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Das Furtschellas-Phantom
Eine Groteske von Helmut Büchler

Um es gleich zu sagen: Alles in dieser Geschichte ist wahr! Es ist nichts hinzu erfunden; nichts ist dazu gelogen.

Culöz da las Furtschellas/Schweiz: 2800 m über dem Meer entlässt mich der Bügel des Liftes. Nebelflirren – schier blind, stehe ich ratlos, starre in die unwägbare Tiefe. Verflucht noch mal, welcher Pferdefüßige hat mich geritten, hier herauf zu liften? Da hinunter soll ich fahren? Auf diesen merkwürdig gebogenen Leisten, die man mir als Carvingski verkauft hatte? Panik ergreift mich! „Entschuldigen Sie bitte,“ frage ich leise meinen Nachbarn, „was bedeuten die roten Stangen?“ „Das sind die Orientierungsmarken für den ‚Chüderin-Run’!“
„Ach, und was ist bitte ein ‚Run’?“ Er stiert mich an: „Eine Abfahrtsstrecke, Sie Greenhorn! Also, Sie sollte man doch...; Sie gehören ja ins Museum...; also man sollte mal mit Ihrem Skilehrer reden; an welchem Ponylift sind Sie denn verloren gegangen?“

Abstoß, Schlittschuhschritt: Weg ist er. Sieht leicht aus, denke ich; bolzengerade verschwindet der Mann im Dunst. Ich fahre einfach hinterdrein: Gedacht, getan.

Das Krachen der ersten Stange. In einer eleganten Parabel verschwindet sie im Seidennebel. Ratsch! – Es muss die zweite Stange gewesen sein. Ein Steilhang, tief geduckt, breitbeinig, stämmig rase ich im Schuss in die Tiefe. Ohrenbetäubendes Scheppern, Krachen begleitet mein Ohr für den Teil einer Sekunde. Ein Handy segelt parallel zu meiner Bahn. Einzelteile: eine Türe, ein Klappstuhl, Dachpappefetzen fliegen schwirrend in den Tiefschnee. Aus unerklärlichen Gründen spure ich genau durch das Wächterhäuschen des Chüderun-Liftes. Ein leichter Stich im Schultergürtel signalisiert mir: Langsamer! Vorsichtiger!

Weiterstürzend zerpflüge ich in der Vertikalen die Waldzone – schon dicht über dem Silvaplaner See. Fichten zerbrechen unter meinem Gewicht. Unbeirrt reiße ich alles nieder, was sich mir in den Weg stellt. Eine Spur von Zerstörung, Chaos und Trümmern hinter mir herziehend.

Im Auslauf am See kreuze ich die LL-Spuren, verletze Frau Doris Hügli aus St. Gallen und ihren Begleiter – dessen Name hier diskret verschwiegen werden soll -, jedoch nur leicht. Alle drei kommen wir mit Prellungen davon. Nur der Liftwärter oben bleibt – wie durch ein Wunder – unverletzt. Tief gebückt, gut gewachst, entferne ich mich atemlos aber leichtfüßig mit Doppelstocktechnik, mische mich unter das LL-Völkchen, entkomme unerkannt, das wehleidige Geschrei Frau Hüglis im Nacken.

Die Leiche Benedettis birgt man erst einige Tage später. Zerstückelt von Titanstahlkanten finden ihn die Bernhardiner, die ihn aufwittern.
Fassungslos, tränenden Auges stehen sie im Schnee, resignierend mit den Schwänzen wedelnd. Schließlich ist es einer ihrer Artgenossen, der kalt und reglos vor ihnen liegt.

