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NEMESIS von Philipp Roth
eine Buchbesprechung von melletele :Philiip ROTH
NEMESIS – Roman
ISBN-978-3-446-23642-4
HANSER – Verlag € 18,90
Die Handlung spielt im Sommer 1944, im
jüdischen Viertel von Newark. Dort bricht die entsetzliche Polio aus. Noch kennt man den Übertragungsweg dieser Krankheit nicht.
Die Voraussetzung für dieses Buch.
Ist es der Müll auf der Straße, sind es die
Mücken im Park, die sengende Hitze!
Backy Cantor, der liebenswürdige gute Mensch, Sportlehrer, rechtschaffen, der das Böse meidet, gerade er wird mit diesem furchtbaren Unglück geschlagen und geprüft.
Wer st es, der das verhängt, die Frage nach Gott!
Backy Cantor wächst bei seinen jüdischen Großeltern auf, seine Mutter starb bei
seiner Geburt, der Vater ein Dieb, nur am Rande skizziert. Backy sieht seine Chance als Sportlehrer. Er ist bestens durchtrainiert, großartiger Speerwerfer, bester Turmspringer, nur das Militär will ihn nicht haben. Er wäre
gerne dabei, wie viele seiner Altersgenossen; seine starke Kurzsichtigkeit hindert ihn daran, zu seinem Leidwesen kann er sich selbst nicht in die Schlacht zwischen Gut und Böse werden. Er bleibt in Newark, tut in der Ferienzeit trotzdem Gutes, indem er die Jugendlichen, die in der Stadt geblieben sind betreut, ihr Freund und Beschützer ist, ihr Footballspiel
beaufsichtigt.
Die Polio-Epidemie grassiert sehr stark in seinem Viertel, die Hitze brütet über
der Stadt, die Verbreitungswege (meist im Sommer, befällt fast nur Jugendliche)
sind unklar, die im schlimmsten Fall zum Tod führt, im kaum weniger grausamen Normalverlauf zu dauerhaften Lähmungen und nur ganz selten ausgeheilt werden kann.
Bucky Cantor kann diese Epidemie auch nicht stoppen. In seiner Jugendgruppe erkranken die ersten Opfer. Zweifel, Fragen, warum diese Kinder? Was ist das für ein Gott?
Bucky verlässt die Jugendlichen, folgt einer Einladung aufs Land, dort trifft er seine Verlobte in einem Jugendcamp, kümmert sich um die Schwimmausbildung der Jungens, der Turmspringer. Hier in der frischen Bergluft an einem klaren See gibt es keine Gefahr der Epidemie. Es kommen Zweifel, sein schlechtes Gewissen plagt ihn. In Newark, seinem Viertel, grassiert die Polio, viele Kinder sterben.
Er scheint gerettet! Inselidylle mit seiner Verlobten, Bootsfahrten in Liebesnächte,
aber auch erste ernste Gespräche über Gott, ein Gott der Kinder Böses tut, statt sie
groß und stark werden zu lassen, wieso, warum - keine Antworten.
Er, der durchtrainierte Bucky Cantor erkrankt selbst an dieser schrecklichen Polio,
schleppte den Polioerreger in diese einsame Bergidylle ein, die ersten Fälle treten auf,
ein junger geübter Turmspringer erkrankt ebenfalls, stirbt.
Mit biblischer Wucht entfaltet Roth dieses tragische Geschehen, ohne es aufzulösen.
Das Buch, ein moderner Roman, zeigt auch das Nachleben des Protagonisten. Bucky
stirbt nicht, überlebt gezeichnet, behindert, ein seelisch verstörter Mensch,der aufgehört hat, lieben zu können.
Er wird mit diesem Unglück nicht fertig, er verleiht der Krankheit eine strafende
düstere Bedeutung, er erlebt es als ein böses, von ihm selbst verübtes Verbrechen.
Ihm fehlt es an Humor, an geistiger Statur.
Er wollte ein guter Mensch sein, deshalb leidet er an seinem Unglück doppelt, da er an Gerechtigkeit glaubte.
<Ein außergewöhnlicher, ein hochintelligenter Autor, der unbeirrt seinen
Weg geht und uns eine Überraschung nach der anderen bereitet,
ist Philip Rot mit Sicherheit>
„Marcel Reich-Ranicki, FAZ“

