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„Der Himmel über Masuren sei das Schönste in diesem Landstrich,“ sagte mir ein Kenner. Er hatte recht. Am zweiten Tag dieser Reise war der Horizont versperrt von einem leisen Leuchten wie grob zerstoßene Diamanten, glitzernd rosa und weiß. Davor segelte eine Armada barocker Wolken in gleichförmigen Wellen über die unendliche Weite des Ostens, großartig von der Sonne beleuchtet. Ein Bild, das sich tief in unsere Erinnerungen eingegraben hat.

Nach Steinort

Tagszuvor fuhren wir unter einem wetterwendischen Himmel zum Masurischen Kanal, stets begleitet von Ausblicken auf den Mauersee und den Kirseitensee. An unsere Bikes mussten wir uns erst gewöhnen. Nicht das gewohnte High-Tech-Material, sondern stabile Oldtimer mit 3-Gang-Nabenschaltung. Gewöhnen mussten wir uns ebenso an die Straßen und Wege, die auf jeder Ebene Überraschungen boten. Holpriges Kopfsteinpflaster wechselte ab mit Sandstraßen und Waldwegen, in der Regel fuhren wir auf Nebenstraßen, die sich in schlechtem Zustand befanden.
In Steinort besichtigten wir das Schloss der Grafen Lehndorff. Vornehmer Adel, das Feindbild schlechthin für die jahrzehntelange Herrschaft der Kommunisten in Polen. Das Schloss befindet sich in einem völlig verwahrlosten Zustand, zum Sterben verurteilt. Und wie zum Hohn stehen im Garten des Vorwerks ernteschwere Apfelbäume in rotglänzender Pracht und spotten dem Verfall. Wir fuhren durch die prachtvollen Alleen dieses Landstrichs, gesäumt mit Eschen, Eichen, Linden und Akazien. Grüne Laubdome, durch deren Lücken die Sonne den Schatten des gefiederten Laubs auf die Straße warf. In Lötzen - unserem Standquartier - einem Verkehrsknotenpunkt für Segler, ging die Saison zu Ende, mit den Seglern verschwanden auch die Störche, die Wappentiere Masurens. Das herbstliche Masuren gehörte nun den Radfahrern allein.

Das Kloster Heilige Linde

Anderntags besuchten wir das Kloster Heilige Linde, eine barocke Anlage, mit einer kostbar ausgestatteten Basilika. Sie ist einer der wichtigsten Orte der Marienverehrung in Polen. Unter den wundervollen Freskomalereien verdient das Deckengemälde, das die Verherrlichung Marias zeigt, besondere Aufmerksamkeit. Eine auffällige Attraktion ist die mächtige Orgel mit 4965 Pfeifen. Die Orgel ist mit beweglichen Figuren ausgestattet, so stoßen Engel pausbäckig in die Posaunen, Sterne drehen sich flirrend im Licht, Glocken läuten und die Statuen von Maria und Josef nicken zur Musik beifällig mit ihren Köpfen. Ein grandioses Schauspiel für naive Gemüter.

Zur Wolfsschanze

Unterwegs zu den Ruinen der Wolfsschanze, Hitlers ehemaligem Hauptquartier hinter der Ostfront. Man kann sich bei der Besichtigung der Trümmerhaufen, aus bis zu neun Meter dickem Beton, dem Heraufsteigen der Dämonen aus der Vergangenheit nicht erwehren. Erträglich wird die Besichtigung erst, wenn man die Wolfsschanze als Gedenkstätte des deutschen Widerstands gegen Hitler betrachtet. Doch das kleine Denkmal aus Granit, in Form eines aufgeschlagenen Buches, das an das Attentat des Grafen Stauffenberg am 20.Juli 1944 erinnert, liegt unbeachtet am Rand eines Weges. Wir hätten es jedenfalls nicht bemerkt, wenn uns nicht unser Guide darauf hingewiesen hätte.
In Polen und Deutsche teilt sich der Strom der Besucher. Für die Polen ist die Wolfsschanze ein Symbol des Sieges über das Deutschland Hitlers, für die Deutschen gehört sie offenbar - im Rahmen eines gewissen « Erinnerungstourismus » - zum Pflichtprogramm.

Auf dem Flüßchen Krutinna

Masuren lag unter der gewaltigen Glocke des Mittagshimmels, als wir an dem Flüsschen Krutinna die Nachen einiger Fischer besetzten, die uns flussaufwärts stakten. Eine Bootsfahrt über einen traulich dahingleitenden Fluss, eingerahmt von Wald und idyllischen Weilern. Buchten öffneten sich einladend, an deren Rändern das Wasser zur Ruhe kam. Im zahmen Wasser gründelten die Enten oder hockten auf den Bäumen, die umgestürzt im Wasser lagen und umschifft werden mussten. Nach einer halben Stunde drehten die Fischer die Nachen in die Strömung. Wir trieben nun flussabwärts durch diesen eigenartigen Naturraum, der als der schönste Fluss Polens gilt, begleitet vom schwermütig klingenden, wundersamen Gesang einer Fischerin.