Als unentdeckter Mörder eines Hundes lebt man völlig ungeniert. Das Gezeter der Gazetten belächelnd, schob ich beim Lesen der „sensationellen“ Ereignisse genüsslich ein Honigbrötchen zwischen die Zähne. Frühstück ohne Hast – welche Behaglichkeit. „Furtschellas-Phantom“ nannte mich ein Blatt, der Name sollte mir bleiben. Das verstörte Foto-Gesicht Giovanni Palermos, des Liftwartes, der seinen Hund vermisste, beweinte, verdarb mir nicht den Appetit – Hunde mag ich sowieso nicht. Trotzdem litt ich unter dem Phänomen, nur Schussfahren zu können. Es ist grotesk: Mein Unvermögen, einen Bogen, einen Schwung zu ziehen, steht im diametralen Gegensatz zu meiner soliden Standfestigkeit. „Mich schmeißt nichts um – ganz im Gegenteil!“

Ganze Tage treibe ich so mein exzessives Unwesen. Der Wald oberhalb von Sils, eh nur spärlich verbreitet, verschwindet wie von Geisterhand. Eine Schneise nach der anderen pflügend, gewinnt mein Strickmuster durch verblüffende Einfachheit: vertikale, schnur-
gerade Linien von aufregender Exaktheit. Hin und wieder ein verletzter Kurgast. Wieso, denke ich ungerührt, rasen mir diese unvorsichtigen Hasardeure auch immer wieder in die Quere?
Unruhe breitet sich aus im Engadin. Einheimische und Gäste erwarten eine offizielle Erklärung. Die Gäste dieses urlaubsfreundlichen Kantons Graubünden hatten ein Recht auf Sicherheit. „Safety first“ – ist ein Schlagwort, das durchaus ein Schweizer erfunden haben könnte.
Warum wurde man meiner nicht habhaft?

Heute werde ich mich am Piz Grialetsch versuchen. Talstation. Rot blinkende Lichtbänder: Lokale Schneebrettgefahr, Marmore-Run gesperrt. Restlich leuchtende Schilder in kräftigem Grün meldeten: „Hier war die Skiwelt in Ordnung.“

Eine Durchsage: „Unsere Gäste werden gebeten, auf den Pisten einem allfällig stur im Schuss talwärts Rasenden defensiv zu begegnen!“ Es handelt sich um einen gefährlichen Einzeltäter. Es liegt eine Personenbeschreibung vor: „Großer, schlanker, graubärtiger Mann, zirka 1.80 m, dunkelblau gekleidet, mit schwarzer Pudelmütze und Sonnenbrille!“

Erschrocken blickte ich mich um; es war beruhigend: Solche Typen gab es hier im Dutzend. Offensichtlich hatte G. Palermo beim Abbruch seiner Liftstation von mir nicht viel erblickt. Kein Wunder bei meinem Tempo. Gelangweilt mein Ticket in den Controller schiebend, summte mir der Piepston: Durchgang frei. Die heutige Kontrolle war passiert.

„Du Pappi, der Mann da, der mit dem Rucksack, könnte der Beschreibung nach das Furtschellas-Phantom sein!“ Acht Jahre war die Göre alt, und sie flüsterte einfach zu vernehmlich, um es zu überhören. Das Schaukeln der Kabine austrimmend, sah ich durch dieses kleine Luder hindurch – mit sanften Augen.

„Aber Heidi, sei still“, flüsterte ihr Begleiter – offenbar der Vater dieser missratenen aber gut beobachtenden Person. „Und überhaupt: Der Mann hat so liebe Augen, der kann niemals einem Hund etwas zuleide tun. Richtig nett schaut der doch!“

Allmählich gefiel mir die von den Gazetten aufoktroyierte Rolle. Angst verbreitend übte ich Macht aus. War ich der Novelle R.L.Stevensons entsprungen und bergwärts die Reinkarnation des ehrenwerten, geachteten Dr. Jekyll? Talwärts aber Mr.Hyde, ein Monstrum, ein Ungeheuer auf Ski, Verwüstung Verderben und Unheil verbreitend?

