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1950, im November schrieb der Rat der Stadt Freiburg den 1. Wettbewerb für die „Kunst am Bau“ des Martinstores aus. Ein neues Wandgemälde an der Nordseite des Tores sollte den geborstenen Reichsadler ersetzten.

Dieser Wettbewerb nahm aus mehreren Gründen einen unglücklichen Verlauf. Die Arbeiten sollten schon 4 Wochen nach der Auslobung abgeliefert werden; nach dem Einspruch des Verbandes Bildender Künstler verlängerte sich die Abgabefrist dann um weiter 8 Wochen. Die Erwartungen des Preisgerichts nach einer völlig befriedigenden Lösung wurden nicht erfüllt. Fragwürdig war das Ergebnis auch deshalb, weil einige der besten Freiburger Künstler erst gar nicht an dem Wettbewerb teilnahmen.

Martinstor
- Nordansicht des Tores, August 1955 -

Schließlich wurde dem Entwurf Adolf Riedlins der 1. Preis zuerkannt, einem Bild, das eine Winzerin mit Weinglas und Traube zeigte, eine Schwarzwälderin, mit einem an verflossene Arbeitsfront - Enbleme erinnernden Industrierad und eine geradezu heldische Figur eines Mannes, die in der Rechten eine gewaltige Fackel trug und in der Linken das Modell der „freien Burg“.

„Der Entwurf ist thematisch nicht für ein Wandgemälde am Martinstor geeignet, er ähnelt eher einem Fremdenverkehrsplakat…“ spottete ein Leserbriefschreiber. Immerhin bescheinigte er dem 2. Preisträger, dem Maler Hans Baumhauer, „einen virtuosen Entwurf für die Gründung der Stadt Freiburg“. Hoch-gelobt der 3. Preisträger Theodor Kammerer: „Malerisch und in der klaren Komposition eigentlich der reifste Entwurf, weil er echten Wandbildcharakter hat und trotz der etwas matten Farbigkeit ein schönes Gefühl für die Erfordernisse der Fläche zeigt“. Keiner der prämierten Entwürfe kam schließlich zur Ausführung, die Nordseite des Martinstores blieb ohne würdigen Wandschmuck.

Martinstor
- Der Hl. Martin von Göser -

Das verfallene Martinsbild.


Das Bild des Hl. Martin auf der Nordseite des Tores hatte im Laufe der Jahre derart Schaden gelitten, dass es aufgegeben werden musste.
Der Putz unter dem Wandbild, verrottet und narbig, musste ersetzt werden, erst danach war eine völlige Erneuerung des Wandbildes möglich.

Im Stadtrat war man sich einig, dass der Hl. Martin den Turm weiter schmücken solle. Zum Jahresende 1956/57 reichten namhafte Freiburger Künstler Entwürfe für das neue Bild des Hl. Martin ein. Aber auch damals scheiterte die Erneuerung des Wandbildes am Geldmangel der Stadt und an der fehlenden Entschlossenheit der Stadtverwaltung.
Als Reaktion bot der Künstler Hans Baumhauer der Stadt Freiburg die Stiftung eines neuen Martinbildes in Form eines Mosaiks an. Dieses Angebot brachte ihm mehr Kritik als Zustimmung ein. Der Kunstausschuss lehnte das Angebot ab. Der Stadtrat folgte dieser Empfehlung nicht und nahm das Stiftungsangebot an. Die Ausführung scheiterte zuletzt am Einspruch der Denkmalspfleger.

Der Künstlerwettbewerb 1968/69

Im Juni 1968 beschloss der Stadtrat die grundlegende Renovierung der Außenhaut des Martinstores.

Neben der Sanierung des Daches empfahl sich auch der Austausch der Putzflächen. Diesen Arbeiten fiel das Martinsbild zum Opfer. Eine Zeitspanne ging zu Ende.

Verbunden mit der Renovierung des Martinstores schrieb die Stadt Freiburg einen landesweiten Wettbewerb zur künstlerischen Neugestaltung der Nordfassade aus. Vorgegebenes Motiv: Die Martinslegende. 23 Künstler aus Baden-Württemberg reichten ihre Entwürfe ein. Einstimmig empfahl das Preisgericht den Entwurf von Helmut Lutz mit dem 1. Preis auszuzeichnen. Nach Ansicht der Jury drücke diese Arbeit besondere Vitalität aus und trüge eine kräftige, individuelle Handschrift. Und das gestellte Thema würde in eine künstlerisch hoch qualifizierte Form umgesetzt…

Martinstor
- 1. Preisträger 1968/69 H. Lutz -

Als Folge dieser Empfehlung, die vom Bauausschuss und vom Kunstausschuss befürwortet wurde, spaltete sich die interessierte Bürgerschaft in drei Lager. Die Traditionalisten wünschten sich die Wiederherstellung des historischen Bildes. Die Modernisten warfen dem Künstler vor, dass seine Arbeit schwerlich als Ausdruck dieser Zeit gewertet werden könne… Eine dritte Gruppierung, stellte den „Schmuck“ – also die Kunst am Bauwerk schlechthin in Frage und plädierte gegen eine Ausgestaltung des Martinstores!

