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Ein Spaziergang über Freiburgs Pflastermosaike

Meistens gehen wir achtlos darüber hinweg. Aber nehmen wir uns doch mal Zeit zum Schauen, lassen uns ganz einfach durch die Gassen treiben. Am besten an einem trüben Tag. Nach Regen, wenn das Wasser den Staub an den Saum der Straßen spülte, schimmern die Mosaike in unverbrauchtem Glanz.

Beginnen wir unseren Spaziergang im idyllischen Oberlindenviertel, unterm Schwabentor. Auf dem Weg dorthin erzähle ich Ihnen ein wenig über den Rahmen, der die Mosaiken umschließt, das Rheinkieselpflaster.

Wer auf die Idee verfiel, einen Kiesel mittig quer zu spalten, um beide Hälften „mit der glatten Seite nach oben“ in Sand als Pflaster zu versetzen, ist nicht überliefert. Der Legende nach soll es ein Elsässer gewesen sein. Rheinkieselpflaster ist eine oberrheinische Spezialität, die Entwicklung einer eigenen unverwechselbaren Pflastertechnik.

Zubrot für Rheinfischer

Die Kiesel, in unvordenklichen Zeiten im Geschiebe des Rheingrabens zu flachbauchigen Ellipsen geschliffen, wurden im Tagebau auf den Sandbänken der Rheinauen bei Niedrigwasser gewonnen, in Nachen verladen, ans Ufer geschleppt. Die Fischer, sich in fangarmen Zeiten ein Zubrot verdienend, grundelten mit Käschern im Flachwasserbereich nach dem begehrten Stein. An Land wurden die Kiesel nach Größen und Farben sortiert.
Zur Winterzeit, wenn Frost Pflasterei nicht zuließ, zogen die Gesellen in die Rheinauen, verdingten sich zum Steinespalten. Erst nach dem Spalten wurden die Hälften handverlesen und mit schwerem Fuhrwerk in die Stadt gebracht.
Sehen Sie, hier in Oberlinden lässt sich die klassische Einfachheit des Pflasters gut erkennen. Waagrechte Lagen, quer zum Gehweg geschichtet, bilden das Grundmuster. Parallel zu Hausfront und Bordstein ist ein mehrzeiliges Kieselband, farblich abgesetzt, statische Umfassung und formaler Rahmen.

Oberlinden

Um den Oberlindenbrunnen rankt sich eine Girlande harmonisch abgestimmter Mosaike, bestimmt den Platz zum Mittelpunkt des Viertels.
Vor behäbigen Häusergiebeln die Pflasterbilder der Ladner, Händler und Wirte. Die Zunftzeichen der Handwerker. Stiefelschaft und Apothekermörser, Diamant und Bäckerbrezel, Roter Bär und grauer Fisch ruhen in friedlicher Nachbarschaft nebeneinander. Schauen in die Wolken, blinzeln den Damen unter die Röcke, hören dem Geflüster der Bächle zu, die traulich und regenschwer unter Freiburgs Himmel dahingleiten.

Bächleabwärts, entlang der Herrenstraße, dominieren die klassischen Bilder Freiburger Pflasterkunst, alle dem Mysterium des Kreises entsprungen. Rosette und Kreuzblume, sinnbildlich, religiöse Motive in zurückhaltender Ornamentik. Nicht im lauten Kontrast, sondern im stillen Einfügen in die Strukturen werden sie zum unentbehrlichen Accessoire dieser Straße.

Zwei anspruchsvolle Bilder herausgegriffen: Die Rosette vor dem Denkmal Alban Stolz, 16 Strahlenfächer formen den vollendeten Einklang von Motiv und farblicher Stimmung. Gegenüber, keine zehn Schritte entfernt, vor der alten Münsterbauhütte eine riesige Kreuzblume, schlichte Farben: kieselgrau, granitgrau, ein scheinbar instabiles, gotisch zerbrechliches Gefüge!

Augustinergässle

Der schmale Durchbruch von der Schusterstraße zur Deutschordenskommende schmiegt sich dem unsteten Verlauf der Häuserfronten an, knickt dabei ein, vermittelt so Intimität. Das Augustinergässle gilt als exemplarisches Beispiel Freiburger Pflasterkunst. Barocke Halbkreise in großzügigem Zirkelschlag betten die reiche Ornamentik in eine heitere Ordnung. Am Rande der rote Sandsteintrog eines winzigen Bächles. Integriert als originales Profil, verleiht es dem Gässle besondere Atmosphäre, letzten Glanz.

Bertoldsbrunnen

Bummeln wir weiter zum Bertoldsbrunnen. Die Renaissance Freiburger Pflasterkunst geht einher mit der Umgestaltung der Innenstadt in den siebziger Jahren. Pulsierender Mittelpunkt ist die Kaiser-Joseph-Straße, von den Bobbele liebevoll die „Große Gass“ genannt.
Kluge städtebauliche Dramaturgie nimmt Rücksicht auf Vordergrund und Raumtiefe, zerlegt vielfältig und variantenreich in den Pflasterstrukturen wechselnd die Straßenschlucht. Gliedert Münsterstraße, Rathausgasse, Salzstraße, Bertoldstraße ein.

