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Happy in Thailand?

Alt, schwach und allein? Essen auf Rädern? Ein Dienst, der Pflege im Minutentakt abrechnet? Eingepfercht in ein winziges Zimmer im Pflegeheim? Hilf- und machtlos einem System ausgeliefert, in dem das Geld mehr zählt als der Mensch? Will ich das? Sieht so meine Zukunft aus?

Markt in Thailand

Aufgeschreckt durch Wallraffs TV-Enthüllungsstory über deutsche Pflegeheime machte ich mir Gedanken um Alternativen, wie ich dem Albtraum Pflegeheim entkommen könnte. Ich googelte, las Berichte, lud Ratgeber auf mein iPad, schaute mir Filme im Internet an, drei Teile über „Oma in Thailand“. Noch einmal von vorn anfangen? Das Alter genießen im Arthrose-freundlichen Klima? Mich von freundlichen Thailänderinnen, denen man nachsagt, dass sie die Alten achten und ehren, umsorgen lassen? Und das alles für einen finanziellen Aufwand, den ich mir auch ohne Pflegeversicherung, die ich im Ausland nicht bekäme, leisten könnte.

Über Feierabend fand ich Eva, eine deutsche Rentnerin, die in ihrem Profil erzählt, dass sie nach Thailand ausgewandert und maßgeblich am Aufbau eines deutschsprachigen Seniorendorfes in Chiang Mai im Norden des Landes beteiligt sei. Das ist es, dachte ich, nahm sofort Kontakt mit Eva auf, tauschte etliche Mails aus, löcherte sie mit Fragen und entschloss mich, im Februar dieses Jahres zum Probewohnen nach Thailand zu fliegen.

Haus in Thailand

Was erwartet mich?

Ein Häuschen ganz für mich allein, 70 Quadratmeter barrierefreie Wohnfläche, riesige Terrasse, mildes Klima, ein blühender Garten, andere deutschsprachige „Dorfbewohner“ - und Eva, die über sich schreibt, sie wisse aus eigener Erfahrung, was ältere Menschen brauchen, wenn sie nach Thailand kommen. Ihr Motto: Ein Satz und ein Lied des brasilianischen Erzbischofs Helder Camara.

"Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit."

Genau das ist es, was ich suche. Dazu wird eine attraktive Infrastruktur angepriesen: Märkte, Einkaufszentren, Restaurants, Massagestudios, Konzerte, Apotheke, Ärzte, Kirchen, Tempel und bald ein Swimmingpool auf dem „Dorfgelände“.

Für drei Monate kostet das Probewohnen laut Website der Senioren-Anlage www.happyhome-chiangmai.com 45000 Baht. Das sind ungefähr 1200 Euro. Da ich nur zwei Monate bleiben kann und dies auch von Anfang an gesagt habe, rechne ich natürlich mit einer Miete von 30000 Baht, also 800 Euro. Doch weit gefehlt. Probewohnen wird nur für drei Monate angeboten, egal, wie lange man wohnt. Wer kürzer bleibt, hat Pech gehabt, muss in jedem Fall das Geld für drei Monate hinblättern. Nun ja – das ist kein guter Einstieg. Aber ich will nicht feilschen.

Terrasse

Würde ich auf Dauer hier einziehen, müsste ich für ein unmöbliertes Haus monatlich 17000 Baht (=450 Euro) bezahlen. Als Kaution wären 900 Euro fällig. Im Mietpreis enthalten sind Strom und Wasser bis zu einem Betrag von 26 Euro, was in der Regel völlig ausreichend ist, die Gartenpflege, Müllabfuhr, ein Kasten Trinkwasser pro Woche. Jede Wohnung ist die Hälfte eines Doppel-Bungalows, dazwischen – gut vorausgedacht – ein Schwesternzimmer mit Dusche und Toilette für eine eventuelle Pflegekraft. Eva hat Kontakt zu Fachschulen in Chiang Mai, die Pflegepersonal ausbilden. Wenn gewünscht, kann man englischsprachige Pflegekräfte einstellen. Über den Preis kann ich nichts sagen, es soll bezahlbar sein, auf jeden Fall wesentlich billiger als in Deutschland.

