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Das Massenjucken

Als ich noch ein kleiner Junge war und Straßenumzüge an den „Tollen Tagen“ noch sehr viel bescheidener daher kamen wie heute, aber dafür waren sie irgendwie ursprünglicher.

In meinem beschaulichen Heimatstädtchen am Fuße des Hotzenwaldes gelegen, gab es nur einen Fastnachtsverein, der aus alter Tradition einen so genannten Hanselemann darstellte. Diese Figur bestand aus einem Komplettanzug mit einer spitzen Mütze. Die Mütze wurde mit Papier so weit ausgestopft, dass diese wirklich spitz und aufrecht auf dem Kopf saß.
Der Anzug selbst war wie ein Schindeldach, über und über mit Stoffplätzchen versehen und ab und zu wurde ein Glöckchen angenäht, die scheppern mussten, wenn der Hanselemann sprang. Der Sprung und auch die Farbe der Plätzchen waren ortstypisch festgelegt, wie ein Markenzeichen. So unterschied man sich von den Hansele aus den Nachbardörfern und- Städtchen, die ja ebenfalls diese Figur des Hanselemanns hatten.

Der Name dieses Anzuges heißt auf Alemannisch „Plätzleshäs“. Plätzles für Plätzchen und das Häs ist ein Gewand. Der Sonntagsanzug heißt zum Beispiel „Sunndigshäs“.
Dieser Hanselemann war ausgestattet mit einer Schlagwaffe, die gegen die Zuschauer des Spektakels, dabei vor allem gegen die kreischenden Mädchen, eingesetzt wurde.
Jeder Plätzlesträger musste sich diese Bewaffnung selbst beschaffen. Dazu ging man in eine, der damals noch recht zahlreichen Metzgereien seines Vertrauens und bat um Schweinsblasen.
Schon frühzeitig stellten sich die wackeren Handwerksleute auf unser Begehren ein und sammelten die Blasen, die auf Alemannisch „Saublodere“ genannt werden. Nach kurzem Räuchern waren sie dann einsatzbereit, wurden aufgeblasen wie ein Ballon und mit Hilfe einer festen Schnur an einem kurzen Stöckchen befestigt. Damit war die Waffe der Hanselemänner zum Einsatz bereit. Zwei bis drei weitere Blodere wurden am Gürtel befestigt, denn es wurde nicht gerade zaghaft auf die Köpfe der Zuschauer eingedroschen.
Die Zuschauer riefen uns zu:
„Hanselema du Lumpehund häsch it gwüsst dass d Fasnet chunnt,
Hätsch die Muul mit Wasser griebe, wärdrs Geld im Beutel bliebe!“
Übersetzt auf Hochdeutsch in Kurzform:
„Hansemann, hättest du nicht dein Geld vertrunken, dann hättest du noch welches!“

Dazu spielte die Stadtkapelle, die als Hemdklunkerle (In Nachthemden mit Zipfelmützen) verkleidet waren, den örtlichen Narrenmarsch.
Die Guggemusik (Eine Gugge ist eine Tüte) schwabbte erst später aus der Schweiz kommend über den Rhein.
So weit, so gut! Was möchte ich dir lieber Leser nun eigentlich erzählen.
Wie immer an den tollen Tagen besuchen wir mindestens ein uriges und Alemannen typisches Fastnachtstreiben, aber dann auch einen der bandwurmartigen Sonntag, Rosenmontag oder Dienstag Umzüge, bei denen sich die Globalisierung dieses Brauchtums nicht mehr verleugnen lässt und man außer dem Narri Narro auch Alaaf und Helau zu hören bekommt. Nun das ist ja eigentlich nichts besonderes, aber bei dem letzten Narrentreffen, es sollen 95 Vereine gewesen sein, machte ich eine erstaunliche Feststellung.

Außer den Karamellen und Bonbons jeglicher Art wurden die ahnungslosen Zuschauer mit einem wahren Starkregen von Konfetti eingedeckt. Da kam von den Wagen herunter richtige Streubomben auf unsere Häupter herab. Die Hexen, Teufel und Geister zogen Bollerwagen hinter sich her, die mit Konfetti bis oben hin aufgefüllt waren und durch die Begleitmannschaften zusätzlich verteilt wurden. Mädchen wurden gleich in die Wagen verfrachtet und mit Konfetti eingerieben, uns wurde das Konfetti in die Krägen gestopft. Es war wie eine Schlacht der Papierindustrie.

Als das Ende des Zuges um die Ecke bog, begann ein „Massenjucken“, wie ichs noch nie zu Gesicht bekam. Hunderte von Frauen und Männer schüttelten sich unter unsäglichen Verrenkungen, die mich an wild gewordene Discotänzer erinnerte, um sich vom Konfetti zu befreien. Sie versuchten erst sich selber, dann gegenseitig das Zeugs aus den Haaren (bei mir nicht nötig), zu klopfen. Nun entledigte man sich der Jacken und Mäntel und dann....... man mag es mir glauben oder nicht, entledigten sich sogar welche ihrer Hemden und Blusen um auszuschütteln, was sich darin angesammelt hatte. Die Temperatur lag dabei nur knapp über Null.
Ein einmaliger „Massenstraßenstrip“ in Seitengassen, hinter geparkten Autos und Alleebäumen. Es war zumindest „teilweise“ ein wahrer kostenloser Augenschmaus.

Zuhause angekommen haben wir uns so weit als schicklich in der Garage den Konfettifluten entledigt, wobei ein ansehnlicher Teil auf den schwarzen Autopolstern klebend zurück blieb.
Es rieselte aus Feinrippunterhosen, Boxershorts, BHs, Panties, Retros, Tangas und den Socken; verteilten sich als weiße Spuren im Gang, Wohnzimmer, Toilette und Bett. Endlich in der Dusche angekommen, stobte es weiß und rund mit dem Seifenschaum in den Abfluss. Aber nein, man war die weißen Teufel noch nicht los - in den Ohren saßen immer noch welche.
Konfetti und nochmals Konfetti .

Als ich am Aschermittwoch das Fischessen bezahlen wollte, kam zum Erstaunen der Bedienung nicht nur Geld, sondern ein Regen von Konfetti aus der Brieftasche.
Der Staubsauger ist im Dauereinsatz und trotzdem, sie sind nicht zu besiegen. Irgendwo ganz unverhofft und plötzlich tauchen sie wieder auf, diese teuflischen weißen kleinen so unschuldig wirkenden Schnipsel.
Diese Konfettiorgie ohne Ende brachte mich auf die Idee und das dürfte auch ganz im Sinne aller Straßenreiniger sein:

„Bitte, bitte liebe Fastnachter verwendet wieder die Schweinsblasen, oder wie wir Alemannen zu sagen pflegen die Saublodere.“

Autor: Fiddigeigei

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