Die Kabine bremste sich aus, schaukelte das Skivolk mild hin und her. Unauffällig wurde ich mit der Masse der Skiläufer aus der Seilbahn gespült, hinein in einen Gitterpferch. „Wie ein Bulle auf dem Schlachthof kommst du dir vor, bis du auf die Piste darfst“, brummte ich mir in den Bart, mich in die enger werdende Passage schiebend.
Was war denn das für eine Schikane? Welch eine Überraschung: Die „Bullen“ standen draußen am Ende dieses Zaunes! Wir starrten uns gegenseitig erwartungsvoll in die Augen! Natürlich schnappten sie mich. Höflich und so diskret wie möglich – eben auf Schweizer Art – baten die Herrschaften mich um ein Geständnis. „Mit welcher Begründung unterlegen Sie denn Ihre Vermutung?“ fragte ich festen Blickes. „Ja eben, die Personenbeschreibung passt genau auf Sie!“ „So damit meinen Sie, könnten Sie mir drohen?“ Wild mit meinen Stöcken fuchtelnd, deutete ich auf Herrn Ohlrogge aus Hamburg, den fetten Kaffeehändler aus dem Hotel „Margna“, auf Herrn van der Zyppen aus Kleve, auf einen Unbekannten, alle mit Bart, alle dunkelblau gekleidet, alle pudelbemützt mit Bommel! Alle mit Sonnenbrille!
„Nun reicht’s mir aber“, brüllte ich mir den Weg frei. „Wenn ich schon so eine Dutzendtype bin hier in Ihrem Lande, dann möchte ich auch so behandelt werden. Also bitte keine Extrawurst für mich. Danke, meine Herren!“

Die Gendarmerie war zu verblüfft, um weitere Fragen zu stellen, zu viele Dunkelblaue gab es hier, man hätte glauben können, die Universität Oxford hielte hier ihren Skitag ab. Schließlich ließen sie mich laufen, baten um Mithilfe; falls ich Auffälliges sähe, sollte ich hier an der Bergstation wieder Kontakt aufnehmen.

Die Gendarmen gaben aber nur scheinbar auf. Unauffällig spurte ich hinaus in die schneidende Januarkälte des Tages. Kein Warten am Lift, neben mir ein stämmiger Typ, Boxernase, mit unfreundlichem Blick. Wir zurrten uns den Bügel aus dem monotonen Kreislauf des Liftes herab und nahmen Platz. Mein Nachbar zog es vor zu schweigen. „Der Typ riecht förmlich nach Uniform! Wie konnte ich ihn nur los werden?“ Ich musste den Mann an einer Stelle aus dem Lift werfen, wo er erst mal eine Weile brauchte, um sich wieder aufzurappeln. Er würde als erste Handlung sein Handy bedienen und meine Position melden. Am letzten Mast musste es passieren, bevor der Liftwärter von oben Einsicht in die Liftspur bekam.

Dort in einer Mulde lag der Tiefschnee locker und flauschig und völlig unberührt. Einen Flachmann aus der Tasche ziehend, öffnete ich diesen umständlich und nahm einen tiefen Schluck. „Präsident-Hansen-Rum, das beste Gesöff an der ganzen Nordseeküste“, lächelte ich leutselig mein Gegenüber an. „Nehmen Sie doch einen Schluck!“ Auffordernd tätschelte ich seine Schulter. Der Ahnungslose fiel auf die Finte herein! Seinen Kehlkopf von der Seite beobachtend, schlug ich just in dem Moment mit aller Kraft auf seine Schulter, als er zum zweiten Mal an dem Flachmann sog. Mit einem Erstickungsanfall, krebsrot anlaufendem Gesicht, meinen Flachmann wegschleudernd, verschwand der Unglückliche kopfüber in einem Schwall Pulverschnee. Ein hustendes, zuckendes Bündel, nur noch bedingt einsatzbereit. Meine Weiterfahrt mit unbeschreibbaren schweizerischen Mundartflüchen begleitend.

Die Querung vom Furtschellasjoch hinüber zum Piz Grialetsch passierte ich so diskret wie möglich, immer noch überlagert von den grässlichen Flüchen des Gendarmen. „So lang er schimpft, telefoniert er nicht!“, frohlockte mein Herz. Auf einer Wächte stehend, sah ich hinab in die eisblaue helle Schlucht, welche zur Alpe Prosüra führte. Langweilig! Kein einziger Baum in diesem Tal, welcher sich anheischig machte, sich mir in den Weg zu stellen. Mit arrogantem Blick wandte ich mich ab, richtete meine Skispitzen wie den Lauf einer Kanone auf die Öffnung zwischen Bergstation und der felsigen Kappe der Alpe Morgun.

