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Günter Grass: "Beim Häuten der Zwiebel"
Günter Grass: "Beim Häuten der Zwiebel"Steidl Verlag, August 2006
480 Seiten mit 11 Rötelvignetten
ISBN 3-86521-330-8
€ 24,00
Mancher mag sich abgeschreckt fühlen von der literarischen Bedeutung
des bisherigen Werkes des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass, von seiner nun eingestandenen Zugehörigkeit zur Waffen-SS oder gar vom Umfang seiner seitenstarken Bücher. Das ist schade, denn gerade dieses Buch, das er aus vielen nachvollziehbaren Gründen „Beim Häuten der Zwiebel“ nennt, sollte viele Leser finden, denn es ist meiner Meinung nach ein zeitgeschichtliches Werk, das Zeugnis gibt von den
Bedingungen, die ein junger Mensch vorfand in einer Zeit, in der sich
ein ganzes Volk blenden ließ von den Heilsversprechungen eines
Einzelnen.
Der nun fast achtzigjährige Grass stellt sich hier sehr gründlich und
sich nicht schonend seinem Werdegang, betrachtet wie beim Häuten einer Zwiebel Schicht um Schicht seines Lebensweges und seiner Entwicklung zum vielseitigen Künstler und vor allem als Mensch, so wie er nun vor uns, seinen Lesern und Bewunderern steht und vor sich und der Welt bestehen muss.
Er betrachtet den Jungen, den er in seinen früheren Büchern schon
häufig unter allerlei Vermummungen auftreten ließ nun nicht mehr
distanziert als „Er“, sondern schreibt diese Erkenntnisse und
Bekenntnisse von Anfang an in der Ichform. Das liest sich leichter,
wirkt ehrlicher, lässt hoffen, dass die Zwiebel nun wirklich gehäutet
wird.
Wie es so seine Art ist als Erzähler, pendelt er gemächlich und
genüsslich zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her.
Lässt sich noch einmal hineinziehen in die enge Zweizimmer-Mietwohnung in Danzig, in der er seit seiner Geburt 1927 zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwester kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als Zwölfjähriger lebt. Geschichten und Anekdoten fallen ihm ein über den Kolonialwarenladen der Eltern, den vor allem die Mutter kompetent und unermüdlich betreibt, während der Vater für die Beschaffung der Waren und das Bemalen der Schilder zuständig ist. Eine große Liebe zur Mutter, ein eher distanziertes Verhältnis zum Vater wird hier schon deutlich.
Wie sich der wissbegierige Junge immer wieder Nischen sucht, um sich
der räumlichen Enge, dem katholischen Milieu (der Mutter), der
finanziellen Not durch kleine Fluchten zu entziehen , das ist
ergreifend und nachvollziehbar geschildert. Das Sammeln von
Zigaretten-Bildern, durch die er Reproduktionen der großen Meister der Malerei kennenlernt, die Bücher, die der begeisterte Leser in Mutters eher bescheidenem Bücherschrank entdeckt und liest (keineswegs Kinder oder Jugendliteratur!), die Welt der Schönheit und des Geistes die sich ihm auf diese Weise auftut. Die heimliche Entdeckung der Koffer auf dem Dachboden, in denen er die Hinterlassenschaften der drei so vielseitig begabten verstorbenen Brüder der Mutter findet. Spätestens hier deutet sich an, welche Hoffnungen und Erwartungen schon früh auf dem Jungen lasten. Nicht zuletzt sind es Ziele, die er sich selbst schon sehr früh setzt. Er will Künstler werden, am liebsten Maler oder Bildhauer. Dann
das Ende der schwierigen, weil von Armut und engen Verhältnissen
gezeichneten Zeit durch den Beginn des Zweiten Weltkrieges.
Die tüchtige Mutter ist es, die ihm schon früh auf seinen Wunsch hin
erlaubt, ihr die Arbeit im Geschäft zu erleichtern, indem er das
Eintreiben der Schulden übernimmt. Den vernünftigen Umgang mit Geld
lernt er auf diese Weise, seine Menschenkenntnis wird früh geschult
durch den Einblick in die Not und das Elend der Arbeitslosigkeit aber
auch der Zügellosigkeit der verschiedenen Schuldner, in deren Wohnungen er kommt, und dort mit Hartnäckigkeit und Phantasie das Geld fordert. Von dem Betrag, den er der Mutter übergeben kann, erhält er fünf Prozent für seine Dienste. Und was tut er mit dem Verdienten? Nach langem Sparen kauft er der Mutter einen damals unglaublich luxuriösen Gegenstand: Ein elektrisches Bügeleisen. Dies ist dem alten Grass später ein kleiner Trost, als er nach dem Tode der Mutter (1954) darunter leidet, dass er nie die ihr versprochene Italienreise mit ihr unternommen hat. Wie ein roter Faden zieht sich diese "nachgetragene Liebe" durch das Buch. Es bleibt ein Bedauern, dass gerade sie, die ihn immer in seinen künstlerischen Ambitionen unterstützt hat, seinen Ruhm als Schriftsteller nicht mehr erleben durfte. Das ist sehr glaubwürdig dargestellt, das berührt den Leser wie auch den, der das Häuten der Zwiebel ohne Schonung vornimmt, wohl wissend, dass das Erinnern ein hartes, ein anstrengendes Geschäft ist.
