Die Mondfrau

Wir schwiegen uns, die Stille der Nacht in uns aufnehmend, eine ganze Zeit an. Bis mein Freund sein Glas hob und dem vollen Mond über uns zuprostete.
Leise um die Stille um uns herum nicht zu stören, erzählte er mir seine Geschichte, die ich ins Land von "Tausend und Eine Nacht" gestellt hätte, wenn sie nicht mein Freund, der mich noch nie belogen hat, sie so wie ich sie jetzt euch weiter erzähle, vortrug."

Stell dir vor, es war genauso eine mondbeschienene Sommernacht wie heute und ich lag bereits im Bett aber fand keinen Schlaf. Du weißt, man sagt der Vollmond sei ein Planet der mannigfaltige Auswirkung auf uns Menschen hat, aber eigentlich die gesamte Natur beeinflusst.
Und so stand ich auf zog mich an und verließ das Haus um einen Spaziergang im Mondschein zu machen. Ich erhoffte mir so, die verdiente Müdigkeit eines anstrengenden Tages zu erlangen.
Der Mond war freundlich hell und so fand ich meinen Spazierweg, als ob es am Tage wäre. Unter den Fruchtbäumen unter denen ich dahin wanderte war ein zarter Windhauch zu spüren welche die Blätter wie silbrige Papierschnipsel glitzern ließ.

Überall um mich herum trieben Glühwürmchen ihren lustigen Schabernack und ich musste lächeln über die kleinen Laternenträger, die diese Nacht mit mir zu teilen schienen und wohl auch keinen Schlaf fanden.
Wie ich an den kleinen Teich gelangte, den ich dir gestern gezeigt habe, lag über die Wiese davor ein leichter Bodenschleier gebreitet.
Plötzlich, ich stand noch nicht lange dort formte sich der Schleier vor meinen Augen zu einer Schar Mädchen die nur in diesen wallenden Schleier gehüllt leichtfüßig, wie man sich das bei Elfen vorstellt über der mondbeschienen Wiese tanzten. Ihre Füße betraten dabei nicht den Boden sondern sie schienen zu schweben.
Und wie ich so atemlos diesen lautlosen Reigen bestaunte, stand wie von Zauberhand gemacht eine wunderbare Frau in der Mitte der tanzenden Schar.

Ihr schlanker Körper war ganz in ein silbriges aus Mondfäden gewebtes Gewand gekleidet, welches mit kleinen goldenen Sternen bestückt, der Trägerin eine hohe Würde verlieh.
Sie trat aus dem Ring heraus und ging langsam auf mich zu. Ich wollte zurückweichen aber meine Füße versagten mir den Dienst, wie wenn sie festgenagelt wären.

Die Elfen waren verschwunden es gab nur noch uns zwei auf der großen Sternen umkränzten Welt. Das Bett was bereitet war bestand aus silbrig geflochtenen weichen Mondstrahlen und wir liebten uns so ungestüm, wie ich es noch nie erlebt habe. Unsere Körper verflochten sich zu einem Ganzen und zog mich in den Strudel eines ungeheuren Liebesrausches hinab.
In ihren Armen gewiegt und mein Kopf an ihre warmen Brüste gebettet, schlief ich ermatte vom Liebesspiel ein und versank in tiefe Träume verwoben dem neuen Tag entgegen.
Wie ich erwachte, lag ich alleine auf der Wiese und hörte die Nachtigall schlagen.
Es war anders wie bei Romeo und Julia.

Wie sie meine Hände in die ihren nahm, empfand ich eine angenehme Kühle mich durchdringen und sie führte mich, willenlos geworden in den Ring der Mädchen.
Ich weiß nicht wie es geschah, tanzte sie mit mir, von ihren Armen fest umschlungen und ich begann mit ihr zu schweben und alles um mich herum zu vergessen.
So verlor ich meine Sinne und fand sie erst wieder wie ich mit meiner geheimnisvollen schönen Tänzerin in der Mitte der Wiese lag.

Oft habe ich noch bei Vollmondschein diesen Ort besucht aber es war immer still um den Teich nur der leichte Schleier lag über der Wiese meines höchsten Liebesglückes, welches ich je erleben durfte.
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So, ich habe euch alles wortgetreu berichtet, was mir mein Freund bei einem Glas funkelndem Weines in einer hellen Mondnacht erzählt hat."
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Zu dieser Geschichte voller Liebe und Mondschein passt am besten die
Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen.
Schöne Nacht, du Liebesnacht,
o stille mein Verlangen.
Süsser als der Tag uns lacht
die schöne Liebesnacht.
Flüchtig eilt die Zeit
unwiederbringlich unsrer Liebe.
Fern von diesem lausch'gen Ort
weicht flücht'ge Zeit.
Zephyre lind und sacht die uns kosend umfangen,
Zephyre haben sacht sanfte Küsse gebracht.
Schöne Nacht, du Liebesnacht, o stille mein Verlangen.
Süsser als der Tag uns lacht die schöne Liebesnacht.
Stille das Verlangen, Liebesnacht.
Jaques Offenbach
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