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Autor
Lothar Klütz (Bost)
Dieses Märchen der Gebrüder Grimm gehört zu den besonders langen. Vieles, sehr vieles ereignet sich darin. Hier ist zunächst ein Link auf eine Internetseite außerhalb Feierabend.de, auf der Du den Wortlaut des Märchens nachlesen kannst:
Originaltext des Märchens "Die zwei Brüder"
Im Märchentitel "Die zwei Brüder" kommt die Zahl zwei vor. Zahlen haben sehr oft symbolische Bedeutung. Die Zahl zwei drückt im Gegensatz zur Zahl eins nicht die Einheit, eine Ganzheit aus, sondern etwas Geteiltes, Zerrissenes, Analysiertes. Insbesondere spiegelt sich darin Gegensätzliches, Polarisiertes, Widerstreitendes aus. In der Geometrie kann man zwei Punkte mit einer Geraden verbinden, drei Punkte dagegen nur mit einer Ebene, wenn sie nicht auf einer Geraden liegen. Die Gerade ist eine zielgerichtete Linie, in deren Verlauf man nicht rechts und nicht links schaut. Dagegen bietet die Ebene Freiheit des Blickes: den Rundumblick. Im Märchen "Die zwei Brüder" scheint es also um die Polarisierung eines menschlichen Problems zu gehen, bei dessen Lösung die Beteiligten (auch der miterlebende Leser) nur die Entscheidung "entweder - oder" in Erwägung ziehen.
Wir lernen zu Beginn des Märchens zwei Brüder von entgegengesetzter Wesensart kennen. Diese wollen wir hier näher betrachten:
"Brüder" - das sagt uns, dass die beiden denselben Ursprung haben, dieselbe Herkunft, dass sie im übertragenen Sinn einst eine Einheit bildeten, die jetzt aber zerrissen ist. Denn der eine ist "böse", der andere "gut".
Was sagen uns die Wesensarten der beiden Brüder?
Der eine ist von Beruf - aus innerer Berufung - ein Goldschmied. Gold ist das Sonnenmetall. Die Sonne erhellt uns hier auf der Erde, macht klar sichtbar, umhüllt und schützt uns mit ihrer Wärme vor der Todeskälte, erweckt die Kräfte des Lebens. Die Sonne ist für uns Bild für den Wohnsitz der alles erschaffenden, uns geleitenden, ordnenden Schöpfermacht. Gold schauen wir einmal als verhärtete, kalt und erstorbene Sonnensubstanz an. Der ideale Goldschmied vermag Gold mit seiner künstlerischen Gestaltungskraft bis zu einem gewissem Grade wieder formbar, ausdrucksvoll, "lebendig", sonnenähnlich zu machen. In unserem Märchen aber wird der Goldschmied - Bruder als habgierig, egoistisch, falsch geschildert. Ihm sind die göttlichen Gestaltungskräfte nicht mehr aus seinem elterlichen Ursprung mitgegeben. Er w e i ß nur noch von den göttlich heilenden Gold - Sonnenkräften, will sie für sich haben. Denn diese Kräfte leben nicht mehr wirklich in seinem Wesen und Charakter.