In seiner manchmal weitschweifigen, von der Langsamkeit und melodischen Kraft der ostpreußischen Sprachfärbung geprägten Weise erzählt der Autor vom Ausbruch des Krieges, der zeitlich mit dem Beginn seiner Pubertät zusammenfällt. Staunend sieht er im Rückblick die Naivität des Knaben, der sich beim Spiel mit Schulkameraden am Hafen von Danzig von den Uniformen und Parolen blenden lässt, sich freiwlllig zunächst bei der Marine meldet und bei der Waffen-SS landet. Zum Teil ist es der romantische Wunsch, Heldentaten für das Vaterland zu vollbringen. Vordringlich aber auch die Suche nach einer Gelegenheit, der Enge des Elternhauses zu entfliehen.
Schlimme Zeiten stehen ihm und seinen Schulkameraden bevor. Er lernt
den Krieg und all seine scheußlichen Fratzen kennen, überlebt wie durch ein Wunder und findet sich nach Kriegsende als Gefangener in den Kriegsgefangenenlager der Engländer und der Amerikaner auf freiem
Felde in Oberfranken wieder, wo er nach seiner Erinnerung mit einem
gewissen Joseph unter einer Zeltplane Karten spielt. Dieser Joseph aus Bayern, der dann sehr viel später als Benedikt XVI Papst wird,
erscheint in den Erinnerungen von Günter Grass in fast peinlicher Weise so oft, als ob er ihn zum Zeugen aufrufen wollte. Oder zum Beweis dafür, dass auch andere den Waffenrock getragen haben? Das ist nur ein schwaches Argument zur Entlastung eines alt gewordenen Jungen aus Danzig, der schwer trägt an der Frage, warum er nie nachgeforscht hat, nie den Dingen versuchte auf den Grund zu gehen, damals, als
Schulkameraden verschwanden und ein Onkel erschossen wurde, der sich
weigerte, keine Geschäfte mehr mit Polen zu machen. Totgeschwiegen
wurde vieles und wurden viele - und er, der sonst so Wissbegierige hat nicht nachgefragt. Es wird ihn noch lange umtreiben - und nur er kann diese Frage beantworten, so scheint es mir.
Anschaulich, lebendig, in den Zeiten vor- und zurückgreifend,
beschreibt Grass die schwere Nachkriegszeit, das Wiedersehen mit den
Eltern, den Wunsch, Bildhauer zu werden. Keine Arbeit ist ihm zu
schwer, keine Anstrengung zuviel, um dieses Ziel zu erreichen. Einige
gute Ratschläge von Weggefährten geben ihm Richtung, helfen ihm, in der damaligen Situation das Richtige zu tun. Später erst, als er schon einige Erfolge als Zeichner und Bildhauer zu verzeichnen hat, bricht sich die schon immer auch vorhandene literarische Begabung ihre Bahn.
Seine Entwicklung als Jugendlicher mit den üblichen
Pubertätsschwierigkeiten, mit einem stark ausgebildeten Sexualtrieb,
unter dem er offensichtlich mehr leidet als unter dem Hunger nach
Nahrung und Kunst, all dies betrachtet der Autor ausführlich wie mit
der Lupe (und vergleicht sich mit der Fliege im Bernstein). Und sowohl gnadenlos als auch liebevoll geht er schreibend um mit seinen Fehlern und Schwächen. Seine Liebschaften, seine Ehen, sein späteres Glück als Vater von fünf Kindern und als Großvater einer Reihe von Enkeln, bilden einen versöhnlichen Abschluss der Erinnerungsarbeit von Günter Grass. Mit seinem ersten großen literarischen Erfolg, der „Blechtrommel“, die er 1954 in Paris geschrieben hat, endet das gründliche und tränentreibende Häuten der Zwiebel.
Detailgenaue, den jeweiligen Stand der Häutung darstellende
Rötelzeichnungen von Zwiebeln begleiten den Text und tragen zur
Abrundung eines Werkes bei, das ich mit Spannung gelesen habe und das
mir einige Fragen beantwortete, die sich im Laufe der Jahre im Hinblick auf den Menschen und Schriftsteller Grass angesammelt hatten. Viel Menschliches, allzu Menschliches kam zutage, viel Geschichtliches und Zeitgeschichtliches wurde beleuchtet, Dinge wurden endlich ausgesprochen und ans Licht gebracht, die vielleicht viel zu lange im Verborgenen gewirkt hatten. In dieser Verborgenheit haben sie aber sicher dazu beigetragen, die anderen Bücher zu befruchten in der einen oder anderen Form, sei es in der Gestalt der Protagonisten im „Unkenruf“ , im „Butt“ oder als Trommler Oskar Matzerath in der „Blechtrommel“. Treue Leser seiner Bücher haben schon früher die unter mancherlei "Vermummungen" auftretenden wichtigen Menschen und Ereignisse des privaten Umfeldes in den Büchern entdeckt. Dieses neue Buch bildet einen Abschluss, der als Abrundung seines lebenslangen schriftstellerischen Lebensberichtes verstanden werden darf. Wenn es schon keine Beichte ist, so ist es doch ein Bemühen um Klarheit und Wahrheit - und dafür ist es nie zu spät.
Ein aus vielerlei Gründen sehr lesenswertes Buch eines Schriftstellers, der viel erlebt, wenig ausgelassen und sehr viel zu erzählen hat - und dies kann wie kein anderer.
Gelesen und besprochen von Elira, 2006 ©

