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Herbst am Rhein

Golden schimmert das Weinlaub in den Weinbergen. Die Lese ist eingebracht. Es wird ein guter Jahrgang werden. Die Winzer sind glücklich. Nach ein paar mageren Jahren sind die Fässer gut gefüllt.

Letztes Wochenende war ich in der alten Heimat, in Kaub. Seit einigen Jahren gehört das kleine Städtchen am Mittelrhein zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Ein Segen für den Ort, der so langsam wieder aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Nur noch 800 Einwohner zählt er. Die Jungen sind weggezogen, die Alten sterben. Es gibt kaum Arbeit dort, neue Häuser können nicht gebaut werden, in die alten will kaum noch einer investieren. Zu meiner Kinder- und Jugendzeit zählte das Städtchen noch knapp unter 2000 Seelen.
Wohnen möchte ich hier nicht mehr, aber es zieht mich immer wieder für einen oder mehrere Tage dorthin zurück. Wenn ich aus dem Rheingau kommend, hinter Lorchhausen um die Kurve biege und Pfalzgrafenstein mitten im Rhein vor mir sehe, dann ist es ein Nachhausekommen.


So war es auch am Samstag, als ich mich mit einigen früheren Klassenkameraden in der alten Heimat traf. Eine Schulkameradin, die wir zuletzt 1961 gesehen hatten, war aus Bremerhaven für eine Woche an den Rhein gekommen und kurz entschlossen haben wir ein Klassentreffen organisiert, nach dem Motto: wer kommen will und kann, soll kommen. Neun ehemalige Mitschüler von unserer nicht sehr großen Klasse, folgten dem Ruf. Wir gaben Barbara das Gefühl, nie weg gewesen zu sein.

Der Besuch unserer alten Volksschule stand auf dem Programm. Heute wird das alte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert unterschiedlich genutzt: Kinderhort, Privatwohnungen, Rathaus. In unserer ehemaligen Abschlussklasse wird heute Ortspolitik gemacht. Trotz Renovierung sieht der große Raum aus wie früher und er riecht wie früher. Der Schülerschweiß hat sich in den alten Wänden festgesetzt, da hilft keine Farbe und keine neuen Tapeten. Die Dielen knarren immer noch und es ist mir, als müßte jeden Moment die Schulglocke vor dem Klassenzimmer zur großen Pause rufen.

Auch der Schulhof sieht noch aus wie früher. Erinnerungen werden wach – Völkerball, Jägerball und Schlagball haben wir hier gespielt, unsere Pausenbrote gegessen, geschwatzt und uns von den Buben ärgern und an den Zöpfen ziehen lassen.

Kaub_fidelis45

Metzgergasse_fidelis45
Ein kurzer Rundgang durch das Städtchen schließt sich an. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Früher war Leben in der schmalen Metzgergasse. Allein fünf Metzger und zwei Bäcker gab es, dazu ein Kolonialwarengeschäft, Radio- und Elektro, Drogerie, Schreibwaren, Modegeschäft und vier Kneipen. Im Fischgeschäft gab es frischen Fisch aus dem Rhein. In einem großen Wasserbottich im Schaufenster schwammen Fische und sogar Aale.

Und heute? Die Gasse wirkt wie ausgestorben. Geblieben ist lediglich ein Supermarkt, ein Waffengeschäft und eine Kneipe. Doch halt, ein Eiscafé hat neu eröffnet. Vielleicht ein erster Lichtblick? Wanderer bummeln durch die Gasse. In Kaub beginnt (oder endet) die Königsetappe des Rheinsteigs. Überhaupt ist dieser anspruchsvolle Wanderweg ein Segen für das Mittelrheintal, insbesondere für die kleinen verschlafenen Orte am Mittelrhein.

Vor drei Jahren öffnete die Rheinsteig-Jugendherberge ihre Pforten, untergebracht in einem alten Forsthaus, das viele schon dem Verfall preisgegeben hatten.


Unweit vom Jugendgästehaus steigen wir auf schmalen Schieferstufen nach oben. Es ist so steil, daß ich froh bin, nach oben und nicht nach unten steigen zu müssen. Schnell erklimmen wir die Höhe und können immer dann, wenn die Treppe in einen kurzen Pfad mündet, einen Blick nach unten auf die Dächer, in die Innenhöfe, auf den Rhein und die Weinberge werfen. Ja, es wachsen wieder Reben hier, die in diesem Jahr den ersten Ertrag brachten. Lange Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte war hier nur Brachland, überwuchert von Buschwerk. Als Kinder sind wir auf verwunschenen Pfaden nach oben zur Burg geklettert. Diese Pfade wurden erneuert und für Wanderer bequemer mit Treppen angelegt.

Unterhalb von Burg Gutenfels beginnt der neue Panoramaweg, den die Winzer für ihre Arbeit im Weinberg nutzen. Es ist, als sei dieser Weg schon jahrelang dort, als wäre er nie weg gewesen.


Von hier oben ist das alte Städtchen und das Rheintal am schönsten zu sehen. Der Blick reicht weit über die Dächer, die Weinberge mit dem goldenen Herbstlaub, die schroffen Felsen. In der Ferne grüßt Oberwesel mit der Schönburg und der imposanten Liebfrauenkirche.