Welch ein Spaß! Eine herrliche, mit dem Lineal schnurgerade gezogene Abfahrt, im unteren Teil geradezu mit gesunden, frischgrünen Fichten gespickt. Ein Leckerbissen zum Niederreißen. Aber diese Schussfahrt würde auch alle Polizisten und Skilehrer alarmieren, welche jetzt beim Apero saßen, aufgeboten, mich zu fangen.

Das Unglück begann mit dem plötzlichen Einsturz der Wächte, auf der ich stand. Keine Zeit mehr zu Überlegungen. Nur mit Mühe gewann ich meine angeborene Standsicherheit zurück, nahm die rasende Fahrt auf, dopste, hüpfte, sprang über die Buckelpiste, verschwand in einer tiefen gewaltigen Falte mit unglaublichem Tempo. Der Kurs stimmte, trotz des Missgeschicks am Start: Linkerhand tauchte die Bergstation auf.

Vor dem Portal die Silhouette einer Frau. Meinen Kopf wendend, sehe ich eine Gestalt, grazil, groß, überschlank, den Kopf umrahmt mit sepiabraunem Haar, lang und lockig über zauberhafte Schultern fließend. Ein Gesicht wie von Rodin in Wachs modelliert, zarte Konturen, feine Linien, die Augen Glanzpunkte, in denen sich Sonnenstrahlen brechen, die Nase im königlichen Schwung ungetrübter Jugend – wahrhaftig eine Göttin! Es war das Festhalten eines unvergesslichen Augenblickes, eine dramatische schnelle Begegnung. Unsere Blicke trafen sich, blitzten auf, verließen sich wieder.

Nie vorher hatte mich der Blick einer Frau so aus der Bahn geworfen, so vom Kurs gebracht! Dies meine ich wörtlich: Von der unsichtbaren Hand eines Zyklopen wurde ich über die Rampe der Bergstation hinausgeschleudert, segelte ziellos einige zehn Meter durch die Lüfte, landete hart und gestaucht auf dem Steilhang des Furtschellas-Run, verfehlte die Traverse, welche nach links südwärts führte. Die rasende Fahrt trieb mir Tränen in die Augen, sie schwammen in den unteren Lidern, bis sie ertranken.

Metallisches Ächzen in der Luft und ein sich störend bemerkbar machender Schmerz in der rechten Schulter zeigten mir: Ich war direkt auf den Mittelmast der Luftseilbahn aufgeprallt, hatte den Mast gerammt und wurde durch das Filigran sich kreuzender Winkeleisen hindurchgeworfen.

Zu meiner Verblüffung landete ich wieder auf den Skiern, meine entfesselte Reise in die Tiefe fortsetzend! Der Boden bebte, ein erschreckend lauter Knall, unerhört tiefes Grollen meldete mein Ohr – das Geräusch kam rasch näher. Umblickend erkannte ich dicht hinter mir die weiße Wand einer riesenhaften Staublawine.

