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Themen > Reisen > Reiseziele > Asien > Mitglieder berichten > 9001 Kilometer mit der Transsibirischen Eisenbahn
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Auf diesen Seiten stellen wir dir Reiseziele auf der ganzen Welt vor und liefern dir wertvolle Hintergrundinformationen.
NIAGARA reist mit der Transsibirischen Eisenbahn
Als ich in der Schule zum ersten Mal von der Transsibirischen Eisenbahn hörte, beschloss ich: "Damit werde ich eines Tages fahren!"
Dann, im Jahr 1991, wurde mein Traum wahr. Anna und ich buchten eine Individualreise, wir wollten alles auf eigene Faust erkunden. Doch da hatten wir die Rechnung ohne Intourist, das staatliche sowjetische Reisebüro, gemacht. Bei der Ankunft in Moskau werden die Einzelreisenden zu einer Gruppe zusammengefasst und von einer Dolmetscherin betreut. Man darf sich zwar frei in der Stadt bewegen, doch Intourist versucht es zu verhindern, indem ein Programm rund um die Uhr zusammengestellt ist. Wir nehmen die Mahlzeiten gemeinsam ein. Ludmilla, unsere Dolmetscherin, begleitet uns bei den Stadtrundfahrten. Zwischen zwei Besichtigungstouren verkündet sie großzügig: „Jetzt können Sie einen Einkaufsbummel machen – in einer halben Stunde treffen wir uns zum Mittagessen.“
Für den Abend wird ein Besuch im russischen Staatszirkus vorgeschlagen. Außer uns gehen alle hin. Intourist hat sie fest im Griff. Wir wollen alleine durch Moskau bummeln. Niemand hindert uns daran. Doch bald merken wir, warum es nicht gerne gesehen wird. Man hat uns bisher nur die Schokoladenseite der Stadt gezeigt, den Kreml, den Roten Platz, das Neujungfrauenkloster, die Leninberge. Jetzt enthüllt sich uns ein graues, deprimierendes Moskau. Breite Alleen, die früher sicherlich einmal Prachtstraßen waren, bestehen nur aus Schlaglöchern. Sie werden von durchgerosteten Laternen gesäumt. Ungepflegte Häuser wirken, als hätten die Menschen, die darin wohnen, völlig resigniert. Hinter schmutzigen Schaufensterscheiben liegen Kohlköpfe; Kohl und Brot, das ist alles, was in den Geschäften angeboten wird. Welch ein Kontrast: Für uns Touristen ist im Hotel alles reichlich vorhanden. Den Kaviar beim Abendessen verzehren wir mit schlechtem Gewissen.
Unter Ludmillas Obhut werden wir in der Nacht mit dem Bus zum Bahnhof gebracht. Hier herrscht ein unglaubliches Durcheinander von Menschen und Gepäckstücken. Plötzlich erklärt unsere Dolmetscherin, die nur eine Handtasche und eine Plastiktüte dabei hat: „Ich begleite Sie bis Irkutsk.“ Intourist hält also weiterhin ein wachsames Auge auf uns.
Endlich sitzen wir im Zug. Die Fahrt geht los. Mein erster Gang ist die Suche nach der Dusche; angeblich sollen sich zwei in jedem Waggon befinden. Es ist keine vorhanden; nur je ein kleines Handwaschbecken in den beiden Toilettenräumen!
Unser Abteil ist sehr geräumig, der Waggon gut gefedert. Sanft geschaukelt fallen wir in den Schlaf.
