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Die Interpreten der Musica Sacra feierten im Rahmen eines Festaktes die Einweihung ihres neuen Domizils. Nach jahrelangen Provisorien haben die 170 Mitglieder des Domchors und die 350 Mädchen und Buben der Domsingschule am Münsterplatz 10 eine neue Heimat gefunden.

Schon 1987 forderte Domkapellmeister Raimund Hug ein Haus in unmittelbarer Nähe des Münsters mit dem Domchor als alleinigem Nutzer. Nachdem der Plan, die Domsingschule auf dem Areal des ehemaligen Andlaw’schen Palais zu errichten scheiterte, richtete sich der Blick auf andere Standorte. Nach erfolgloser Prüfung alternativer Standorte im inneren Stadtkern wurde im Januar 1991 das erzbischöfliche Palais als zukünftiger Sitz der Domsingschule ausgewiesen.

Im März 1993 stimmte die Baukommission den vorgelegten Plänen zu. Die Baukosten wurden mit acht Millionen DM beziffert. Die Weichen waren gestellt, nun fuhr der Zug auf dem richtigen Gleis. Der Weg war frei für den Umbau des erzbischöflichen Palais zur Domsingschule.

Die Baugeschichte.

Die Vorgaben des Domkapellmeisters für das Raumprogramm bündelten sich in dem Wunsch nach einem großen und einem kleinen Probesaal, Räumen für die musikalische Früherziehung und Stimmbildung, Unterrichtsräumen, Lehrerzimmern, einem zentralen Notenarchiv, entsprechende Lager-und Nebenräumen, sowie einer Cafeteria.

Das erzbischöfliche Bauamt beauftragte anfang 1993 Dipl.Ing. E. Wittekind mit der Realisierung des Bauvorhabens. Der Kernpunkt des Raumprogramms sah einen Probesaal von 300 qm vor. Verschiedene Vorentwürfe zeigten, dass der Bau eines Saals dieser Dimension im Palais mit vertretbaren Mitteln nicht zu verwirklichen war. Weitere Überlegungen befassten sich deshalb mit der Überbauung des Innenhofs zwischen Münsterplatz und Schusterstraße. Dieser Entwurf scheiterte aber an den Wünschen des Landesdenkmalamtes welches nach einer Probegrabung denkmalpflegerisches Interesse an der ungestört anstehenden mittelalterlichen Bebauung im westlichen Teil des Hofes anmeldete. Diese Fesselung zwang den Architekten zu einer Orientierung in den Ostteil des Hofes, der durch den früheren Einbau eines Öltanks gestört und deshalb von geringerem denkmalpflegerischen Interesse war.
Die Realisierung löste Wittekind auf originelle Weise durch das Drehen des Saals um 90 Grad und die Verlagerung eines Teils des Saalvolumens in das Rückgebäude. Dabei wirkt der Saal als Taille und neutralisierendes Gelenk zwischen den formal von einander abweichenden Baukörpern des Palais und des Wohngebäudes an der Schusterstraße. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die geschickte Modellierung des Gefälles zwischen Schusterstraße und dem Münsterplatz. Dies gelang durch die Absenkung des Saalniveaus auf die Ebene des Palais und die Anordnung einer Treppenkaskade im Innenhof. Dieser Entwurf wurde am 13. Juli 1993 vom Ordinariat genehmigt. Am 3. August 1993 wurde das Baugesuch eingereicht. Durch verschiedene Einsprüche von Anliegern verzögerte sich die Baugenehmigung bis zum 28. Dezember 1994. Nach dem Dreikönigstag 1995 wurde mit dem 1. Bauabschnitt begonnen. Er umfasste den Abbruch des alten Verbindungsgebäudes, den Neubau des Mozartsaals und den Umbau des Wohngebäudes an der Schusterstraße. Trotz starker Beeinträchtigungen durch die Baustelle wurde der Betrieb der Domsingschule aufrecht erhalten. Nach dem Umzug der Nutzer in die beiden Geschosse des Wohngebäudes begann der 2. Bauabschnitt im Februar 1996. Im Dezember 1996 wurden die Arbeiten abgeschlossen. Insgesamt wurden 11300 Kubikmeter Raum umbaut beziehungsweise umgebaut. Die Gesamtfläche wird mit 2050 qm beziffert. Die Baukosten einschließlich der gesamten Inneneinrichtung, der Außenanlagen und der Nebenkosten betrugen 8,3 Mio. DM.

