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Autor

Lothar (Bost)

Betrachtung zu Grimms Märchen "Tischlein deck' dich, Esel streck' dich, Knüppel aus dem Sack"

Vorab: Dieser Link führt auf eine Internetseite außerhalb der Feierabend-Seiten mit dem Wortlaut des Grimmschen Märchens "Tischlein deck' dich, Esel streck' dich, Knüppel aus dem Sack".

Ach, wie gut tat es doch vor mehr als sechzig Jahren immer meiner Kinderseele, dass die böse Lügenziege am Ende der Geschichte durch die heimgekehrten drei Brüder angemessen bestraft wurde. Denn sie war es, die die drei Söhne aus der Geborgenheit des heimatlichen Nestes vertrieben hatte! - Dieses Grimmsche Märchen war in meiner Kinderzeit zu einem meiner Lieblingsmärchen aufgestiegen! - Nun, wir werden sehen, was wirklich hinter dem Geschehen dieser Erzählung steckt.

Bei der Betrachtung des Märchens vom tapferen Schneiderlein habe ich davon gesprochen, wie der Schneider Symbolfigur für den analysierend folgernden Verstand sein kann. Während dort aber der Schneider mit Überblick und rascher Situationserfassung das Leben meistert, ist der Vater in Tischlein deck' dich ein armer Schneider, der von der Milch einer dürren Ziege leben muss und der kaum über seinen Tellerrand hinausschaut. Seine intellektuellen Gaben sind so bescheiden, dass er einer Lügenziege mehr glaubt als seinen drei Söhnen. Die Kinder haben keine beschützende Heimat und werden in die Fremde gejagt. - Die Ziege ist keine vorsätzliche Lügnerin. Sie ist eher die Symbolfigur eines Oportunisten, der ausspricht, wovon er glaubt, dass man es hören möchte: Fragen die Söhne voll Hoffnung, ob sie ihr Tagewerk gut gemacht zu haben "Ziege, bist du auch satt", so ist die Antwort "Ich bin so satt, ich mag kein Blatt"; fragt der Vater sorgenvoll: "Ziege, bist du auch satt", so sagt sie "Wovon sollt ich denn satt sein..." Das Tier ist in seinen Eigenschaften gefangen. Der Vater, als Mensch lernfähig, erscheint in der geschilderten Sichtweise als der eigentliche Verursacher des Unglücks zu Beginn der Geschichte.

Nun wenden wir uns den drei Söhnen zu. Viele Eltern, die mehrere Kinder in nicht zu großen zeitlichen Abstand haben, können folgende Entdeckung machen: Das erste Kind hat in frühester Kindheit nur die oder ein) Eltern um sich gehabt. Viele elterliche Gewohnheiten, Meinungen, Denkweisen sind auf das Kind übergegangen.Oftmals wird dieses Kind in seinen Verhaltensweisen in der weiteren Kindheit ruhiger, konservativer, vielleicht etwas langsamer, vielleicht etwas nachdenklicher wirken als die nachfolgenden. Man sagt dann, das Kind hat sich den Freiraum den Eltern gegenüber erst erobern müssen. Das zweite Kind gibt sich oftmals viel freier, ist wendiger, riskiert mehr, ist unbekümmerter, spontaner, nimmt sich, was es mag. Das erste Kind kann gelegentlich darunter leiden. Das dritte Kind dagegen bringt oftmals das Zusammenleben in eine besondere Art der Bewegung, wenn es unter den Geschwistern bei Auseinandersetzungen Mehrheiten, Parteilichkeiten schafft. So lernen viele dritte Kinder leichter, sich Situationen anzupassen und sie für eigene Zwecke auszunutzen. Aber auch Entscheidungshemmnisse kann es geben, wenn das dritte Kind nicht klar genug weiß, was es möchte.- An solche Möglichkeiten wollen wir im weiteren Betrachten auch denken.