Dann, im Jahr 1991, wurde mein Traum wahr. Anna und ich buchten eine Individualreise, wir wollten alles auf eigene Faust erkunden. Doch da hatten wir die Rechnung ohne Intourist, das staatliche sowjetische Reisebüro, gemacht. Bei der Ankunft in Moskau werden die Einzelreisenden zu einer Gruppe zusammengefasst und von einer Dolmetscherin betreut. Man darf sich zwar frei in der Stadt bewegen, doch Intourist versucht es zu verhindern, indem ein Programm rund um die Uhr zusammengestellt ist. Wir nehmen die Mahlzeiten gemeinsam ein. Ludmilla, unsere Dolmetscherin, begleitet uns bei den Stadtrundfahrten. Zwischen zwei Besichtigungstouren verkündet sie großzügig: „Jetzt können Sie einen Einkaufsbummel machen – in einer halben Stunde treffen wir uns zum Mittagessen.“
Für den Abend wird ein Besuch im russischen Staatszirkus vorgeschlagen. Außer uns gehen alle hin. Intourist hat sie fest im Griff. Wir wollen alleine durch Moskau bummeln. Niemand hindert uns daran. Doch bald merken wir, warum es nicht gerne gesehen wird. Man hat uns bisher nur die Schokoladenseite der Stadt gezeigt, den Kreml, den Roten Platz, das Neujungfrauenkloster, die Leninberge. Jetzt enthüllt sich uns ein graues, deprimierendes Moskau. Breite Alleen, die früher sicherlich einmal Prachtstraßen waren, bestehen nur aus Schlaglöchern. Sie werden von durchgerosteten Laternen gesäumt. Ungepflegte Häuser wirken, als hätten die Menschen, die darin wohnen, völlig resigniert. Hinter schmutzigen Schaufensterscheiben liegen Kohlköpfe; Kohl und Brot, das ist alles, was in den Geschäften angeboten wird. Welch ein Kontrast: Für uns Touristen ist im Hotel alles reichlich vorhanden. Den Kaviar beim Abendessen verzehren wir mit schlechtem Gewissen.
Unter Ludmillas Obhut werden wir in der Nacht mit dem Bus zum Bahnhof gebracht. Hier herrscht ein unglaubliches Durcheinander von Menschen und Gepäckstücken. Plötzlich erklärt unsere Dolmetscherin, die nur eine Handtasche und eine Plastiktüte dabei hat: „Ich begleite Sie bis Irkutsk.“ Intourist hält also weiterhin ein wachsames Auge auf uns.
Endlich sitzen wir im Zug. Die Fahrt geht los. Mein erster Gang ist die Suche nach der Dusche; angeblich sollen sich zwei in jedem Waggon befinden. Es ist keine vorhanden; nur je ein kleines Handwaschbecken in den beiden Toilettenräumen!
Unser Abteil ist sehr geräumig, der Waggon gut gefedert. Sanft geschaukelt fallen wir in den Schlaf.
Im „Pectopah“, dem Speisewagen, wird dreimal täglich eine warme Mahlzeit gereicht. Wir haben jede Menge Vorräte mitgenommen – Müsli-Riegel, Dauerwurst, Fertigsuppen – weil in Büchern schreckliches über die einseitige Verpflegung in der Transsib zu lesen ist. Das Essen schmeckt erstaunlich gut. Aber vielleicht wird das Angebot nach einigen Tagen knapper? Vorsichtshalber erweitern wir bei den Zwischenstopps unseren Proviant. Auf den Bahnsteigen stehen Frauen mit Kinderwagen oder in Wellblechbüdchen. Sie verkaufen Beerenobst, Möhren, Tomaten, Sonnenblumenkerne, schnittlauchbestreute Pellkartoffeln, Pfannkuchen. Gibt man ihnen ein paar Kopeken zusätzlich als Trinkgeld, packen sie eine weitere Tüte voll Früchte oder Gemüse, damit man den Gegenwert für das Geld in Ware erhält.
Während wir „shopping“ machen, wird die Lok gewechselt, Wasser in den Waggons nachgefüllt, Bremsen und Fahrgestelle werden abgeklopft und überprüft. Der Zug fährt ohne Signal zu geben weiter. Kalinka, unsere Schaffnerin, gibt acht, dass niemand im Bahnhof zurück bleibt. Sie scheucht uns rechtzeitig in die Abteile. Ihre Aufgabe ist es auch, den Waggon in Ordnung zu halten. Täglich wird gestaubsaugt, die Toiletten-Waschanlage sogar mehrmals täglich nass gesäubert. Kalinka sorgt für heißes Wasser im Samowar, serviert auf Wunsch Tee für ein paar Kopeken, schließt die Abteile ab, wenn Reisende den Speisewagen aufsuchen oder unterwegs aussteigen. Nachts hat Tatjana Dienst. Rund um die Uhr werden wir betreut.