Außenansichten

Beim Wiederaufbau des zerstörten Palais nach dem Kriege wurde die klassische barocke Achsenstellung des Gebäudes aufgegeben. Lediglich die dem Münsterplatz zugewandte Fassade blieb in der barocken Baugliederung erhalten. Vorsichtig und einfühlsam restauriert, zeigt sie sich heute in einer neuen Fassung. Der Verzicht auf die Klappläden an den Fenstern hebt die verstärkte horizontale Gliederung auf; die Wirkung der Pilaster welche die mittlere Fensterachse flankieren, wird nun deutlich hervorgehoben. Die zurückhaltende Farbigkeit der Fassade korrespondiert mit den ruhigen warmen Brauntönen der Alterungspatina des Daches. Die Restaurierung fand ihren Abschluss in der Neugestaltung des Portals und in der Vergitterung der Fenster im Sockelgeschoss. Restaurator und Architekt bezogen hierzu Hinweise aus historischen Fassungen der Fassade. In der Schusterstraße zeigt sich die Fassade des Wohngebäudes in kultivierter Schlichtheit. Ein wahres Meisterstück ist der Entwurf des Tores. Das geometrische Fensterspiel des Tores beweist nachdrücklich Wittekinds Sinn für Ästhetik.

Der Mozartsaal

Den Entwurf des Mozartsaals entwickelte Wittekind mit dem gebotenen Respekt vor dem vorhandenen Bauwerk. Die Abdrehung um 90° lässt den noblen Saal von der vorhandenen Bausubstanz etwas zurücktreten, er wird aber wieder betont durch den neuen großen Vorbereich des Foyers im Sockelgeschoss des Palais. Der Blick auf die Raumfassung des Saals wendet sich von den drei fensterlosen, holzprofilierten Wandflächen ab und hin zur Fensterwand, die sich zum Innenhof öffnet. Die Gliederung des Sprossenwerks zieht die Wandfläche zusammen, konzentriert den Blick und vermehrt die Qualität des Ausblicks. Wittekinds Versuch durch werkgerecht gestaltete Details, wie Saalrückwand, Bühnenpodest, Eingangstüren, handwerkliche Arbeit wieder sprechen zu lassen ist durchaus gelungen. Die Qualität seines Entwurfs zeigt sich in der sparsamen Verwendung von Dekor, insbesondere in der Ansicht der Saaldecke. Die dortige Vereinigung der notwendigen Technik mit den ästhetischen Bedürfnissen der Innenarchitektur zeigt ein Arrangement von hohem visuellem Reiz. Es verwandelt die 170 qm große Fläche zu einem Rahmen der das Bild „eines dahinziehenden Kometen“ begleitet.

Der Bischofssaal

Das sogenannte Balkonzimmer im Piano nobile des Palais, ehemals der Repräsentation dienend, wird heute als Musiksalon genutzt, in dem Kammermusik dargeboten wird. Drei großformatige Fenster gewähren den Ausblick auf die Südfassade des Münsters. Die Kontrastbildung zwischen der prächtigen Schauseite des Münsters und der zurück-
haltenden Schlichtheit des Bischofssaals erzeugt eine belebende Wirkung auf den Betrachter.
Geschmückt ist die Fassung des etwa 100 qm großen Saals mit dem Gemälde einer Kreuzigungsszene und den lebensgroßen Porträts dreier Bischöfe die im Palais residierten. Mit beseelten Blicken schauen sie auf den dominanten Glanzpunkt des Raumes, einen Schiedmayerflügel, der 1900 zur Pariser Weltausstellung gebaut wurde.
Der Flügel aus Mahagoni mit Intarsien aus Elfenbein, Perlmutt, Schildplatt und edlen Hölzern belegt, ist in Verbindung mit einer Überfülle von Girlanden, Rosetten und Fabelwesen aus Messing, Kupfer und Silber ein prunkvolles Unikat deutscher Handwerkskunst.