„Oh Boy, das ist das Ende deiner Talstürze!“, dachte ich im Unterbewussten. Die Lawine machte böse Miene zum Spiel, leistete sich eine Gaudi mit mir, hetzte hinter mir her, als gälte es jetzt schon zu beweisen, dass „sie“ am Ende doch die Schnellere sei. „Adele“ taufte ich sie! Warum sollte man immer nur Hurrikane karibischer Herkunft mit weiblichen Vornamen schmücken? Warum nicht mal eine Lawine? Schließlich klang mir ihr hungriges Brüllen so bedingungslos weiblich im Ohr, das ich mich schließlich ergab, meine Knie gaben nach, ein Zittern durchlief mich. Seltsame Mattigkeit überwand mich. Aufschwimmend verschlang mich das erstickende Geschiebe Adeles. Orientierungslos wirbelte ich wie ein Spielball hinauf auf den Scheitel der Lawine. Halb ohnmächtig sah ich voller Entsetzen, wie ein gigantisches, dunkles weit offenstehendes Maul Adele und mich verschlang. Das offenstehende Maul – es war das Portal der Talstation der Luftseilbahn – zitterte; für eine Tausendstel Sekunde war es ganz still. Dann brach dieser Schlund aus Beton, Glas und Stahl, dieses technokratische Wunderwerk eidgenössischer Ingenieurbaukunst über uns zusammen, begrub uns. Adele umfing mich schützend, danach verlor ich das Bewusstsein – zum ersten Mal an diesem Tag.

Tief unter dem Gemisch aus Schutt und Schnee, Schlamm und Trümmern fand man mich – das Furtschellas-Phantom. Neben dem Gezisch eines Schneidbrenners, Funken sprühend, erschien das Gesicht des Gendarm von Sils, einem graubärtigen Finsterblicker im grauen Lederimitatmantel. Trotz schwerster Verletzungen, schier verblutet, gleichwohl, ich lebte. Wie sollte ich meinen Häscher begrüßen? Mit: „Allegra“ – aus dem Rätoromanischen übersetzt: „Freue dich!“ Diesen kategorischen Imperativ, wenn auch wohlmeinend gedacht, traute ich mich nicht auszusprechen. „Ciao, Schandi! Magst ein Stück Schoggi?“ „Halts Maul, Chaibi, ich bin nicht per Du mit dir“,
antwortete verdrießlich der Gendarm. Pardon: „Eine Tafel Schokolade ist gewiss kein Anreiz für einen Polizisten, ich weiß!“
„Dich zu schnappen, das ist die Krönung meiner Laufbahn, Terrorist, elendiger!“ Wieso: „Terrorist?“ Fürchterlich erschreckend flüsterte ich: „Ich bin Tourist nichts weiter.“ Ungläubig starrte er mich an.

Im Rettungswagen, unter dem zuckenden Geflacker des Blaulichtes dahinjagend, erzählte ich ihm meine Geschichte. Nachdem er seine Insignien: die Handschellen gebündelt, seine MP gesichert, den Lauf, welcher dunkel und düster um sich blickte, zum Boden richtete, wusste ich: Er glaubte mir.

Unversehens wurde er mein Freund, mein Schild: er wehrte das Rudel Wölfe – Pardon: das Rudel Reporter – ab, das sich auf mich werfend alle Regeln des Anstandes, der Genfer Konvention, der Charta der UN vergaß, mich zu verschlingen drohte, als man mich auslud und aufbahrte. Beschwörend fragte mich die Meute: „Wie kann ein einziger Mensch in so kurzer Zeit so immensen Schaden verursachen?“ Röchelnd antwortete ich: „Wissen Sie, ich fahre immer Schuss – deswegen geht alles so schnell!“ „Der Kerl ist doch betrunken“, schrieen jene aus der dritten und vierten Reporterreihe, die Provinzschreiberlinge.
Voller Eindringlichkeit der Starkolumnist von BILD Hamburg: „Sag mir, mein lieber Freund, meine zärtliche Schlagzeile, wie mähst du die Schneise?“ Fast tonlos flüsterte ich ihm in sein überdimensionales Profi-Ohr: „Wissen Sie, ich habe früher bei den „Adlern“ in Mannheim Eishockey gespielt. Sie wissen wie man mit Forechecking und Bodychek Hindernisse aus dem Weg räumt? Ich war einer der gefürchtetsten Verteidiger der damaligen Zeit!“ Der Erhabene, der Unfehlbare, der Wahrheitsliebende zuckte zurück, rollte die Augen – er war der zweite Mensch an diesem Tage, der mich ungläubig anstarrte. Erleichtert verlor ich das Bewusstsein.