Eines Morgens gibt Ludmilla einen Kurzkursus in Russisch. Einzig das Wort „spassiba“ (danke) kann ich mir merken. Ein Glück, denn schon beginnt die große sowjetisch-deutsche Verbrüderung. Wir werden ins Nebenabteil zu Olga und Igor eingeladen. Sie fordern uns auf, mit ihnen Hochprozentiges zu trinken und Rosinen aus ihrer Heimat Samarkand zu essen. Die Verständigung klappt mit Händen und Füßen und mit Hilfe eines Reisewörterbuchs. Igor ist Tierarzt. Olga arbeitet in der russischen Niederlassung einer deutschen Elektronikfirma. Jedes Mal, wenn wir sie verstanden haben, strahlt sie uns mit ihren Goldzähnen an. „Na sdrarowje!“ (Prost) steuert Igor zur Unterhaltung bei und kippt den Wodka wie Wasser runter.
Am Abend trinken wir mit schottischen Reisegefährten, Tom und Helen, Krimsekt. In der Transsib herrscht strengstes Alkoholverbot. Dennoch wird im Speisewagen Krimsekt und Wodka verkauft. Einmal heißt es sogar: „Beim Schaffner in Wagen zehn gibt es deutsches Bier.“ Im Nu sind die Vorräte an den Mann (und die Frau?) gebracht und gehamstert.
Das Zugpersonal treibt überhaupt lebhaften Handel. In jedem Bahnhof werden aus dem Speisewagen heraus Wurst, Käse, Butter, Plastiktüten voll Kaffeebohnen an die Landbevölkerung verkauft. Auch mit den Fahrgästen macht man Geschäfte. Einmal gibt es als Nachtisch für jeden zwei Pralinen. Wer mehr haben möchte, kann sie für Rubel erwerben. Ein andermal serviert man uns Käseschnittchen, mit Kaviar garniert. Das war nur, um uns auf den Geschmack zu bringen. Anschließend werden Dosen mit der Delikatesse – rot und schwarz – verkauft. Die Teegläser stehen in silbernen Haltern, die die Weltkugel, den Kreml und Sputniks zeigen. Mit Ludmillas Hilfe gelingt es uns, für zwei Dollar ein solches „Souvenir“ zu erstehen. „Was kostet der ganze Zug?“ fragt Tom lachend.
Draußen zieht eine ständig wechselnde Landschaft vorbei. Zuerst die herrliche Fahrt durch den Ural: sanfte, bewaldete Berghänge, Blumenwiesen, ein weißer Obelisk, der die Grenze zwischen Europa und Asien markiert. Dann Sibirien, das schlafende Land, so wird es von den Tartaren genannt. Man denkt an verschneite Landschaften, eisigen Wind, permanenten Frost, doch jetzt im Sommer liegen die Temperaturen tagsüber bei 30 Grad.
Stundenlange Fahrten durch Birkenwälder. Und immer wieder Wasser: Flüsse, auf denen Holzstämme treiben, Sümpfe, schlammig Pfützen in den ungeteerten Dorfstraßen. Holzhütten, die ich zunächst für Gartenlauben halte, da sie von Gemüsegärten umgeben sind. Mit der Zeit wird mir klar, dass es Wohnhäuser sind. Ihre Wände bestehen zwar aus massiven Stämmen, aber wie kann man darin den sibirischen Winter überstehen? Die Städte werden moderner, je weiter man nach Osten fährt. Hier verdienen die Leute gut, um einen Anreiz für die Besiedelung des Landes zu schaffen.
Während wir „shopping“ machen, wird die Lok gewechselt, Wasser in den Waggons nachgefüllt, Bremsen und Fahrgestelle werden abgeklopft und überprüft. Der Zug fährt ohne Signal zu geben weiter. Kalinka, unsere Schaffnerin, gibt acht, dass niemand im Bahnhof zurück bleibt. Sie scheucht uns rechtzeitig in die Abteile. Ihre Aufgabe ist es auch, den Waggon in Ordnung zu halten. Täglich wird gestaubsaugt, die Toiletten-Waschanlage sogar mehrmals täglich nass gesäubert. Kalinka sorgt für heißes Wasser im Samowar, serviert auf Wunsch Tee für ein paar Kopeken, schließt die Abteile ab, wenn Reisende den Speisewagen aufsuchen oder unterwegs aussteigen. Nachts hat Tatjana Dienst. Rund um die Uhr werden wir betreut.
