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Am 29. April 2010 treffen sich 18 Feierabendler – Pitt70 hatte zu einer ganz besonderen Führung eingeladen: zur „Schlossberg-Serenade“.

Wir treffen uns vor der „Wolfshöhle“ in der Münzgasse. Pitt70 erklärt uns, dass Dipl. Ing. Josef Diel, Architekt und Geschäftsführer der Stadtbau GmbH, für die Brücke über den vierspurigen, stark belasteten Schlossbergring eine besondere Lösung finden sollte. Er erteilte dem Karlsruher Künstler Prof. Emil Wachter den Auftrag, diese Brücke zu gestalten, dem Künstler, dessen Werk auch die Autobahnkirche St. Christophorus bei Baden-Baden ist. Wachters Material ist Zement.

Bei der „Wolfshöhle“ beginnt unser Aufstieg zum Schlossbergsteg. Pitt70 beginnt zunächst mit der Erklärung des Parkmannhäuschens: der Parkmann bittet mit einladend freundlicher Geste zur Kasse. Ein Narr blickt traurig in die Weite, über einer Rosette, der Welt als Kosmos. Der Wolf blickt mit mildem Lächeln aus der Wolfshöhle. Bewacht vom Wolf setzte Wachter sein Meisterzeichen. Wir sehen das Porträt einer alteingesessenen Familie. Die Mienen der Patrizier zeigen sich besorgt über das Freiburg von heute. Vom Parkhaus ist Bertold II von Zähringen dargestellt, der Erbauer der Burg Freiburg.

Auf halber Höhe der Treppe zum Schlossberg konfrontiert Wachter den Passanten mit seinem „Schraubstock“. Ein Moloch: ein Ichmensch frisst den Menschen, eingespannt zwischen den Backen eines Schaubstockes. „Das autonome Ich endet im Kollektiv – aber dem Unmenschen bleibt der Mensch im Hals stecken“ rezitiert Wachter. Er interpretiert damit den Verlust von Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des Individuums, insbesondere in Bezug auf die Bürokratie. Der Torso eines riesigen Fußes symbolisiert „es gibt immer noch einen Größeren“.

Auf halber Höhe der Treppe will Wachter die Geste seiner Meerjungfrau, die ihren Busen in die Stadt hinunterstreckt so verstanden wissen: „Der Himmel ernährt Euch mit seiner Feuchtigkeit“.

Der brausende Straßenverkehr auf dem Steg des Schlossbergrings zwingt uns nun, sehr aufmerksam den Ausführungen von Pitt zu folgen: Wachter stellt hier die Freiburger Stadtgeschichte dar. Er formt einen fantasievollen Reigen, Bild an Bild.

Die Silhouetten der Pfeilerkapitelle lassen sich am ehesten mit der Form einer Mitra vergleichen. Die Kapitelle wurden am Boden gegossen, einige Wochen später mit dem Kran auf die vor Ort betonierten Säulen gehievt. Chrom-Nickelstahl-Bolzen klammern Bekrönung und Pfeiler zusammen. De Operpolier und Boss der 80 Mann starken Baubrigade schilderte Wachter als einen „Pfundskerl“ mit der Fähigkeit des spiegelgleichen Denkens bei der Herstellung der Matern. Oben in einem Häuschen habe er sein Atelier aufgeschlagen und mit so untypischem Bildhauer-Werkzeug wie Messer, Feile, Raspel, Spachtel, Glaspapier und Fingernagel dem Styropor Idee, Motiv, Form und Schliff aufgezwungen. Wie beim Glockengießen sei Spannung in der Luft gehangen. Retuschen seien nicht möglich gewesen bei dieser Arbeitsweise, deren Prinzip auf der „verlorenen Schalung“ beruht: die Form wird beim Ausschalen zerstört, aus den Reliefs und den Plastiken herausgekratzt, mit Drahtbürste, Spatel und den Fingern!

„Mit Weisheit ist Macht gut überdacht.“ Weisheit und Milde sind die treuen Wegbebleiter der Zähringer zur Macht – Fürst und Bürger umarmen sich unter einer überdimensionierten ordnenden Hand. Die vierblättrige Blume steht für: Formel der Welt, darunter die Eule für Wissen. Ein Mann mit einer Blume soll ausdrücken „Friede braucht Kraft und Schutz“. Wachters verdrießlich schauender „Allesdürfer“ schaut aus seinem Erker: „Was ich mir erlaube, ist erlaubt!“

Eine Ebene tiefer sehen wir einen Baum, eingerahmt von zwei anmutig hingelagerten Frauen. Der „Konsument“, ein Allesfresser stößt Verdautes gleich wieder aus seinem offenen Gedärm wieder hinaus. Aus dem Maul des „Einpeitschers“ wuchert die Natter, Symbol des Bösen. Die beiden Ratten befinden sich in guter Gesellschaft.

