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Immer kurviger und enger wurde die Straße, die uns von Freiburg aus über Staufen zunächst zum Bergwerkstüble führte, wo ich einen Tisch zum Mittagessen reserviert hatte.

Genau 20 Freiburger Feierabendler hatten sich angemeldet und 20 waren auch gekommen! Alle fanden einen Platz in dem gemütlichen Stüble, obwohl es gar nicht danach aussah, als wir reinkamen. Das Essen sah nicht nur frisch und lecker aus, es schmeckte auch so – eine überaus freundliche Serviererin und Portionen, die kaum zu schaffen waren, erfreuten uns! Zeit war genügend, wir konnten in aller Ruhe unsere Mahlzeit genießen, die wie üblich bei uns von feierabend.de, begleitet war von lebhaften und fröhlichen Gesprächen.

Kaltwasserhof
... hängt an der Damentoilette!

Der kleine Anstieg zum Kaltwasserhof verdaute das Mittagessen ein wenig. Wir erreichten den an den Hang geschmiegten Schwarzwaldhof, in dem 2002 ein vierteiliger Film über die 5-köpfige Familie Boro aus Berlin gedreht worden war. Sie hatte sich für das Experiment gemeldet, in aller Konsequenz während 3 Monaten wie vor 100 Jahren hier oben zu wohnen und sich von ihrer Arbeit zu ernähren. Diese Filmserie erhielt 2003 den Adolf Grimme Preis.

Kaltwasserhof
- Herrliche Aussichten vom Kaltwasserhof ins Münstertal -

Peter Bert, Besitzer des Kaltwasserhofes, musste sich ordentlich Gehör verschaffen als wir ankamen; heute hätten die 3 K’s , die für die Frau galten, nämlich Küche, Kinder und Kirche, wohl keine Gültigkeit mehr. Er hatte aber sichtlich Gefallen an unserer Gruppe, deren Mitglieder zum Teil noch zeitnahe Fragen stellen oder mit Wissen und eigenen Erfahrungen zu seinen Erzählungen beitragen konnten.

Der Kaltwasserhof, ein sog. Schauinslandhof, wurde 1750 für den Bergbau gebaut. Typisch für ihn ist, dass er hangparallel gebaut wurde. Am Hang entlang befindet sich der Brunnengang, so fror das Wasser nicht ein.

So wie alle Höfe seinerzeit wurde auch dieser ohne Zeichnung gebaut. Die Zimmerleute hatten die Pläne im Kopf. Sie sandeten die Richtplätze ein und erstellten dann einen Aufriss. Der Hof aus Tannenholz hat ein Walmdach, das es vor Nässe und Unbill schützen soll. Es war früher mit Schindeln gedeckt. Diese waren am besten geeignet, wenn sie viele Jahresringe aufwiesen, die das Wasser ableiteten und wenig Aststellen.

Peter/ReRe schlug eine Schindel mit Spaltmesser und Holzhammer, und zog sie anschließend mit dem Schniedesel glatt. Später weigerten sich die Versicherungen für Brandfälle aufzukommen und forderten die Verwendung von Biberschwanzziegeln. Ein unglaubliches Gewicht für eine Dachfläche von 500 m²!

Kaltwasserhof
Peter/ReRe schlägt eine Schindel
Kaltwasserhof
... und zieht sie mit dem Schniedesel glatt.
Kaltwasserhof
- Eine Biberschwanzziegel -

Herr Bert erklärte uns einen Schleifstein und trug das Gedicht vor:

Haue, Schere, Messer bringets,
hau je meh, je besser
dass des G’schäft an ebbes dreit
het de Schereschliffer g’seit.
Het de Hut in’d Anke g’huckt
Und ind’ Händ e Blanke g’spuckt
Aus der Büs (Büchse) a Schmalze g’numme
Mit em Dume
Hut ab vorem sone Ma
Wo wie der sei Handwerk ka
Un es treibt mit sonem Eifer,
s’isch e Wunder wenn’s geit
dass e jede Schereschliffer
zume Schereschliffer „Schereschliffer seit.

Elektrizität gab es erst zur Zeit der „Göbbel-Schnauze“ (Volksempfänger), im Jahr 1933.