Martinstor
- Das Caluri-Denkmal -

Am 22. Juli 1969 fiel die Entscheidung. Nach heftigen Diskussionen über den Entwurf von H. Lutz stimmten 22 Abgeordnete gegen den Hl. Martin des Künstlers, 9 Abgeordnete stimmten für ihn. Die Gegner der „künstlerischen Gestaltung des Martinstores“ siegten und bereiteten der Stadtverwaltung eine bittere Niederlage.
Der eigentlich Leidtragende, der junge Künstler Helmut Lutz zog sich enttäuscht aus der hiesigen Szene zurück, ging aber unbeirrt

seinen Weg. Seit 1972 arbeitet er an der Utopie „Neuf- Brisach“, sein kultisches Klangtheater „Sternenweg“ steht unter dem Patronat des Europarates.

Mäzene und Treuhänder

Der Freiburger Gerd Schoeck wanderte in jungen Jahren nach Amerika aus. Reich geworden verbrachte er seinen Lebensabend – aus Liebe zu seiner badischen Heimat- in Südbaden. Er verwandelte sein beträchtliches Vermögen in Stiftungen um und machte der Stadt Freiburg das Angebot, einen unlimitierten Betrag für die Wiederherstellung des historischen Wandbildes am Martinstor zu spenden. Dazu schrieb der Lokalredakteur Heinz-Dieter Popp in der BZ: „Zunächst zögerte das Baudezernat. Dann einigten sich die Stadträte nicht: Die einen wollten die Wiederherstellung des alten Hl. Martinbildes, die anderen traten für eine Darstellung des österreichischen Doppeladlers ein; einige wenige wiesen darauf hin, dass der Entwurf des Malers Grützke ein Martinsbild sei, das Kunst der heutigen Zeit zeige.“

Im November 1979 verstarb Schoeck. Bis dahin war nichts geschehen, und bis dahin hatte es das Baudezernat versäumt, das großzügige Angebot wenigstens mit einem verbindlichen Dankesbrief zu würdigen.
Einige Jahre später, 1990, bot der Verleger Edi Poppen dem Chef des Stadtplanungsamtes ebenfalls an, die Kosten für das historische Wandbild zu übernehmen. Immerhin kamen die beiden Herren ins Gespräch, eine Einigung fand jedoch nicht statt. Wulf Daseking favorisierte den „Martin“ von Grützke, Edi Poppen den „Martin“ von Göser. Ein Kompromiss bot sich so nicht an.

Martinstor
- Der Hl. Martin von Grützke -

Der Favorit

Im Stadtplanungsamt neigen die maßgeblichen Leute dazu, den Entwurf von Johannes Grützke zu protegieren. Sein Hl. Martin ist offenkundig der Favorit seit den siebziger Jahren. Immerhin: Grützke ist einer der angesehensten Maler in Deutschland, einer der Initiatoren der „Schule der neuen Prächtigkeit“, ein Künstler, der nicht nur bei der Ausmalung der Frankfurter Paulskirche Aufsehen erregte.
Anlässlich eines beschränkten Wettbewerbs zum Thema Hl. Martin, stellte Grützke eben diesen Hl. Martin mit der Szene der Mantelteilung vor. Das Bild zeigt den Entwurf zu einer Bronzeplastik in Form einer reliefartigen Halbskulptur. Nach der Installation der Plastik wollte Grützke die Bronze bemalen!

Nehmen wir einmal an, dem Stadtplanungsamt gelänge es, diesen Entwurf den Bürgern schmackhaft zu machen, und es fänden sich Geldgeber, so könnte die Installation dieses gewichtigen Kunstwerks dann doch noch an denkmalspflegerischen Aspekten scheitern. Tiefere Eingriffe in die Bausubstanz zur Verankerung der Plastik in das Bauwerk widersprächen den Grundsätzen der Denkmalspflege, ihr Veto scheint sicher.

Fazit

Betrachtet man die sicherlich redlichen Bemühungen der Stadtverwaltung, über die Zeitspanne von über 60 Jahren um den „Schmuck“ am Martinstor, sie gerieten zur Posse, gäbe es nicht die enttäuschten Künstler, die verprellten Mäzene und die resignierende Bürgerschaft.

Das Zitat aus dem Jahre 1969 von Immo Kirsch hat an Gültigkeit eher noch gewonnen: „Der Verzicht einer Ausschmückung der Nordseite des Martinstores kommt einem Armutszeugnis gleich, in dem unsere Generation zugeben muss, eine schon über Jahrzehnte und Jahrhunderte bestehende Tradition einer Gestaltung dieser Fläche des Turmes nicht fortsetzen zu können.“


Fotos: Helmut Büchler

Autor: Pitt70

Helmut Buechler

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