Danach überschlugen sich die Ereignisse:

- Aus dem Telefonat des Gendarms mit seinem Vorgesetzten Mayer-Bartsch: “Es ist einfach zu trivial, ein Skianfänger der blutigsten Sorte, der ist eben zu blöd ein Bögli zu fahren! Woher? Ja, aus Freiburg. Jawohl Chef: ein Deutscher. Ja, das ist alles, Chef. Nein: kein Terrorist! Leider!

Telefax Bern – Berlin: „Erwägen nach Jahrhunderten tiefsten Friedens begrenzten kantonalen Krieg: Graubünden gegen Baden! – Stop – Militante Bevölkerungsgruppen Graubündens lechzen wegen erwiesener Schmach nach Rache! – Stop – Erbitten Bestätigung der Kriegserklärung! – Stop – „ gez. Von Stutz, eidgen. Kriegsministerium.

Telefax: Berlin – Bern: „Begrenzter Krieg aufgrund der föderalen Struktur der Bundesrepublik im Prinzip möglich. – Stop – Praktisch jedoch nicht durchführbar. – Stop – Derzeitiges Nato-Konzept sieht auch bei begrenzten Verteidigungshandlungen den atomaren Gegenschlag vor. – Stop – Taktische Atomsprengköpfe für die Beseitigung so winziger Landflächen wie Graubünden befinden sich erst in der Entwicklung. – Stop - Schlagen vor, Krieg zu vertagen und bitten zunächst um Rücknahme der aktuellen Kriegserklärung. – Stop –„
gez.Westerwelle, Auswärtiges Amt der BRD.

„N.S. Berücksichtigen Sie bitte in Ihren Überlegungen auch die kapitalen Geldanlagen deutscher Staatsbürger in Ihrem Lande! -Stop - Und unsere, für Sie kostenlose, Beschaffung äußerst billiger Arbeitskräfte aus der Ukraine durch unsere moderate Genehmigung von Visa-Anträgen in unseren östlichen Bruderländern!“ – Stop –.

Telefax: Bern – Berlin: „Ihr N.S. wirkt überzeugend, verzichten deshalb auf begrenzten Krieg – zähneknirschend!“
Gez. von Stutz, eidgen. Kriegsministerium

Blick, einflussreichstes Boulevardblatt der Schweiz: „Größter Unhold der Schweiz gefasst! Erheblicher Sachschaden verursacht!“

Bild, einflussreichstes Boulevardblatt der BRD: „5 Millionen € Sachschaden durch Terroristen, welcher sich unter dem Pseudonym Furtschellasphantom verbarg, angerichtet. Der Täter wird muslimisch-extremistischen Kreisen der Achse: Bagdad-Damaskus-Teheran zugeordnet!“

Erwachend aus tiefer Ohnmacht, in klinikweißes Linnen gehüllt, war meinem Gesicht ein anderes Gesicht ganz nah. Veronica Ferres stand da – und neben ihr Heiner Lauterbach!

„Veronica,“ flüsterte ich verwirrt. „Du bist auch hier im Engadin, zum Skilaufen? Mit Heiner, wie?“ Ich versuchte meinem Gesicht einen Hauch Verschmitztheit überzuziehen und zwinkerte ihr mit meinem linken zerbeulten Auge zu. Ungerührt erwiderte sie: „Ich bin nicht Veronica Ferres. Mein Name ist Magdalena Füglistaller, Chirurgie Eins. Neben mir steht auch nicht Heiner Lauterbach, sondern Doktor Mario Giacometti, unser Oberarzt – ihm haben Sie Ihr Leben zu verdanken.“

„Grazie, Dottore“, winkte ich leutselig. „Wo bin ich hier eigentlich?“ Giacometti lächelte mild: „In der besten Accidentklinik von St. Moritz!“ „Oh, Boy, entsetzte ich mich. „Ich bin AOK-Mitglied!“
„Macht nichts, mein Junge, der Chef behandelt Sie umsonst – welch ein Wunder – Giacometti war einen Moment selbst verdutzt. „Aber – so meinte er fröhlich – „Sie sind unser Patient. Die Werbung für unsere Klinik isch eine abartig glatti Sach!“

Meine Genesung schritt rasch fort. Streng bewacht von Gendarmerie, sollte ich später in die Kantonale Vollzugsanstalt in Chur zur U-Haft überstellt werden. Dort würde mir der Prozess gemacht. Sehr zum Ärger der Journalisten, ließ man nur meinen Pflichtverteidiger, Herrn Kohler-Bitsch, an mein luxuriöses Krankenlager.

