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Kolumne
Liebevoll und mit Sinn fürs Detail beobachtet Baer36 den Alltag. Verschmitzt und mit feinsinnigem Humor schreibt er seine Beobachtungen nieder. Lies hier seine Kolumnen.
Von Toll zu Geil.
Die kleine Anna, 3 Jahre jung, war im letzten November abends, mit ihrer Mutter beim Martinszug. Das hatte sie noch nie erlebt. Die vielen Kinder mit den schönen, bunten Fackeln und Lichtern, wie sie die alten Lieder sangen. Sie war begeistert. Und dann, kam endlich St. Martin. Hoch auf seinem großen Pferd, mit dem weiten Mantel und dem Schwert. Und da musste die Begeisterung einfach raus aus ihrem kleinen Bauch. Und sie rief laut: „Is ja geil“.Ihre Mutter reagierte ganz konsterniert. Hoffentlich hatte das keiner gehört. „So, kannst du das doch nicht sagen, Anna“. „Was soll ich denn sagen, Mama?“ „Sag doch: Das ist toll“. Die Kleine scherte sich nicht darum. Sie war ganz einfach in ihrer natürlichen Unbekümmertheit begeistert. Sie lächelte, sah zur Mutter, dann zum Martin und wieder zur Mutter. Und dann rief sie noch lauter, ganz glücklich: „Ist toll geil“.
Ich glaube, Kinder sind doch die besten Lehrmeister. Bis wir sie dann zu „anständigen“ Menschen“ erziehen. Und anständig heißt wohl, die überlieferten Normen unserer Gesellschaft einfach zu erfüllen. Ohne dabei zu fragen: Wieso? Warum? Und diejenigen, die nicht ‚wieso’ oder ‚warum’ fragen, die können auch nicht "geil" sagen.
Er - z i e h e n heißt wohl so viel, oder so wenig wie: Hinziehen, gegebenenfalls sogar mit Gewalt. Zu dem, was der wahren Natürlichkeit des Menschen oft gar nicht entspricht. Und die Ergebnisse dieses „Hinziehens“ müssen dann später zum Therapeuten. Damit das gewaltsame Wegziehen von natürlicher Unbekümmertheit wieder repariert wird. Weil die Menschen oft nur wenig natürlich sein können.
Vielleicht ist da die junge Generation von heute schon etwas weiter. Denn die können schon, ohne Beklemmung, einfach "geil" sagen.
Ein Mann aus der Generation der heute 60-Jährigen kann sich noch gut daran erinnern, dass in seiner Jugend die Vokabel "geil" allenfalls hinter der vorgehaltenen Hand, entweder schmutzig anregend oder enorm verabscheuungswürdig, geflüstert wurde. Damals hätte man auch gar nicht gewusst, schreibt man das nun mit e-i oder mit a-i. Danach hätte man niemanden fragen können, damals. Heute steht es im Duden. Und dahinter in Klammern: Jugendsprache, auch für: toll, großartig.
Die damaligen Teenager, zu ihrer Zeit noch Backfische genannt, wären nur beim Denken dieses unaussprechlichen Wortes ganz rot geworden. Ein so dunkles Rot gibt es heute nicht mehr.
Ich sprach darüber mit einer Dame aus der Generation der Großmütter von Annas Mutter. Und die meinte, dass in ihrer Jugend psychatrisch Erkrankte "toll" genannt wurden. Welch einem Wandel doch unsere Sprache unterliegt. Und unser Denken.
Und da muss erst die kleine Anna kommen, mit ihrem: Toll geil, bis ich das merke und mich darüber freue.
Ist das nicht geil?
Euer Baer36
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Hallo Baer, ich finde Deine Geschichte echt toll ...oder besser gesagt: Geil !!! LG Brigitte
Hallo Baer36, tolles Thema, tolle Geschichte. Glücklich der, der im Alter noch ein Stück Kindheit in sich trägt. Gruß Etti
In die Kolumnen habe ich heute zum ersten mal reingeschaut. Gut, daß es Baer36 gibt! Ich freu mich immer, wenn sich jemand unserer schönen deutschen Sprache annimmt. Ja die Teeni-sprache ist für uns ältere gewöhnungsbedürftig, wie Vieles heutzutage.
Prima Text, fand ich übrigens auch echt geil, auch wenn ich dieses Wort nicht unbedingt im alltäglichen Sprachgebrauch benutze. Aber manchmal muss man es doch anwenden, weil es eine bessere Beschreibung für bestimmte Dinge oder Situationen gar nicht geben kann. Deshalb kann ich die kleine Anna so gut verstehen. Gruss Eberhard
wunderbar!
Ja,echt geil! In Spanien sagt man: "puta madre" was genau übersetzt Hurenmutter heisst aber eben auch soviel wie echt geil bedeutet. Die Sprache wandelt sich, heute mehr denn je durch die globalen Einflüsse. Wie sprachen denn unsere Grosseltern? Mir ist der Wortlaut egal, hauptsache die jungen Menschen können sich noch an etwas erfreuen, Schönes wahrnehmen, Natur empfinden damit sie sie bewahren helfen. Grüsse von Myristica