Eines Morgens gibt Ludmilla einen Kurzkursus in Russisch. Einzig das Wort „spassiba“ (danke) kann ich mir merken. Ein Glück, denn schon beginnt die große sowjetisch-deutsche Verbrüderung. Wir werden ins Nebenabteil zu Olga und Igor eingeladen. Sie fordern uns auf, mit ihnen Hochprozentiges zu trinken und Rosinen aus ihrer Heimat Samarkand zu essen. Die Verständigung klappt mit Händen und Füßen und mit Hilfe eines Reisewörterbuchs. Igor ist Tierarzt. Olga arbeitet in der russischen Niederlassung einer deutschen Elektronikfirma. Jedes Mal, wenn wir sie verstanden haben, strahlt sie uns mit ihren Goldzähnen an. „Na sdrarowje!“ (Prost) steuert Igor zur Unterhaltung bei und kippt den Wodka wie Wasser runter.
Am Abend trinken wir mit schottischen Reisegefährten, Tom und Helen, Krimsekt. In der Transsib herrscht strengstes Alkoholverbot. Dennoch wird im Speisewagen Krimsekt und Wodka verkauft. Einmal heißt es sogar: „Beim Schaffner in Wagen zehn gibt es deutsches Bier.“ Im Nu sind die Vorräte an den Mann (und die Frau?) gebracht und gehamstert.
Das Zugpersonal treibt überhaupt lebhaften Handel. In jedem Bahnhof werden aus dem Speisewagen heraus Wurst, Käse, Butter, Plastiktüten voll Kaffeebohnen an die Landbevölkerung verkauft. Auch mit den Fahrgästen macht man Geschäfte. Einmal gibt es als Nachtisch für jeden zwei Pralinen. Wer mehr haben möchte, kann sie für Rubel erwerben. Ein andermal serviert man uns Käseschnittchen, mit Kaviar garniert. Das war nur, um uns auf den Geschmack zu bringen. Anschließend werden Dosen mit der Delikatesse – rot und schwarz – verkauft. Die Teegläser stehen in silbernen Haltern, die die Weltkugel, den Kreml und Sputniks zeigen. Mit Ludmillas Hilfe gelingt es uns, für zwei Dollar ein solches „Souvenir“ zu erstehen. „Was kostet der ganze Zug?“ fragt Tom lachend.
Draußen zieht eine ständig wechselnde Landschaft vorbei. Zuerst die herrliche Fahrt durch den Ural: sanfte, bewaldete Berghänge, Blumenwiesen, ein weißer Obelisk, der die Grenze zwischen Europa und Asien markiert. Dann Sibirien, das schlafende Land, so wird es von den Tartaren genannt. Man denkt an verschneite Landschaften, eisigen Wind, permanenten Frost, doch jetzt im Sommer liegen die Temperaturen tagsüber bei 30 Grad.
Stundenlange Fahrten durch Birkenwälder. Und immer wieder Wasser: Flüsse, auf denen Holzstämme treiben, Sümpfe, schlammig Pfützen in den ungeteerten Dorfstraßen. Holzhütten, die ich zunächst für Gartenlauben halte, da sie von Gemüsegärten umgeben sind. Mit der Zeit wird mir klar, dass es Wohnhäuser sind. Ihre Wände bestehen zwar aus massiven Stämmen, aber wie kann man darin den sibirischen Winter überstehen? Die Städte werden moderner, je weiter man nach Osten fährt. Hier verdienen die Leute gut, um einen Anreiz für die Besiedelung des Landes zu schaffen.
Die Taiga – ein Blumenmeer. Der herrliche Baikalsee – umgeben von einem unerwartet hohen Gebirge. Stabile Holzhäuser mit farbig angestrichenen Fensterläden: Das sind Datschas, also Ferienwohnungen. Es folgt eine Steppenlandschaft, in der man Autos kilometerweit an der Staubwolke erkennen kann, die sie aufwirbeln.
