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Etti hat das Wort: Die Kraft des Alters

Immer das Gleiche beim Verlassen der Wohnung: Der Griff nach dem Schlüssel und nach der Tasche und im Vorbeigehen der kurze Blick in den Garderobenspiegel. Heute betrachte ich mich einmal etwas länger. Augen, Mund und Wangen, eingebettet in kleine Furchen und Schwellen - sie erinnern an eine verkehrsberuhigte Straße. Mit den Daumen versuche ich rechts und links der Wangen die Haut etwas zu den Ohren hin zu straffen - sozusagen, nach dem Jugendantlitz zu forschen. Ja, eine vage Erinnerung ist da schon noch, aber der Lack ist ab. Pöh, was soll’s? Schönheit und Weisheit gesellen sich eben nur selten. Ich werde mich jetzt mit der Weisheit begnügen müssen. Schließlich kann man nicht alles haben. Dafür aber schwimme ich jetzt auf der so genannten zweiten Leistungswelle. Sollen ja die schönsten Jahre des Lebens sein. Doch das wird sich erst noch herausstellen müssen.

Madame haben ja wieder zugelegt! Das ließe sich ja ertragen, wenn die Pfunde statt in die Breite in die Länge gingen, dann wäre ich größer und könnte endlich große Hüte tragen. Was mein weit geschnittenes Kleid nun wieder ausfüllt, beunruhigt mich. Und was unter dem Kleid mich so beunruhigt, erinnert mich an die vergangenen Akzente der Stadt, Thema: „Kraft des Alters“. Wochenlang hatte ich mir immer wieder neue Geschichten einfallen lassen. Und jetzt, wo ich in den Spiegel schaue fällt mir ein, was ich zu diesem Thema alles noch hätte schreiben können. Zum Beispiel, wieso im Alter die Körperkraft weniger wird, während die Pfunde mehr und die Last der Taschen größer werden. Denn mit den Jahren ist meine Tasche genauso gewachsen wie der Stoffverbrauch für meine Kleider. Was schleppe ich auch alles mit mir herum? Zellstoffartikel, Faltencreme, Puderdose, Pillchen für den Kreislauf, gegen Kopfschmerzen, Herztropfen, ich weiß nicht, was noch alles. Diese Tasche zeigt auch schon wieder Beulen, doch - fast hätte ich gesagt: „Besser die Tasche als ich“. Aber der Blick in den Spiegel gebietet mir zu schweigen.

Was ist denn geworden aus der weich fließenden Linie meines erst kürzlich neu erworbenen Kleides, unter dem sich alles so toll verbergen ließ? Nun muss ich schon wieder die Garderobe erneuern. Ja, ja, ich weiß es, es sind die Champagnertrüffel! Aber damit aufhören? Was bliebe mir denn noch? Paul hat mir doch neulich gesagt, rundliche Frauen seien gemütlich, gutmütig und warmherzig. Als ich ihn dann fragte, ob er das auch an mir spüre, hatte er ganz in seiner boshaften Manier geantwortet: „Ja, an der Kleidergröße und am Portemonnaie“, und dabei unverschämt gegrinst. Ich kann mich zwar pummelig nicht leiden, aber wenn Paul doch pummelige Frauen mag, warum sollte ich dann fasten? Das macht mich nur biestig, und das mag Paul wieder gar nicht. Außerdem macht Fasten das Leben schwer, strapaziert die Kraft, die ohnehin mehr und mehr nach lässt. Zum Glück gilt das nicht für die innere Kraft, der ich mir längst bewusst werden durfte, denn meine Energie hat nur wenig nachgelassen. Sie ist wirklich ein Gottesgeschenk, diese innere Kraft, nur sollte sie nicht unbedingt alles so stark nach außen drücken. Aber ich esse nun mal für mein Leben gerne Champagnertrüffel. Ich brauche sie, um zufrieden zu sein. Das ist doch wichtig, besonders im Alter...

Also, beschließe ich jetzt, Kraft meines Alters, die Beschränkung jeglicher genüsslicher Versuchungen aufzuheben, und dem Anblick im Spiegel mit Humor zu begegnen.

Autor: Rosewittchen

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