Vor uns Pfalzgrafenstein im glitzernden Sonnenlicht, die trutzige Zollburg, die wie ein steinernes Schiff mitten im Strom liegt. Hier überquerte Feldmarschall Blücher in der Neujahrsnacht 1813/14 mit seinen Truppen den Rhein und jagte die Franzosen zurück nach Frankreich, ehe Napoleon sein „Waterloo“ erlebte. An den „Marschall Vorwärts“ erinnert nicht nur das Denkmal, auf dem er seit mehr als 100 Jahren in den Rheinanlagen steht, sondern auch das Blüchermuseum in der Metzgergasse und das alle zwei Jahre an Pfingsten stattfindende Blücherfest.


Haus Elsenburg ist an diesem Nachmittag unser Ziel. Das CVJM-Heim ist an exponierter Lage über dem Rheintal auf einem Felsen gebaut. Auch von hier haben wir traumhafte Ausblicke in das Rheintal. Bei Kaffee und Kuchen läßt es sich gut plaudern.

Am Abend treffen wir uns in einer der lebhaften Straußwirtschaften und schwelgen in Kindheits- und Schulerinnerungen. Spät in der Nacht betten wir unser müdes Haupt in der modernen Jugendherberge zur Ruhe. Nichts mehr erinnert an die Mehrbettzimmer und großen Schlafsäle früherer Zeiten. Ein schöner Tag in der alten Heimat ist zu Ende.


In meiner Visitenkarte habe ich eine Galerie mit einigen Bildern des Tages, die sämtlich von fidelis45 (Dieter) gemacht wurden, angelegt. Hier kommst Du hin.

(eingestellt am 25. Oktober 2011)

Autor

Rosemarie (Rose56)

Weinprobe und langer Nachhauseweg


Weinprobe
Wenn der Keller leer ist, muß wieder aufgefüllt werden. Was liegt näher, sich zum Winzer seines Vertrauens zu begeben, genüßlich eine Weinprobe zu erleben, den Göttertrank zu ordern und dann in heiterer Stimmung heimfahren zu wollen. Nein, nicht mit dem Automobil, sondern mit dem Bus. Ja, so sollte es sein.

In Ginsheim besteigen wir (Sigrid und ich) den Bus zum Mainzer Hauptbahnhof. Dort gesellten sich Kordula und Manfred hinzu, um dann gemeinsam zum Weinbau Schenk in Harxheim zu fahren. Den Hinweg bewältigten wir mit Zwischenstop von Haus zu Haus in 65 Minuten, so weit so gut. Wie immer, wurden wir von der ganzen Familie herzlich empfangen und in die Probierstube geleitet. Ein weiteres nettes Ehepaar gesellte sich zu uns. Nach 4 Stunden Verkostung eines Teils des Schenk’schen Weinangebotes und teilweisen Plünderung des Hausmacher Wurstvorrats wurde voll Vorfreude die Order für leichte Auffüllung des eigenen bescheidenen Weinbestands zu Hause getätigt.

Wir wurden in weinselig heiterer Stimmung von den jungen Schenks an die Haltestelle gebracht und bestiegen, ohne lange zu überlegen, den pünktlich um 21:16 Uhr abfahrenden Bus. Aber wo fuhr denn der hin? Nachdem Verlassen des Weinorts Harxheim mußten wir feststellen, daß er, oh Schreck, nicht nach Mainz, sondern in Richtung Alzey an fast jeder Straßenlaterne haltend, wie bei einem „Lumpensammler“ üblich, fuhr. Aussteigen war nach Ansicht des Fahrers nicht angeraten, wir saßen im letzten Bus über Land, nix mehr heimwärts, auch kein Bahnhof auf dem Weg; nur Transport mittels Taxi möglich, aber von solchen Vehikeln war nirgends was zu sehen. Also blieben wir sitzen im Vertrauen auf einen noch zeitmäßig günstigen Zuganschluß ab Alzey Hauptbahnhof nach Mainz. Die Fürsorge des Busfahrers war nicht mehr zu übertreffen, denn er hatte seinen Kundendienst soweit ausgedehnt, uns sogar noch heißen Kaffee anzubieten, was wir dankbar annahmen. In Alzey Hbf um 22:15 Uhr angekommen, stellten wir fest, daß der Zug gerade weggefahren war. Also, eine Stunde auf den letzten Zug nach Mainz warten. Was jetzt nur tun? In einem Restaurant am Bahnhof nahmen wir einen Absacker, betrieben noch ein Stündchen Smalltalk, um dann schon bereits recht müde geworden um 23:10 Uhr per Bahn in Richtung Heimat zu reisen. Im Zug entwickelte sich bei uns und um uns herum ein regelrechter Gähnwettbewerb der älteren Zugfahrer, die jungen gingen eh erst auf die Pirsch.

Kurz vor Mitternacht erreichten wir Mainz Hbf mit der Vorahnung, keinen normalen Linienbus nach Ginsheim zu bekommen. Aber nicht doch, die Linie 91 nach Mainz-Bischofsheim stand am Hauptbahnhof, flugs hinein. Wir richteten uns schon gedanklich auf einen späteren 30-minütigen Fußmarsch nach Hause ein. Oh Wunder, unser verschwommener Geierblick registrierte die Ankunft der Linie 92 an dem gegenüberliegenden Busbahnsteig Richtung Ginsheim. Also nix wie raus aus der 91, in die 92 und über längere verschlungene Wege durch Mainz nach Hause. Da war es dann 1:00 (in Worten ein) Uhr, als wir die Haustür aufschlossen. Etwas mehr als 4 Stunden Weinprobe und etwas weniger als 4 Stunden Heimreise quer durch Rheinhessen, das macht uns so schnell keiner nach, oder? Für den Wein am nächsten Tag mit dem PKW abzuholen, brauchte ich für 25 km nur 35 Minuten.

Autor

Hilmar (Hillibaby)

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