Täglich wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Aber nicht nur dadurch komme ich mit dem Schlaf zu kurz. Fasziniert von Sibirien sitze ich bereits nachts um halb drei, wenn es dämmert, am Fenster. Tagsüber mache ich schon mal ein Nickerchen, dann haben wir wieder „gesellschaftliche Verpflichtungen“. Schotten, Brasilianer, Russen, Schweizer, Österreicher, Chinesen, alle verkehren freundschaftlich miteinander. Nach Olga und Igor, Helen und Tom, lernen wir Frau Li und ihren Mann sowie Herrn Bai kennen. Ab und zu werden wir von Kalinka und Tatjana ins Personalabteil eingeladen. Dann gesellt sich Wladimir, der Schaffner aus Wagen zehn, hinzu. Er spielt Dolmetscher. Allein durch Gespräche mit den Fahrgästen hat er erstaunlich gute Deutschkenntnisse erworben.
An einem besonders heißen Tag winkt Wladimir uns in den Waschraum. Er schraubt den Wasserhahn ab. Kalinka bringt einen Schlauch, befestigt ihn an dem Leitungsrohr, hängt den Brausekopf am Ende des Schlauches in einen Haken an der Decke. Es gibt also doch Duschen in der Transsib! Die Schaffner, diese Schelme, haben nichts erwähnt, um sich Arbeit zu ersparen. Wie wir das Brausebad genießen nach den Katzenwäschen im Handwaschbecken!
Auch während der Bahnfahrt werden wir von Intourist gegängelt, aber Ludmilla macht es wirklich auf charmante Art. Sie verlässt uns in Irkutsk. Wir fühlen uns jetzt etwas hilflos, da Ludmilla bisher alles für uns geregelt hat.
An der Grenze, bevor der russische Speisewagen abgehängt und durch einen chinesischen ersetzt wird, verkündet die Bedienung beim letzten Mittagessen: „No tschái“ (Tee), „no kófjä“ (Kaffee). Großes Gelächter. Wir wissen, wo die Vorräte geblieben sind.
In Zabaikalsk werden die Fahrgestelle ausgewechselt, da die Spurbreite der Räder in China schmaler ist als in der UdSSR. Obwohl Fotografierverbot besteht, wird fleißig geknipst und gefilmt. Da wir Zigaretten verteilt haben, nimmt niemand Anstoß daran. Wir gehen mit Tom und Helen in die Bahnhofsgaststätte. Die Tische sind gedeckt. Auf den Tellern sitzen Fliegen. Wir sehen uns wortlos an und verlassen das Lokal. Nach einer Weile suche ich die Toilette auf. Es riecht stark nach Desinfektionsmittel – ein gutes Zeichen. Aber dann der Schock: Man darf kein Papier ins Klobecken werfen, weil die Rohre zu eng sind und verstopfen könnten. Das war schon in Moskau so. Aber während dort Tretkübel standen, liegt hier das benutzte Toilettenpapier in offenen Drahtkörben, umschwirrt von unzähligen dicken Brummern. Ein paar Meter weiter ist die Gaststätte. Die Fliegen brauchen nur zu einem Fenster hinaus und zum nächsten wieder hereinzufliegen. Draußen kommen mir Mitreisende entgegen. „Wir haben soeben für zwei Rubel ganz toll im Bahnhofsrestaurant gespeist.“ Guten Appetit.
Täglich wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Aber nicht nur dadurch komme ich mit dem Schlaf zu kurz. Fasziniert von Sibirien sitze ich bereits nachts um halb drei, wenn es dämmert, am Fenster. Tagsüber mache ich schon mal ein Nickerchen, dann haben wir wieder „gesellschaftliche Verpflichtungen“. Schotten, Brasilianer, Russen, Schweizer, Österreicher, Chinesen, alle verkehren freundschaftlich miteinander. Nach Olga und Igor, Helen und Tom, lernen wir Frau Li und ihren Mann sowie Herrn Bai kennen. Ab und zu werden wir von Kalinka und Tatjana ins Personalabteil eingeladen. Dann gesellt sich Wladimir, der Schaffner aus Wagen zehn, hinzu. Er spielt Dolmetscher. Allein durch Gespräche mit den Fahrgästen hat er erstaunlich gute Deutschkenntnisse erworben.
An einem besonders heißen Tag winkt Wladimir uns in den Waschraum. Er schraubt den Wasserhahn ab. Kalinka bringt einen Schlauch, befestigt ihn an dem Leitungsrohr, hängt den Brausekopf am Ende des Schlauches in einen Haken an der Decke. Es gibt also doch Duschen in der Transsib! Die Schaffner, diese Schelme, haben nichts erwähnt, um sich Arbeit zu ersparen. Wie wir das Brausebad genießen nach den Katzenwäschen im Handwaschbecken!