Die Marienkapelle

Der für die Andacht bestimmte Raum orientiert sich zur ruhigen Seite des Innenhofs hin. Matte Blautöne in unterschiedlicher Intensität betonen die Fassung des Raums. Hinter dem Altar schichtet sich, gehalten von vier vertikal angeordneten Streben eine vier Meter hohe Wand aus 666 horizontal liegenden 6 mm dicken Glasstreifen auf. Das Zentrum der Plastik ist kreuzförmig ausgespart und birgt eine Bronzefigur des Gekreuzigten.

Die aggressive, plastische Kraft des Glases wird durch den ruhigen grünen Farbton der Glasstreifen gemildert. Links neben dem Altar trägt ein gläserner Pfeiler den Tabernakel in Form eines würfeligen Schreins, eine wunderschöne Arbeit aus mattvergoldetem Metall. Der Schrein wird von einer aufgelegten Emaillearbeit geziert, welche die Szene Maria Verkündigung darstellt. Rechts vom Altar, vor einem Rundfenster, steht eine gotische Hl. Maria, das altersdunkle Holz wird durch konzentriert einfallendes Licht harmonisch beleuchtet.

Die schönen Künste

Architektur planen und beim Bauen verwirklichen ist ein Prozess des Werdens, der Entwicklung. Aus der vorhandenen Substanz des Palais und den vorgegebenen Funktionen entwarf Wittekind das spezifische Raumprogramm für die Domsingschule. Er trat nicht ehrfürchtig vor dem Bestand zurück, er belebte vielmehr in seinem Entwurf das Vergangene, verband es mit dem Neuen. Seine Philosophie, dass die pure und die einfachste Form von Architektur die beste sei, setzte er konsequent um, auch in der innenarchitektonischen Ausstattung der Räume. Jedes Detail im Haus, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht gleich wahrnehmen und entschlüsseln kann, birgt ein Stück der Gesamtkomposition in sich. Die Ausstattung der Räume, die Form-und Materialauswahl beweist Wittekinds klare Architektursprache. Ein schönes Beispiel dafür sind die Entwürfe der Möbel für die Büros und die Klassenzimmer. Das Handwerkliche dieser Möbel, die durchgängige Verwendung von Ahornholz, steht in lebhaftem Kontrast zu dem Variantenreichtum und den vielfältigen Zuordnungsmöglichkeiten der Sitzgruppen, sie akzentuieren deren Funktion. Die differenzierte, zurückhaltende Farbwahl für die Dekoration der Decken-und Wandbeläge
schafft Projektionsflächen für die Licht-und Schattenspiele des reichlich einfallenden Lichts, sie korrespondieren mit den schönen Gemälden aus dem Fundus der Erzdiözese, die die Wände des Palais schmücken. Die einfache Eleganz und Harmonie mit der Wittekind die drei völlig unterschiedlichen Baukörper dieses Ensemble verband ist faszinierend, sie verweist auf seine Sensibilität, mit der er bei diesem Bau zu Werke ging.

500 Musikbegeisterte Jugendliche und Erwachsene nahmen dieses Haus inzwischen ohne großes Aufhebens in Besitz. „Die neue Domsingschule wird zweifellos in der Pflege der Kirchenmusik ihren Schwerpunkt haben, doch soll hier kein musikalisches Ghetto entstehen“, so Erzbischof Dr. Saier bei der Einweihung des Palais. Vielmehr bietet der Erzbischof der Stadt und ihren Bürgern einen weiteren musikalischen Stützpunkt an, und er wünscht sich, dass die Domsingschule von den Bürgern gern als weiteres kleines kulturelles Zentrum angenommen wird.

© Helmut Büchler 1998 / 2011

Fotos: Pitt70/Helmut Büchler

Autor: Pitt70

Helmut Buechler

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