Am Südpfeiler ist das beherrschende Thema Zwietracht und Kampf. Der Bischof von Straßburg wird geschlagen. Aus der Zeittafel darunter lesen sich die wichtigsten Daten Freiburger Geschichte bis hin zur dunkelsten Stunde im November 1944. Es gibt Sinnbild-Gesichter zu sehen, den „Ihr könnt mich alle“ Burschen, darunter die „Gelassene, neben dem „Verzweifelnden“ als Antipoden zum blicklosen Gesicht des „Geht mich nichts an“ gegenüber und darunter „Gewalt schafft Gewalt“. Die Südfront der Bekrönung zeigt szenisch: Herrn und Untertan zusammengespannt, mit Peitsche, auf die unendlichen Querelen zwischen Bürgerschaft und den Grafen von Urach-Freiburg verweisend. Auf der oberen Brückenplatte birgt Freiburg als Vauban’sche Festung, links die Belagerung durch die Franzosen, rechts die Schleifung der Festung 1744.

Eine Ebene tiefer das Medaillon des liebenden Paares, „das Ewige in der Welt“, ein versöhnliches Zeichen zwischen Bilder von Hass und Gewalt. Es sind Szenen aus dem Bauernkrieg zu sehen, der in Freiburg schon 1513 begann, das Schlussbild ist eine Szene aus der Badischen Revolution 1848.

Der Figurenschmuck des Reliefs am Nordpfeiler ist nicht weniger eindrucksvoll. „Willkommen im Süden, Ihr Nordlichter!“ ruft der „Freiburger“ aus seinem Schildwachhäuschen. „Das Herunterreißen einer Blume“ symbolisiert die Misshandlung der Welt und Streit um das Misshandelte. Eine Blume ist dargestellt als das Unzerstörbare. Der entblößte Rücken eines Mannes, gestützt von Esel und Schwan hat „Durchfall“, was herauskommt sind Autos.

Nordseits ist das düsterste Kapitel der Freiburger Stadtgeschichte dargestellt, der erbarmungslose, schicksalsschwere Luftangriff der Alliierten im November 1944. Es ist, als ob Wachter in einer ungeheuer spannungsgeladenen Folge von Szenen die Dichte seiner künstlerischen Sprache zeigt. „Schau her, sieh sie Dir an, die vergangene Zerstörung, zukünftige Bedrohung. Sieh sie Dir an, die Summe Deiner dumpfen Ängste!“

Wachter hält uns die Zeiten kategorisch vors Gesicht, manchmal beklemmend. Bei all seiner Skepsis zieht sich sein ein wenig verschleierter Optimismus wie ein roter Faden durch seine Bilderwelten.

Drüben auf dem Podest unter der Bergstützwand, sind die Bilder der „Freiburger Schlossberg-Serenade“ zu sehen, ihre Nähe wird offen, es gibt keine Distanz, keine Ausflüchte mehr. 17 Szenen vereinigen sich in einem beschwingten Relief-Fries. Ein „Schweinehund am Steuer“ stürzt sich in die einsetzende Freiburger rush-hour. Verängstigt erhobene Kinderhände im TV-Antennenwald verweisen auf die expressive Kraft, die Wachter in Darstellungen von Not und Ratlosigkeit zu legen vermag. „Das Leben ist schön“ erzählt er im übernächsten Bild. Befreite Sexualität wird dargestellt durch ein nacktes Paar, der Mann greift ungeniert in die Brüste der Frau. Ein Knabe schaut selbstvergessen auf die Stadt, nimmt keine Notiz von der Schönen. Die Eltern lehnen sich aus dem Zwillingsfenster. „Komödie der Verwechslungen“, wer frisst wem aus der Hand? Ein paradoxer Zentaur, menschenfüßig mit Pferdekopf, frisst er dem Schlangenmenschen aus hohler Hand. Ein Alter ist eingezwängt in schmaler Nische zwischen zwei Reliefs, er blickt mürrisch auf die Harmonie eines Familienportraits auf dem links von ihm hängenden Bildstock. Satyr und Silen versuchen, ein Weib zu überreden, stoische Ruhe im Blick der Frau lässt den Kontrahenten die Fäuste ballen. Ein Winzer lächelt herunter, schenkt reinen Wein uns ein. Rechts außen, am Bildrand, setzt Wachter sein Meisterzeichen – er liegt unter einem Stamm und träumt sich in den verdienten Feierabend hinein – die Arbeit ist getan.


Vielen Dank, lieber Pitt, für Deine Führung zur Schlossberg-Serenade – wir stellten fest, wie achtlos wir bisher an diesen ausdrucksstarken Kunstwerken Wachters vorbeigelaufen waren.

Autor: Margit Anhut, unter Verwendung vom Text von Helmut Büchler/Pitt70

Fotos: Margit Anhut

Autor: Pitt70

Helmut Buechler

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