Auch während der Bahnfahrt werden wir von Intourist gegängelt, aber Ludmilla macht es wirklich auf charmante Art. Sie verlässt uns in Irkutsk. Wir fühlen uns jetzt etwas hilflos, da Ludmilla bisher alles für uns geregelt hat.
An der Grenze, bevor der russische Speisewagen abgehängt und durch einen chinesischen ersetzt wird, verkündet die Bedienung beim letzten Mittagessen: „No tschái“ (Tee), „no kófjä“ (Kaffee). Großes Gelächter. Wir wissen, wo die Vorräte geblieben sind.
In Zabaikalsk werden die Fahrgestelle ausgewechselt, da die Spurbreite der Räder in China schmaler ist als in der UdSSR. Obwohl Fotografierverbot besteht, wird fleißig geknipst und gefilmt. Da wir Zigaretten verteilt haben, nimmt niemand Anstoß daran. Wir gehen mit Tom und Helen in die Bahnhofsgaststätte. Die Tische sind gedeckt. Auf den Tellern sitzen Fliegen. Wir sehen uns wortlos an und verlassen das Lokal. Nach einer Weile suche ich die Toilette auf. Es riecht stark nach Desinfektionsmittel – ein gutes Zeichen. Aber dann der Schock: Man darf kein Papier ins Klobecken werfen, weil die Rohre zu eng sind und verstopfen könnten. Das war schon in Moskau so. Aber während dort Tretkübel standen, liegt hier das benutzte Toilettenpapier in offenen Drahtkörben, umschwirrt von unzähligen dicken Brummern. Ein paar Meter weiter ist die Gaststätte. Die Fliegen brauchen nur zu einem Fenster hinaus und zum nächsten wieder hereinzufliegen. Draußen kommen mir Mitreisende entgegen. „Wir haben soeben für zwei Rubel ganz toll im Bahnhofsrestaurant gespeist.“ Guten Appetit.
Vor der Zollkontrolle durchsuchen Anna und ich gründlich das Abteil. Wir fürchten keinen Diebstahl, im Gegenteil, zusätzliche Gepäckstücke könnten irgendwo versteckt sein. Russen und Chinesen baten nicht nur uns beide, sondern auch andere Reisende, Koffer oder Taschen bei sich unterzubringen. „Touristen – no problem“, erklärten sie. Weiß der Himmel, was sie da schmuggeln lassen wollten. Bei aller Freundschaft – das geht zu weit. Niemand ließ sich darauf ein. Zum Glück, denn die Zöllner nehmen ihre Amtspflichten sehr gewissenhaft wahr. „Konterbande“ hören wir sie schimpfen. Igor und zwei Chinesen müssen aussteigen. Olga läuft aufgeregt herum, hält ihren Kopf, presst die Hände dramatisch gegen das Herz. „Nervös, nervös“, jammert sie. Nach einer Weile kommen unsere Schmuggler wieder. Olga strahlt, Igor schmunzelt zufrieden, die Chinesen lächeln – aber das tun sie ja immer –, alles scheint in bester Ordnung zu sein. Wir erfahren nicht, wie sie einig geworden sind.
Es geht weiter. Sämtliche Reisenden sind still geworden. Die Fahrt durch das Niemandsland empfinden wir als beklemmend: Stacheldrahtverhaue, Kontrolltürme, entlang der Strecke alle paar Meter ein Soldat – und das zwischen zwei kommunistischen Bruderstaaten.
Der Zug läuft in Manzhouli, dem ersten Bahnhof auf chinesischer Seite ein. Aus den Lautsprechern erklingt zur Begrüßung bayerische Volksmusik. Zwei Frauen stehen am Zugfenster. „Jodelahiti“ singen sie begeistert. Jede hält eine Flasche in der Hand. Die chinesischen Zöllner gehen freundlich lächelnd durch die einzelnen Abteile. Und freundlich lächelnd holt einer eine Plastiktüte hervor, lässt unsere Tomaten, Radieschen und Möhren darin verschwinden. Erst dann überreicht er ein Faltblatt, aus dem geht hervor, die Einfuhr von Lebensmitteln ist verboten. Jetzt wissen wir auch, warum die Jodlerinnen so in Stimmung sind. Sie haben ihre Alkoholvorräte „vernichtet“. Bei Olga wird eine Wurst konfisziert, bei Herrn Bai ein Säckchen Reis. So kommen die Zollbeamten zu einem preiswerten Abendessen!