Seine Frau Marta huschte, während er erzählte, zwischen uns hin und her und richtete dieses und jenes; das rief wohl Peter Berts (gespielten) Unmut hervor: „Martali, gib jetzt a Ruh!“

Als am 27.11.1944 Freiburg angegriffen wurde, und sein Elternhaus in Trümmern lag, sagte seine Mutter: „… und jetzt eine Hundehütte aufm Land.“ Diesen Satz hatte Peter Bert nicht vergessen, er war der Grund, dass er den Hof 1955 mit 18 Jahren zu einem Preis von 9.600 DM kaufte (jetzt konnten wir sein Alter ausrechnen, aber er nahm uns die Aufgabe ab und verriet es uns!).

Seine Mutter hatte ihm das Geld dafür geliehen. Sie konnte das, weil zu dieser Zeit unter Adenauer alte Aktien aufgewertet wurden. Sein Gehalt betrug 280 DM (übrigens war seinerzeit der Preis für ein Ei oder ein Weckle 10 Pfennige). Er kaufte sich ein Moped und suchte die Gegend nach einem Haus, bis er den Kaltwasserhof fand. Der war auf der einen Seite 28 cm abgesackt und musste angehoben werden. Peter Bert vermietete das Haus für 15 DM und wurde des Wuchers bezichtigt, als er später 20 DM dafür wollte.

Im Mittelalter wurde hier Silber abgebaut, die Stollen sind so schmal, dass nur Kinder hinein konnten. Der „Vortrieb“ betrug 3 cm, das „pro-Mann-Jahr“ 10 m. Für die Beleuchtung wurde ein Kienspan „ins Mul g‘numme", so dass die Hände frei waren. Färbte sich das Licht rot, fehlte Sauerstoff – der Stollen musste verlassen werden. Mit diesem Silber wurde auch der Maria-Theresientaler geprägt (Kaiserin Maria Theresia von Habsburg 1717 - 1780).

Schwerspat wurde von Bayer Leverkusen bis 1958 aufgrund seiner hohen Dichte abgebaut und zur Herstellung von Farben verwendet. Die Firma Ciba verwendet ihn noch heute zur Herstellung von Zahnpasta. Er wurde im Rumpf von Schiffen als Ballast verwendet.

Herr Bert erklärte uns nun das einfache Leben vor 100 Jahren.

Es wurde mit Pottasche (aus Buche und Eiche) gewaschen, mit „Äsche wäsche“, Sauerstoff wurde mit der Wäscheglocke durch die Wäsche gedrückt.

Kaltwasserhof
Der Kienspan wurde als sehr spärliche Lichtquelle im Haus verwendet.

Zum einfacheren Sägen eines Baumes wurde eine 1,60 m tiefe Grube ausgehoben, über die der Baum geschoben wurde, der dann von 2 Männern gesägt wurde. Danach ertönte ein Lied auf der „singenden Säge“. Für den Bau eines Hauses oder der Möbel wurden Holznägel verwendet.

Wir kamen in die Küche – die Decke war recht hoch, voller Glanzruß, deshalb gibt es keine Holzwürmer! Die Vorratskammer war auffallend kühl.

Marta Bert sammelt Brombeer-, Himbeer- und Erdbeerblätter, Spitzwegerich, trocknet sie und kocht Tee daraus. Aus der Wurzel der Wegwarte wurde Zichorie gekocht. Sie erzählte wie der Film gedreht wurde, welche Geräte und welches Geschirr nur benutzt werden durften, was als zu modern galt und entfernt wurde. Die Boros backten Brot unter Verwendung eines alten Rezeptes ihrer Tante. Sie erzählte, dass die Rote Beete im Garten untergegraben werden mussten, weil es die vor 100 Jahren noch nicht gab und später als „Luxusgemüse“ galten, dass es zu einigen Unfällen während der Drehzeit kam, dass der Vater einen Leistenbruch bekam und der Sohn eine Blutvergiftung, weil er barfuß laufen musste. Es wurde sehr kalt, deshalb wurde ausnahmsweise Unterwäsche bewilligt. Stromkabel wurden entfernt, Licht kam mit der Abendsonne durch die offene Tür ins Haus. Die Stadtmenschen konnten anfangs nicht mit den Türfallen umgehen – eine stammt aus dem Jahr 1760.

