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Fast wie Musik

Da war einmal ein kleiner Monsterdrache. Der sah völlig anders aus, als Monsterdrachen eigentlich auszusehen haben: Einfarbig grau, braun oder schwarz. Bunt war er, der Kleine. Seine Stummelflügel waren violett. Sein Bauch leuchtete rot, die Schuppen auf seinem blauen Schwanz und Rücken waren ebenfalls rot, die Beine blau. Rosa seine Krallenhände. Sein Gesicht war so vielfarbig wie sein Körper. Grün kam noch dazu. Das war sein Kragen und die Umrandung seiner viereckigen roten Augen. Wenn er sein blau umrandetes Maul aufriss, kam eine lange, giftiggrüne Zunge zum Vorschein.

Weil seine Eltern und die übrigen Verwandten groß und stark waren und über alle Maßen hässlich aussahen in ihrer Einfarbigkeit und sich dazu noch fürchterlich böse gebärdeten – wie man sich Monsterdrachen eben so vorstellt – dachte er, so müsste er auch sein. Aber seine Verwandtschaft lachte ihn aus, als er versuchte, Feuer zu spucken. Da kam nur ein warmer rötlicher Lufthauch aus seinem großen Rachen. Wenn es ihm nicht glückte über Berge zu fliegen, weil seine Flügel nur winzige violette Stummel waren, hielten sie sich die Bäuche vor Lachen. Auch, dass er so bunt war, passte ihnen nicht und sie zeigten mit ihren Krallenhänden auf ihn und lachten ihn aus, wo und wann immer sie ihn sahen. Nein, ein richtiges Drachenmonster war er nicht.

Vor lauter Kummer verkroch er sich in einer Tropfsteinhöhle und wollte sich dort so lange verstecken, bis er so ein Drache wäre, wie es sich gehörte. Er übte und übte. Aber es klappte nicht mit dem Fliegen. Es klappte auch nicht mit dem Feuerspeien. Es gelang nicht mit fürchterlich böse sein.

Auf das Lachen seiner Drachenfamilie konnte er gut verzichten. Von der ganzen Drachengesellschaft hatte er die Nase voll. So machte er sich auf den Weg und kam nach einer Zeit in einen kleinen Park, dicht am Kanal. Sehr dicke und alte Bäume standen hier. Die Äste hingen tief über dem Boden. Büsche standen dicht dabei. Hier könnte er sich wohl verkriechen, dachte er und niemand würde ihn finden. Als er gerade hinter einem Urweltmammutbaum verschwinden wollte, sah er auf einer Bank eine Frau sitzen. Die sah ihn aufmerksam an und wunderte sich, was denn ein kleiner Drache hier zu suchen hatte und dann noch so ein hübsch bunter.

Dieser hatte seinen grünen Kragen aufgestellt, plusterte sich dazu noch auf und versuchte ordentlich groß und böse auszusehen. Er wartete darauf, dass sich die Frau vor Angst ganz klein machen oder davonlaufen würde. Aber nichts dergleichen geschah und dem Drachen wurde fast schwarz vor seinen roten Augen, als er sah, dass die Frau ihn ganz unängstlich ansah. Er war wirklich ein unmögliches Drachenmonster, das es am besten gar nicht geben sollte! Nun würde er sicher gleich wieder zu hören kriegen, wie er lauthals ausgelacht wurde. Wie er das hasste! Aaaber – was hörte er stattdessen? Das war kein hässliches Lachen!

Die Frau kicherte leise vor sich hin und lockte das fremde Wesen zu sich. Der Kleine war so erstaunt und verstört, dass er sich an ihre Seite setzte und erwartungsvoll hochsah. Was würde nun wohl passieren? „Ich bin die Ellen“, sagte die Frau mit angenehmer, leiser Stimme. „Du bist ja ein richtiger Gutelaunemacher! So was suche ich schon lange. Willst Du bei mir bleiben? Ich hätte wohl noch ein Plätzchen hinter dem Sofa für Dich. Da sieht Dich nicht gleich jeder.“

Der kleine Drache überlegte nicht lange. Er beschloss, dass ihm nichts Besseres passieren könne als bei ihr zu bleiben, nickte und legte eine seiner rosa Krallenvorderfüße, die eigentlich seine Hände waren, auf ihren Arm. Außerdem gefiel ihm der Kicherton von Ellen so gut, dass er den immer wieder mal hören wollte. Denn das war viele Male besser als das Lachgegröle seiner Verwandtschaft.

Das klang fast wie Musik.

Autor: egalis

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