Wir dürfen aussteigen. Uns überfällt der Kulturschock. Bei den Geräuschen steigt mir der Magen hoch. Niemand benutzt ein Taschentuch! Alle scheinen erkältet zu sein. Sie husten und spucken auf die Erde. Wer nicht acht gibt, wohin er tritt, läuft Gefahr auszurutschen.
Endlich geht es weiter. Erwartungsvoll suchen wir den chinesischen Speisewagen auf. An der Tür bleiben wir entsetzt stehen. Gemüsereste und Reiskörner liegen auf dem Boden, die Tischdecken sind völlig bekleckert. Wir flüchten.
Dann kommen Tom und Helen und wollen mit uns zusammen essen gehen. Ich kämpfe noch immer gegen Brechreiz an. Zuerst die Spuckerei, dann der schmuddelige Speisewagen. Wir folgen den beiden mit gemischten Gefühlen. Jeder bekommt eine Schale Reis vorgesetzt, die Beilagen stehen in Schüsselchen mitten auf dem Tisch, alle essen gemeinsam davon. Wir amüsieren uns köstlich über unsere Ungeschicklichkeit im Umgang mit den Stäbchen und vergessen darüber völlig die unappetitlichen Zustände. Sämtlich Gerichte schmecken aber auch wirklich vorzüglich. Außerdem haben wir jetzt Verständnis für die unsauberen Tischdecken. Beim Essen mit Stäbchen aus den gemeinsamen Schüsseln lässt sich das Kleckern gar nicht vermeiden. Als wir fertig sind, räumt die Kellnerin das Geschirr weg, fegt Reiskörner und Gemüsereste auf den Boden, schüttet den Inhalt des Aschenbechers hinzu, wendet die Tischdecke – jetzt können die nächsten Hungrigen Platz nehmen.
Es geht weiter. Sämtliche Reisenden sind still geworden. Die Fahrt durch das Niemandsland empfinden wir als beklemmend: Stacheldrahtverhaue, Kontrolltürme, entlang der Strecke alle paar Meter ein Soldat – und das zwischen zwei kommunistischen Bruderstaaten.
Der Zug läuft in Manzhouli, dem ersten Bahnhof auf chinesischer Seite ein. Aus den Lautsprechern erklingt zur Begrüßung bayerische Volksmusik. Zwei Frauen stehen am Zugfenster. „Jodelahiti“ singen sie begeistert. Jede hält eine Flasche in der Hand. Die chinesischen Zöllner gehen freundlich lächelnd durch die einzelnen Abteile. Und freundlich lächelnd holt einer eine Plastiktüte hervor, lässt unsere Tomaten, Radieschen und Möhren darin verschwinden. Erst dann überreicht er ein Faltblatt, aus dem geht hervor, die Einfuhr von Lebensmitteln ist verboten. Jetzt wissen wir auch, warum die Jodlerinnen so in Stimmung sind. Sie haben ihre Alkoholvorräte „vernichtet“. Bei Olga wird eine Wurst konfisziert, bei Herrn Bai ein Säckchen Reis. So kommen die Zollbeamten zu einem preiswerten Abendessen!
Wir dürfen aussteigen. Uns überfällt der Kulturschock. Bei den Geräuschen steigt mir der Magen hoch. Niemand benutzt ein Taschentuch! Alle scheinen erkältet zu sein. Sie husten und spucken auf die Erde. Wer nicht acht gibt, wohin er tritt, läuft Gefahr auszurutschen.
Endlich geht es weiter. Erwartungsvoll suchen wir den chinesischen Speisewagen auf. An der Tür bleiben wir entsetzt stehen. Gemüsereste und Reiskörner liegen auf dem Boden, die Tischdecken sind völlig bekleckert. Wir flüchten.