Zum Spirdingsee

Start in Nikolaiken, im Spirdingsee spiegelte sich im wasserhellen Sonnenschein ein strahlender Tag. Wir fuhren über Waldwege an dem still liegenden See entlang, über uns die Wogen endloser Baumwipfel. Eine Fähre brachte uns über den Beldahnsee, der sich vor uns in einem Geflimmer geschliffenen Kristalls ausbreitete. Dichter Wald nahm uns wieder auf, wir radelten auf der Landzunge zwischen den beiden Seen in Richtung Wejsuny, dort schauten wir uns die evang. Kirche an, ein Bau im neugotischen Backsteinstil mit schönen Staffelgiebeln. Im Garten der Kirche lagerten wir in der Sonne, genossen Kaffee und Kuchen, den die Frau unseres Mechanikers gebacken hatte. Die unverbrauchte Herzlichkeit unserer polnischen Betreuer konnte man allein schon an dieser Geste ablesen.
In weitem Bogen durchfuhren wir die Johannisburger Heide, schauten am Ufer des Spirdingsees über die endlose Weite dieses größten Sees Polens. Später träges Warten an der Schleuse in Rudczanny auf den Bus, die herbstliche Sonne überzog alles mit einem sanften, schläfrig machenden Schleier. Auf der Heimfahrt nach Lötzen, inmitten tiefen Waldes, führte uns unser Guide auf einem verwilderten Weg zum Friedhof eines kleinen Dorfes.
In einem Augenblick angehaltenen Atems - wir waren alle sprachlos - standen wir zwischen Gräbern, die ohne jede Ordnung unter dem Schattendunkel der Bäume in der Wildnis verstreut lagen. Ein Gottesacker, dessen ruhevolle Stimmung durch das grün gefilterte Licht, das sich seinen Weg durch das Dickicht des Laubs suchte unterstrichen wurde und dem Mythos Raum ließ.

Rund um den Taltensee

Am nächsten Tag radelten wir um den Taltensee. Start in Rhein, einem Ort, in dem der Deutsche Orden eine seiner mächtigen Burgen errichtete. Wir strampelten über Waldwege, im tiefen Geläuf mussten wir hin und wieder absteigen und den Hang hinauf schieben. Wie man überhaupt sagen muss: Masuren ist keineswegs flach und eben, es geht stets in sanften Wellen hügelauf und hügelab. Ein wundervoller Tag, klare Luft, die Wolken drifteten still nach Osten, darunter breitete sich der leuchtende Herbst über das Land. In Zondern besuchten wir ein masurisches Heimatmuseum. Im Grunde bestand es nur aus einer Remise, in der die landwirtschaftlichen Geräte des 20.Jh. aufgereiht standen und aus einer winzigen Kate, einem Bauernhäuschen mit Küche und drei kleinen Zimmern. Liebevoll vollgestopft mit den Möbeln, Gerätschaften und Habseligkeiten der vergangenen Zeiten.

In die Borker Heide

Am letzten Tag vor unserer Abreise besuchten wir in der Borker Heide ein Reservat, in welchem eine Herde Wisente angesiedelt ist. Trotz aller Lockrufe der Hüterin erschien nur „Christoph“, ein junger Bulle. Aber er ließ sich dann mit Zucker und Streicheln von uns verwöhnen. Dann radelten wir weiter über Kruglanken, in Richtung Haarszen zum Dargeinensee.



Abschied von Masuren

Am Ufer des Sees nahmen wir Abschied von Masuren, Abschied von einer poetischen Landschaft. Über dem See hing der Himmel, hell und glitzernd wie ein prachtvoller Vorhang vor einer Bühne. Wir lagerten am Wasser, ein glatter Spiegel, berührt vom Herabtauchen einer Möwe, die mit lautlosem Flügelschlag die Stille nicht störte.
Ich saß alleine, in Gedanken versunken, eingehüllt von der seidigen Wärme eines Herbsttages.
Nordostpolen, welch ein Landstrich. Es scheint als sei die Zeit hier stehen geblieben. Idylle und Rückständigkeit liegen hier so nahe beieinander, dass man manchmal glaubt man sei am Rand der bewohnbaren Welt angekommen. Die Faszination die den Reisenden befällt, entwickelt sich aus den Bildern einer unerhört erhabenen und zugleich verschlossenen Landschaft. Einer Landschaft ohne die Wunden und die Spuren der Schrecklichkeiten, die ihr die Menschen anderswo angetan haben.
Am Abendhimmel stand der erste Stern. Aufbruchstimmung, beim Kofferpacken schon die Erinnerung an gestern.
Abschiede kommen wie Hunger und Durst, suggerierte ich mir im Bus, auf der Fahrt gegen Westen, ich blickte nicht mehr zurück.

Autor: Pitt70

Helmut Buechler

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