Für mich ist ein wichtiger, wenn nicht gar der wichtigste Punkt, dass ich im Pflegefall bis zum Tod in Thailand bleiben könnte. Das sichert Eva vertraglich zu – im Namen der jungen thailändischen Besitzerin, die ich nur ganz kurz zum Händeschütteln begrüßen darf. Private Krankenkasse und Pensionszahlungen würden für mich einfach weiterlaufen. Das hatte ich im Vorfeld ermittelt. Ich habe ein deutsches Internet-Konto.

Nicht ganz so einfach ist es mit dem Visum. Dazu sollte man sich aktuell beim thailändischen Konsulat oder bei der Botschaft erkundigen. Es gibt zwei verschiedene Jahresvisa mit unterschiedlichen Bedingungen finanzieller Art. Was ich lästig finde, ist, dass man alle 90 Tage entweder aus- und wieder einreisen oder aber sein Visum im Immigration Office bestätigen lassen und jedes volle Jahr total erneuern muss. Ich frage mich natürlich, wie das gehen soll, wenn ich ans Bett gefesselt wäre.

Garten-Restaurant

Nun zu meinen praktischen Erfahrungen: Die Senioren-Anlage, sie heißt „Happy Home“ ist wirklich ein Paradies, das Haus großzügig, die Terrasse ein Traum. Gleich gegenüber ist ein kleines, einfaches Garten-Restaurant, in dem man schon für 40 Baht, das ist ein einziger Euro, ein leckeres Essen bekommt. Andere Restaurants und Cafés, etwas teurer und nobler, aber immer noch sehr, sehr preiswert, sind nicht allzu weit entfernt. Nach circa 20 Minuten Fußweg erreicht man einen typisch thailändischen Markt, auf dem man Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch, fertige Gerichte, Haushaltswaren, Textilien kaufen kann.

Tempel in Chiang Mai

Will man in die 7 Kilometer entfernte Stadt Chiang Mai hineinfahren, was ich ziemlich oft gemacht habe, braucht man allerdings ein Taxi, das hin und zurück inklusive Trinkgeld zehn Euro kostet. Im Supermarkt was einkaufen, eine Apotheke, einen Arzt, andere Restaurants aufsuchen muss gut geplant sein. Spontan geht nichts, man muss wissen, wann man in die Stadt aufbrechen und vor allem, wann man wieder zurück will. Einmal musste ich in Chiang Mai übernachten, weil kein Taxifahrer mehr aufzutreiben war. Einige Bewohner trauen sich mit dem Fahrrad oder dem Motorroller auf Thailands Straßen. Wie lange noch? Auch noch mit achtzig? Ich gehöre nicht zu den Mutigen, bin dadurch natürlich mehr ans Haus gebunden, auf Spaziergänge reduziert oder eben aufs Taxifahren. Ab und zu kommt Eva vorbei, um zu fragen, ob sie mir was mitbringen kann.

Ansonsten ist die Kommunikation sehr spärlich. Es gibt keine gemeinsamen Veranstaltungen, kein gemeinsames Essen, keine gemeinsamen Ausflüge. Von Camaras neuer Wirklichkeit, wenn viele gemeinsam träumen, keine Spur. Irgendwann nenne ich das „Happy Home“ nur noch „Lonely Home“, träume allein, nutze es wie ein Mönch seine Klause, nicht zum Bibellesen, aber zum Schreiben meines neuen Kriminalromans.

Mein Fazit:

Für Paare kann die Senioren-Anlage eine gute Alternative sein. Vielleicht auch für Einzelgänger, Individualisten, Eigenbrötler. Für Singles, die nicht um Gesellschaft betteln, aber auch nicht versauern wollen, wäre eine Anlage, die mehr auf Gemeinsamkeit basiert und zentraler liegt, empfehlenswerter.

Ich habe mich entschieden, in Frankfurt zu bleiben, habe mich einer altersgemischten Gruppe, die das gemeinschaftliche Wohnen in naher Zukunft plant, angeschlossen und bin glücklich damit. Und im Winter fliege ich wieder nach Thailand – vielleicht ans Meer, einfach so.


Autorin: Juliane Schwachhöfer

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