„Am besten ist es für Sie, allein die Wahrheit zu sagen. Schweizer Richter sind leicht milde zu stimmen, wenn man aufrichtig beichtet!“ Der Anwalt, ausgestattet mit feister Noblesse, lächelte fein: „Zugegeben, bei Ihnen muss man schon eine rege Phantasie haben, um die Wahrheit zu glauben“, resümierte der Advokat.

Mich fror, der Bursche weckte kein Vertrauen in mir. Ich flüchtete mich in Fluchtträume. „Wie viel Jahre Festung wird „Phantömli“ wohl zu erwarten haben?“ fragte Schwester Magdalena mit besorgtem Blick zu Kohler-Bitsch hingewendet. Er tat überrascht, weil sie mich „Phantömli“ nannte, obwohl er längst bemerkt hatte, dass wir enge Freunde waren. „Nun, bei Bewertung aller strafmildernden Faktoren dürften noch zehn Jahre übrig bleiben.“ Kohler-Bitsch sah wichtig drein. „Wissen Sie, es ist halt ein schweres Umweltverbrechen, so drakonisch dem Waldsterben nachzuhelfen!“ Kohler-Bitsch blickte erfreut, seine Formulierung gefiel ihm. Schwester Magdalena bauschte kummervoll die Augenbrauen und sah mich traurig an. „Bübli, Bübli, es schaut schlecht aus für dich“, flüsterte sie selbstvergessen.

Am Abend.
„Maidelie, ich hau ab nach Italien!“ Maidelie, nannte ich Magdalena liebevoll. Sie pflegte mich mit Akuratesse, war zudem ein prächtiges Weibsbild, groß, schlank, flachsblond, mit einem „währschaften Busen“, wie die Schweizer sagen, das Traumbild einer Krankenschwester! „Bübli, wie willst du das bloß anstellen?“ Das Maidelie schmunzelte, sah mich fragend an. „Ganz einfach, ich klaue den Helikopter der Klinik und fliege nach Süden.“ „Oh, Bübli, Du bist mir ein Phantast!“ lachte Magdalena.

Der Gendarm vor dem Zimmer 17 war, wie immer nach dem Lunch, eingenickt, seine MP im Schoß. Vorsichtig griff ich danach. Als das metallische Klicken des Sicherungshebels an sein Ohr drang, war es bereits zu spät. Gelähmt sah er in die entschlossen und kalt blickende Mündung seiner Waffe. Während sein Blut aus den Adern kroch, wanderte ich mit dem matt schimmernden Lauf der MP genau zwischen seine Augen. „Lets go, Boy, zieh’ deine Uniform aus“, befahl ich barsch. Wir wechselten die Kleider. „Chaibi, leg’ dich in mein Bett, stell dich dumm oder schlafend, oder beides“, zischte ich und empfahl mich.

„Grüzie, Bernie!“ Uniformiert den Hubschrauber enternd, nützte ich die Sprachlosigkeit des Piloten und schnallte mich an. „Pass auf, Bernie, Du fliegst genau auf das Koordinatenkreuz 138/793, landest sanft und lässt mich mit meinen Ski aussteigen. O.K.?“ Die MP stak zwischen seinen Rippen, und untermalte meine Forderung aufs Nachdrücklichste!

„Aber, aber – das ist ja in Italien“, stotterte er. „Eben, genau auf dem ‚Passo di Sasso Rossa’,

unterhalb des Piz Palü.“ Bernie fluchte: „Sakra, Sakra Du kennst Dich aber aus bei uns.“ Startete seine Turbine durch und hob nicht fahrplanmäßig ab. Ein herrlicher Tag! Unter uns das tief verschneite Engadin, alle Konturen behäbig abgerundet. Über uns azurblauer Himmel mit bauschigem Wolkenweiß vermischt.