Bächle ordnen mit eingrenzender Linienführung das Bewegte der Bildkomposition und leiten den Blick hin zum sichtbaren Endpunkt, dem Martinstor. Nobler Blickfang: Die Mosaike vor dem Basler Hof, dem Sitz des Regierungspräsidenten. Jedes Stück ein Meisterstück. Dominanter Mittelpunkt: Das Staatswappen von Baden-Württemberg, zur Seite die heraldischen Zeichen der vier Regierungsbezirke des Landes. Die Wappen von Basel und Baden geben anstoßenden Hinweis auf die bewegte Vergangenheit des eleganten Profanbaus.

Noch ein paar Schritte zum Rathausplatz. Der starre Verlauf innerstädtischer Gehwege lässt zwangsläufig nur strenges geometrisches Formenspiel zu. Bieten sich Seitensprünge aber an, folgen Pflasterband und Gurte nur zu bereitwillig dem Umschwung eines Baumes, schlagen Arabesken um Regenkandel, schmiegen sich um Laternenfüße, springen übermütig über Ladenschwellen, kesseln Kellerschlunde ein, hinunterführend in die Unterwelt der Häuser. Diese Hatz lässt sich schon mal von einem grobschlächtigen Kanaldeckel unterbrechen, läuft dann aber unbekümmert weiter, verläuft sich in hindernislosen Flächen wieder in beruhigten Linien. Vorbei sind Atemlosigkeit und freies Spiel!

Rathausplatz

Die Atmosphäre dieses Platzes ist gleichermaßen geprägt von der großen selbstständigen Vergangenheit wie von dem
unverwechselbaren Lokalkolorit der Stadt. Hier trifft man sich gerne. Genießt Hockbehaglich-hkeit unter dem zerfiederten Laubschatten der Bäume, unter dem Denkmal von Berthold Schwarz. Zu seinen Füßen leuchten die Wappen Freiburgs und seiner Partnerstädte. Die wichtigen Mosaike freilich liegen im Abseits des Platzes. Am Portal zur St. Antonius-Kapelle ein wunderschönes Rosenkreuz. Im Schatten des alten Rathauses der Macht ausstrahlende österreichische Adler. Daneben die Münz - und Siegelzeichen Freiburgs. Volkstümlich mit Rabenkopf und Wasserschloss bezeichnet.

Gehen wir zur Bertoldstraße. Doch zuvor zum Colombi Hotel.
Vor dem Gebäudekomplex befindet sich ein formal hervorragend gestalteter kleiner Platz. Ausgelegt mit Blaubasalt, Granit und Rheinkiesel. Das sehr anspruchsvolle Grundmuster: Aufgefächerte Schuppen bilden die Umrahmung für den alten Brunnen, den Mittelpunkt des Platzes. Besondere Schmuckstücke, ein halbes Dutzend Pflastermosaike, unter anderem eine kunstvolle Windrose.

Bertoldstraße

In der Bertoldstraße, zwischen Rotteckring und Universitätsstraße eine Reihe sehr sehenswerter Mosaike moderner Prägung. Reich ausgestattet die Symbole der Geschäftsleute. Marmor, Messing, Halbedelsteine edel verarbeitet. Dazwischen, vor der Jesuitenkirche, ein exakter Aufriss der barocken Giebelfront. Ein Schmuckwerk von besonderer Ausdruckskraft.

Rotteckring

Am Rotteckring vor dem Haus Nr. 1 ein Wasserschloss. Am Beispiel: Wasserschloss! Hier lässt sich der Wandel der Pflastertechnik im Lauf der Zeiten gut erkennen.

Das Bild vor dem Rathaus, eine feingezeichnete,klassische Arbeit, das Motiv tritt plastisch greifbar hervor. Das verwendete winzige Kieselformat, seit langer Zeit nicht mehr verfügbar, verstärkt diesen Eindruck. Vor dem Haus Rotteckring Nr. 14, ein stilistisch weniger flüssiges Bild, weglassende Vergröberung. Im Detail nur schwer zu entziffern. Eine Einlegearbeit, holzschnittartig dem Kiesel abgerungen.

Schließlich das Wasserschloss vor dem Haus Rotteckring Nr. 1. Die Faszination des Bildes liegt in der meisterhaften Gestaltung des Motivs, in der liebevollen Ausfeilung der Details unter Hinweglassung allen unnötigen Zierats. Gesägter Marmor in Mischtechnik mit Kunststein runden mit ausgewogener Farbgebung diesen Eindruck ab.

Hier am Rotteckring will ich Sie nun Ihren eigenen Wahrnehmungen, Eindrücken und Empfindungen überlassen, will Sie nicht länger begleiten. Diesen Ort habe ich an das Ende meiner Betrachtungen gestellt, weil mir scheint, dass die Mosaike hier, in der Symbolkraft ihrer Motive, die Vorbilder für die ständige Weiterentwicklung moderner Freiburger Pflasterkunst sind.
Pflasterei, ein archaisches Handwerk, in Freiburg wurde es gewiss zum Kunst-
handwerk.

© Helmut Büchler / Pitt 70

Der Bericht erschien 1986 im Freiburger Almanach, mit SW-Fotos.

Autor: Pitt70

Helmut Buechler

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