Dann kommen Tom und Helen und wollen mit uns zusammen essen gehen. Ich kämpfe noch immer gegen Brechreiz an. Zuerst die Spuckerei, dann der schmuddelige Speisewagen. Wir folgen den beiden mit gemischten Gefühlen. Jeder bekommt eine Schale Reis vorgesetzt, die Beilagen stehen in Schüsselchen mitten auf dem Tisch, alle essen gemeinsam davon. Wir amüsieren uns köstlich über unsere Ungeschicklichkeit im Umgang mit den Stäbchen und vergessen darüber völlig die unappetitlichen Zustände. Sämtlich Gerichte schmecken aber auch wirklich vorzüglich. Außerdem haben wir jetzt Verständnis für die unsauberen Tischdecken. Beim Essen mit Stäbchen aus den gemeinsamen Schüsseln lässt sich das Kleckern gar nicht vermeiden. Als wir fertig sind, räumt die Kellnerin das Geschirr weg, fegt Reiskörner und Gemüsereste auf den Boden, schüttet den Inhalt des Aschenbechers hinzu, wendet die Tischdecke – jetzt können die nächsten Hungrigen Platz nehmen.
Der Zug rollt durch die Mandschurei. Weite, grüne Felder, Bauern, die so aussehen, wie man sich chinesische Landarbeiter vorstellt: in blauer Kleidung, mit flachen Strohhüten auf den Köpfen. Maulesel ziehen zweirädrige Karren. Manche Männer tragen ein Schulterjoch mit einem geflochtenen Korb an jedem Ende.
Dann wird die Landschaft trist: kleine Dörfer, armselige Lehmhütten, riesige Pfützen auf den ungepflasterten Straßen, in denen Gänse schwimmen, Schweine sich suhlen. Überschwemmte Reisfelder wechseln mit qualmenden, stinkenden Industriestädten und Ölfeldern.
Am nächsten Morgen durchqueren wir zunächst weite Flussebenen. Auf Landstraßen entlang von Feldern herrscht lebhafter Verkehr. Männer radeln zur Arbeit. Vor ihnen sitzt ein Kind, hinten auf dem Gepäckträger die Frau. Eselskarren und kleine Trecker mit Anhängern voller Melonen sind zur Stadt unterwegs, um die Ernte zu verkaufen.
Wir nähern uns Peking. In einem Bahnhof steht ein Vorortzug. Die Einheimischen liegen in den Fenstern und bestaunen die Transsib mit all den „Langnasen“ – und die Europäer filmen und fotografieren die freundlich lächelnden und winkenden Chinesen.
Wir verabschieden uns von unseren schottischen, russischen, chinesischen Freunden.
„Good-bye, Tom, good-bye, Helen.“
“Dasswidánja, Kalinka, Tatjana, dasswidánja, Wladimir.”
“Nǐ hǎo, Frau Li, nǐ hǎo, Herr Bai.”
Peking – nach neuntausend und einem Kilometer ist unser Ziel erreicht.
Dann wird die Landschaft trist: kleine Dörfer, armselige Lehmhütten, riesige Pfützen auf den ungepflasterten Straßen, in denen Gänse schwimmen, Schweine sich suhlen. Überschwemmte Reisfelder wechseln mit qualmenden, stinkenden Industriestädten und Ölfeldern.
Am nächsten Morgen durchqueren wir zunächst weite Flussebenen. Auf Landstraßen entlang von Feldern herrscht lebhafter Verkehr. Männer radeln zur Arbeit. Vor ihnen sitzt ein Kind, hinten auf dem Gepäckträger die Frau. Eselskarren und kleine Trecker mit Anhängern voller Melonen sind zur Stadt unterwegs, um die Ernte zu verkaufen.
Wir nähern uns Peking. In einem Bahnhof steht ein Vorortzug. Die Einheimischen liegen in den Fenstern und bestaunen die Transsib mit all den „Langnasen“ – und die Europäer filmen und fotografieren die freundlich lächelnden und winkenden Chinesen.
Wir verabschieden uns von unseren schottischen, russischen, chinesischen Freunden.
„Good-bye, Tom, good-bye, Helen.“
“Dasswidánja, Kalinka, Tatjana, dasswidánja, Wladimir.”
“Nǐ hǎo, Frau Li, nǐ hǎo, Herr Bai.”
Peking – nach neuntausend und einem Kilometer ist unser Ziel erreicht.
Deutschland

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