„Mein lieber Bernie, zieh’ bloß keinen Flop“, drohte ich. „Wir fliegen genau: 140°, Süd-Ost, via Piz Boval, hinauf auf die Bellavista und dann – hoppla - hinunter auf den Sasso Rosso. Verstanden?“ „Ja, schon recht, er tat devot, aber die Mordlust in seinen Augen war unübersehbar. Der Helikopter schnaufte durch die Fuorcla Bellavista und sank behutsam auf den Altipiano di Fellaria hinab. „Lass den Turbo weiterlaufen, trage die Ski dort hinunter zu dem roten Felsen. Von dort fährst Du ab ins Valle Poschiavina“, befahl ich. „Du kannst doch Skilaufen, oder?“ fragte ich lauernd.
„Besser als Du helikoptern, Phantömli“, spottete Bernie beim Davonstolpern.

Der Helikopter trudelte lässig mit seinen Libellenflügeln im Standgas. Platznehmend schob ich mir die Atemmaske über das Gesicht und zog simultan an Gasgriff und Steuerknüppel. Der Vogel stob auf, peitschte Schneegarben in wilden Wirbeln unter sich her, als er die Südwand zum Piz Palü hinaufraste. „Na bitte, wer sagt’s denn. Geht doch ganz einfach, leichter als ein Skibögli“, dachte ich. Aber: Um Himmelswillen, wie fliegt man ein Bögli mit dem Helikopter? Mir wurde heiß, die Eiswand des Piz Palü kam immer näher, immer näher! Tapfer drückte ich die Taste: Push – sudden death.“

Uuuuuiiiiiiiiaaaaaaaahhhh!“

Meinen Schrei noch in den Ohren, lag ich vor dem Bett des Zimmers 28 im so gemütlichen Hotel SERAINA in Sils-Maria. Zum Fenster schlurfend, schob ich meinen traumschweren Kopf hinaus in die kühle Luft eines sonnigen Engadiner Morgen. Atmete tief. Unten, lässig an die Hauswand gelehnt, stand Max, mein Skilehrer. Unter dem säuberlich gechnittenen Schnurrbart eine Muratti zwischen den Zähnen. Er winkte..................
winkte: „Ho Helmut, hast wohl einen dicken Schädel? Ja, ja, weißt Du, die dünne trockene Luft ist schuld. Da schläft man nicht so gut – aber nur in der ersten Nacht!“„Du, Helmut, heut’ üben wir ‚Parallelschwung-Bögli’!“ Er deutete meinen entsetzten Blick falsch, denn er rief lachend: „Aber vorher nehmen wir auf der Diavolezza noch einen Apero!“

 Helmut Büchler 2005.



Liebe Feierabendfreunde.

Beim Bummel über den Freiburger Weihnachtsmarkt, den ich eigentlich eher umschleiche und mich nicht ins Getümmel stürze, kommt es mir vor als feierten wir Weihnachten in einem Gemisch aus Krippenspiel, Fastnacht, Rhein in Flammen und Reeperbahnbummel.

Vergeblich suche ich den Zauber und das Geheimnis der vergangenen Zeiten, als ich noch ein Kind war, wieder heraufzube-
schwören. Die Erinnerungen sind mir geblieben. Der Zauber ist mir jedoch verlorengegangen. Vielleicht auch weil man die Träume und Hoffnungen nicht mehr so hoch schraubt, damit die Enttäuschungen hinterher besser auszuhalten sind.

Euch allen eine besinnliche und frohe Weihnacht. Ein paar Tage der Erholung und Besinnung. Auch ins neue Jahr 2012 begleiten Euch meine herzlichen und guten Wünsche für Euer Leben und Eure Pläne.

Euch allen Glückauf! Herzlichst Pitt.

Autor: Pitt70

Helmut Buechler

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