Herr Bert führte uns weiter durch den Futtergang, zeigte uns die Hocheinfahrt – das "Ifahrhüsli" und den Ziegenstall, erklärte, dass sich die Stallungen Wand an Wand mit den Wohnräumen befanden, um die Tiere zu hören und auch von ihrer Wärme zu profitieren.

Hühner durften nicht mehr in die Ställe oder ins Haus, weil sie die TB übertrugen: vom Huhn über die Kuh in die Milch, die dann die Kleinkinder erreichte.

Er erklärte weiter, wie Nesselstoff aus den Brennnesseln hergestellt wird. Sie werden getrocknet, über eine Nagelbürste gezogen, um die Blätter zu entfernen. Die Strünke kommen 1 Jahr lang „ans Wetter“, es soll „drufsaiche“, damit sich die Außenschale ablöst. Dann wird die Nessel über die Bürste geschlagen (gestrählt) und gesponnen. Sie kommt auf eine Haspel, auf eine Spulenwickelmaschine und dann aufs Schiffle, mit dem auf dem Webstuhl mit Kett- und Schussfäden die Fasern zum Tuch gewebt werden. Nessel ist ein sehr weicher, angenehmer Stoff.

Kaltwasserhof
- Der "Donnerbalken" -

Ein Lebenserwerb waren auch Bürsten, sie wurden aus Rosshaar, "Sauborschte" und Kuhschweif hergestellt. Die Frauen stellten die typischen Schwarzwälder Strohschuhe, die „Straufinken“ her.

Die Familien hatten bis zu 15 Kinder, man behauptete, dass die Tiere besser behandelt wurden als die Kinder. Tiere wurden als Nahrung gehalten, dienten also zum Überleben. Der Jüngste erbte den Hof, meistens ekelte er die Geschwister vom Hof und musste ihnen den Pflichtteil von höchstens 10 % auszahlen. Die Schuhe wurden von Kind zu Kind weitergegeben und wehe, wenn ein Nagel verloren gegangen war - der musste gesucht werden! Die Buben trugen Strickstrümpfe mit Leibchen, daran konnten sich auch noch einige von uns erinnern und daran, wie sehr sie gekratzt hatten!

Wir wurden ins Schlafzimmer geführt – das Bett war sehr schmal. Über dem Elternschlafzimmer befand sich das Kinderzimmer. Dort mussten in einem Bett bis zu 5 Kinder schlafen, von oben kamen Schmutz und Staub durch die Decke, deshalb hatte das Elternbett einen „Himmel“, um den abzufangen! Hier war auch der Ort der „hohen Kante“, an dem Geld deponiert wurde!

In der Stube mit dem Herrgottswinkel erzählte Herr Bert uns noch, dass aus nur einer Schüssel auf dem Tisch geschöpft wurde und es nur 2 Teller gab. Der größte Löffel war dem Herrn des Hauses zugedacht.

Zum Dank für die Speisen musste der Herrgottswinkel immer frei bleiben.

Er erzählte zum Schluss von seinem vielseitigen Lebenslauf von der Ausbildung zum Technischen Zeichner über den Feinmechaniker zum Kaufmann und seiner Zeit beim Fraunhofer Institut. Er legte uns einen Besuch in der „Adlerstube“ im Untermünstertal ans Herz, die der Sohn gepachtet hat.

Draußen erwartete uns eine schöne und wohlschmeckende Überraschung: selbst gebackenes Brot, selbst hergestellte Butter und Wurst, dazu gab es gehackten Giersch und Kräuter und den zuvor beschriebenen Kräutertee. Wir saßen noch eine Weile, der Abschied fiel ein bisschen schwer, Herr Bert begleitete uns ein kleines Stück und erzählte, dass wir unter Youtube den Film „Wie vor 100 Jahren“ ansehen könnten.

Ein sehr schöner Nachmittag neigte sich zu Ende. Das war etwas ganz Besonderes heute, mir war, als wäre ich in eine frühere Zeit zurückversetzt worden und kam gedanklich nur langsam wieder in die Gegenwart zurück – ganz herzlichen Dank für die gute Idee, liebe Irene/Chipchip!

Mein Dank gilt auch den Fotografen
Erwin/Zahnrad
Peter/ReRe
Christel/Forestelchin
Helmut/Pitt70

Autor: Anmargi

Margit Anhut

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