Der älteste Sohn ging bei einem Schreinermeister in die Lehre - nicht bei einem Schmied, einem Weber oder einem Schuhmacher. Holz wurde sein Arbeitsmaterial. Holz, verhärtetes Pflanzenmaterial, nicht abgestorbene Substanz, tauglich für so vieles Gerät, von Möbeln angefangen bis zu Trägerbalken und Zäunen. Während jedoch der Zimmermann vor allem Großholzarbeiten ausführt, ist der Schreiner der Feinwerker unter den Holzbearbeitern.Der Junge arbeitet fleißig und unverdrossen, und als seine Lehre zu Ende geht, schenkt ihm der Meister ein feines Tischlein, das sich mit den köstlichsten Speisen deckt, wenn man ihm das Zauberwort sagt "Tischlein deck' dich". Der Meister war also nicht nur ein guter Handwerker, sondern auch ein weisheitsvoller, der die Pflanzenwelt (Holz) so nutzbringend ergreifen konnte, dass noch die Gesundheit spendenden Wachstumskräfte dienstbar bleiben konnten. Aber dem Tischchen sah man seine Fähigkeit nicht an.Fröhlich ging der älteste Sohn mit diesem kostbaren Geschenk des Meisters in die Welt, war freigiebig und fröhlich. Aber er wusste die Gabe des Meisters nicht genügend zu schätzen. Denn als er zu seinem Vaterhaus zurückkehren wollte, ging er mit diesem Tischchen so leichtfertig um, dass ein Wirt, bei dem er übernachtete, es ihm entwenden konnte. Der Wirt selbst konnte dieses Tischchen nicht nutzen, der älteste Sohn kehrte jedoch zu seinem Vater zurück, ohne diesem zeigen zu können, welchen Reichtum ihm seine Lehre eingebracht hatte.

Der zweite Sohn machte seine Lehre bei einem Müllermeister. Er lebt in dieser Zeit in einer Umgebung, die psychisch feiner ist als die des ersten Sohnes. Mehl für das tägliche Brot, das lebenserhaltende Elixier für jeden Menschen. Der Meister hat - mehr noch als der Schreinermeister - für diesen Sohn ein überirdisches Geschenk bereit: einen Esel, der nicht Lasten trägt, aber ein Seelenleben besitzt, das nach einem Zauberwort ("Bricklebritt") wertvolles Gold verschenken kann. Es scheint, dieser Goldesel ist wie eine permanente Sonne, die dem Menschen bei Bedarf Licht und Wärme schenken kann. Doch auch dieser Sohn kann das Meistergeschenk noch nicht würdigen: Als auch er zu seinem Vater heimkehren will, wird auch er kurz vorher auf die Probe gestellt, ob er für sein Geschenk würdig ist. Auch hier überlistet ihn der Wirt, und der zweite Sohn kann, wie schon sein Bruder, dem Vater nicht zeigen, dass er - wie er dem Vater Glauben machen will - meisterhafte, nicht alltägliche Fähigkeiten erworben habe.

Der dritte und jüngste Sohn absolvierte die längste Lehrzeit unter den drei Brüdern. Ein Drechsler war sein Meister, früher ebenfalls ein Bearbeiter des Holzes. Sein Werkzeug ist aber außer Schneidewerkzeugen die Drehbank, d.h. eine moderne Maschine. Seine Meisterfähigkeiten sind also nicht so sehr manuell - künstlerische, als vielmehr schon modern - lebenspraktische. Dementsprechend ist auch sein Geschenk an den jüngsten Sohn: Ein Säckchen mit einem Knüppel, der auf ein Zauberwort hin einen Übeltäter verbleut. Der dritte Sohn hatte vom Missgeschick seiner Brüder erfahren, lernte auch aus deren Fehlern und zeigte sich seines Lehrmeisters als würdig: Wachsam, geistesgegenwärtig und seiner Fähigkeiten eingedenk bestrafte er nicht nur den habgierigen Wirt, sondern gab seinen Brüdern ihre Wunderkräfte wieder,rehabilierte sie alle vor dem Vater.

Zwei Gesichtspunkte möchte ich am Ende dieser Kurzbetrachtung des Märchens hervorheben. Zum einen wurde die Ziege nicht von den Menschen bestraft. Sie ging vielmehr beschähmt von dannen. Als ob das Tier ein Gewissen hätte, wird hier eine übernatürliche Kraft wirksam: "Tier, Erde, Mensch: Werdet aufrichtig, seelisch stark" könnte die Aufforderung des Märchenendes sein. Zum anderen könnte man aus den Schicksalen der drei Söhne ablesen:" Übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten vermögen die Erde in ein Paradies zu verwandeln. Dazu bedarf es aber einer dauerhaften Selbstschulung der Menschen und energischer lebenspraktischer Fertigkeiten, damit diese höheren Fähigkeiten nicht in unbefugte Hände fallen."

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