspringenden Flächen des Thoraschreins, sie bildet einen reizvollen Kontrast zu den diagonalen Paneelen der Ostwand. Wie man überhaupt sagen muss: Der warme Ton der Holztäfelungen unterstützt nachhaltig die ruhevolle Stimmung des Raumes.

Zwischen Almemor und Parochet, dem Thoravorhang, brennt das Ner Tamid, das Ewige Licht. Hier formal in einer sechseckig geformten Leuchte in purpurrotes Glas gefasst.

Das Gesims des Thoraschreins trägt zu beiden Seiten die Menora, den siebenarmigen traditionellen Leuchter. Neben dem erlesen bestickten Vorhang ist dies der einzige Schmuck des Kultraumes. Sechs kostbar gefasste Thorarollen birgt der Schrein der Synagoge, jedoch darf nach den jüdischen Reinheitsgesetzen nur noch eine einzige der Rollen beim Gottesdienst herausgenommen werden. Die anderen sind abgenutzt oder beschädigt und somit nicht mehr koscher. Während des Gottesdienstes wird diese Thorarolle „ausgehoben“ und im Umzug an den Almemor getragen, dort liest der Kantor mit dem Thorazeiger aus der handgeschriebenen Pergamentrolle: den fünf Büchern Moses. Traditionell brennen auf dem Lesepult, während der Zeremonie zwei Kerzen.

Besonders eindrucksvoll: der Blick vom Almemor zu der Pforte der Synagoge. Die Flügeltüre, durch ihre Dunkelheit dem Mythos Raum lassend, steht in dekorativem Kontrast zu der grafischen Geometrie der Wandverkleidung und den Durchbrüchen der Frauenemporen. Über der Pforte ein Fenster, dessen schlichtes Sprossenwerk eine Menora darstellt.

Dieser Blick gibt dem Raum sein Maß. Er vermittelt, wie es sich für einen zur Andacht bestimmten Raum gehört, Innerlichkeit und Spiritualität.

Der Gertrud-Luckner-Saal

Ein Mehrzwecksaal, der unter seiner Entsprechung leidet, der Variabilität. Aus Mangel an Fläche in die unterste Ebene des Zentrums verlagert, verliert der Saal schon durch die Entbehrung natürlichen Lichts an Überzeugung. Seine Schlichtheit, betont durch kalkhelle Seitenwände, wird gemildert durch den warmen Ton des Holzes, mit dem die Stirnwände verkleidet sind und durch eine glücklich ausgefallende Beleuchtung. Vor dem Rahmen der Bühne, die einem Kammertheater zur Ehre gereichte, holt uns die jüdische Tradition auf leisen Sohlen wieder ein.

Über uns ein „Sternenhimmel,“ eine symbolische Nachempfindung vergangener Sternenhimmel aus den Betstuben und Synagogen früherer Zeiten.
Blau bemalter Fond, mit Sternen übersät, erinnerte damals an die Gottesverheißung an Abraham, seine Nachkommen zahlreich wie die Sterne am Himmel werden zu lassen. Die Architekten tradierten diese Erinnerung in einem dreifachen Sternenkranz, besetzt mit 36 Lichtern, 36 gleißenden und glitzernden Halogensternen. Bei variabler Reihenbestuhlung bietet der Raum zirka 122 Sitzplätze an, eingerichtet als Festsaal mit Tischen und Stühlen zirka 96 Plätze.

Beim Entwurf eines Mehrzwecksaals sind drei Dinge zu bedenken: Zweckmäßigkeit, Variabilität und Bequemlichkeit. Nehmen wir diese Sichtweise als Standpunkt an, versöhnt sie uns mit der unglücklichen, unterirdischen Lage des Saals.
Die Mikwe

Die Mikwe ist ein rituelles Bad, in welchem der Zustand vom rituellen Unreinen zum rituell Reinen durch dreimaliges Untertauchen erreicht wird. Benutzt wird das Bad nach Krankheit, Entbindung und Menstruation. Gleichwohl kann die Mikwe nicht als Frauenbad bezeichnet werden, da sie auch von Männern benutzt wird, die im rituellen Sinne unrein wurden.
Die Mikwe im Freiburger Gemeindezentrum ist das einzige orientalische Bad in einer deutschen Synagoge, das aus einer Zisterne gespeist wird. Auf dem Dach anfallendes Regenwasser wird in die 5000 Liter fassende Zisterne geleitet, von hier führt eine Leitung ins Untergeschoß und speist dort das Badebecken. Von einem Podest führt eine einläufige Treppe in das Badebecken. Unterschiedliche Körpergröße wird mit Hilfe der Treppenstufen beim Untertauchen ausgeglichen. Bemerkenswert ist im Zusammenhang mit der Wassertiefe auch die Maßeinheit, mit der die Wassermenge zugeteilt wird. Man misst sie nicht in Litern, sondern in Kubikellen, einem wahrhaft biblischen Maß.

Dem Bad sind entsprechende Sanitärräume zugeordnet, und ganz tief unten, im dunklen, schimmernden Badewasser summt ein elektrischer Tauchsieder vergnügt vor sich hin.

„Das Haus des neuen Anfangs“

Der Titel dieses Berichts ist doppeldeutig, er verweist nicht nur auf den neuen Anfang seit 1987 – dem Ende der jahrzehntelangen Provisorien – sondern er ist auch Chiffre für die Öffnung der Israelitischen Gemeinde nach außen.
Damals wurde ein kulturelles Konzept erarbeitet, dass zuließ das Zentrum mehr nach außen hin zu öffnen. Der Sinn dieser Absicht gründet auf einer einfachen Formel: Statt übereinander zu sprechen, miteinander reden, mehr miteinander zu diskutieren, Lernprozesse einleiten um gegenseitige Vorurteile zu eliminieren. Dieser kulturelle Austausch, der sich auf der Veranstaltungsebene von Konzerten, Ausstellungen, Theateraufführungen, Podiumsdiskussionen und anderen Aktivitäten abspielt, ist ein Faktor, um jeder Form von Antisemitismus zu widerstehen.

Die Resonanz der Freiburger Bevölkerung war überwältigend. An den erstmals abgehaltenen „Tagen der offenen Tür“ besuchten damals 3.500 Bürger das jüdische Gemeindezentrum.

Ich wünschte mir an diesen Tagen, dieser „neue Anfang“ wäre der Beginn einer blühenden Koexistenz.

Autor: Pitt70

Helmut Buechler

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