Der andere Bruder ist ein fleißiger Besenbinder. Besen - ein Hilfsinstrument, um Sauberkeit, Reinheit zu erzeugen. Dieser andere Bruder besitzt also die Fähigkeit Hilfen zu geben, sodass Reinheit äußerlich wie in der Seele geschaffen werden kann. Es ist seine Berufung! Aber mit irdischen Verhältnissen verglichen ist er arm. Kinder hat dieser Bruder, Zwillinge. Aus seinem Wesen geht also Leben hervor, Zukünftiges, Jugend. Aus dem Wesen des Goldschmiedes entspringt dies nicht. Regsam ist der Besenbinder, reisig holt er, die Kinder versorgt er. Und so trifft es sich, dass er bei seiner Arbeit Gold findet: Nicht einen harten, Goldklumpen, sondern eine Goldfeder - Sonnengold, das noch überallhin fliegen kann, überall sonnenwirksam sein kann; Ein Goldei - ein Ein , ein Zeichen konzentriertester Fruchtbarkeit für zukünftiges Leben; einen Goldvogel, beseelte Sonnensubstanz. Das wird ihm zuteil. Der Goldschmied will all dies besitzen, will es sich essend einverleiben. Aber es sind die Kinder des Besenbinders, die ahnungslos Leber und Herz des Vogels essen: das Herz, Wohnstatt des innersten Seelischen und zugleich dauerhafter Lebenserhalter - die Leber, die irdische Nahrungssubstanz verwandelt in göttliche Kräfte, die den Leib aufbauen, erhalten und innerlich reinigen und erneuern. Der Besenbinder ist für diese Zukunftsentwicklung der Wegbereiter.
Von nun an finden die Kinder des Besenbinders täglich ein Goldstück unter ihren Kissen. Jeder Tag wird ihnen ein Geschenk, eine Bereicherung. Glücklich begrüßen sie jeden Tag. Aber dieses positive Lebensgefühl hat ihnen nicht der Vater von Geburt an mitgegeben. Es stellt sich als ihr Wesenseigenschaft erst ein, als sie die Frühkindheitsphase überschritten haben. Welch eine Weisheit steckt in diesem Bild!
Wir erkennen schon an dieser Stelle, dass das Märchen nicht nur irdische Sachverhalte schildert, sondern vor allem unsichtbare, höhere Wirklichkeiten, die auch um uns sind.
Der Goldschmied neidet den Kindern diese positive Lebenshaltung und er rät, die Kinder in die Einsamkeit zu führen. Die Einsamkeit finden die Kinder im Wald, in dem sie sich verirren. Wald - das kann für uns die verwirrende Gedankenwelt, die Überfülle des Wissens sein, in der sich ein junger Mensch noch verirrt. Sie zieht uns von der realen Welt der Arbeit ab, entfernt uns von der Freude an den vielfältigen Naturerscheinungen. Aber Pflegeeltern - geschickt von einer höheren Schicksalsführung - finden die Kinder, ziehen sie auf und bewahren ihnen das tägliche Gold, bis sie mit dem Meisterschuss die Erdenreife erlangt haben. Dann ziehen die schicksalsbegünstigten Kinder in die Welt...
Sie verirren sich - auf sich selbst gestellt - zunächst im Wald, in der unüberschaubaren Fülle sichtbarer und unsichtbarer Vorgänge in der Welt. Hunger haben sie, es mangelt ihnen noch an innerer Fähigkeit, mit den Anforderungen des Lebens fertig zu werden. Sie wollen ein Tier als Nahrung schießen. Die in der Wildnis wohnenden Tiere, die ihnen vor die Flinte kommen, bitten aber um ihr Leben und schenken ihnen zwei Junge, die nun gezähmt und den Brüdern dienstbar folgen: Der Hase, das Sinnbild der ungezähmten Angst, der Fuchs, Symbol der ungeläuterten Schlauheit, ja Hinterlist, der Wolf, die Seelenkraft der unwiderstehlichen, zerreißenden Zerstörungsmacht, der Bär, der Inhaber ungebrochener, alles überwindender Kraft, der Löwe, König unter allen ungeläuterten Seeleneigenschaften.
Nach dieser "inneren Schulung" trennen sich diese sonnenbegabten Brüder. Die Pflegeeltern hatten ihnen noch eine Schicksalshilfe mit auf ihren Weg gegeben: Ein Messer - Werkzeug des Trennens, Durchschneidens. Dieses rostet auf der Seite, in deren Richtung dem jeweiligen Bruder ein großes Unglück zustößt. Die beiden Brüder haben also ein Wahrnehmungsorgan für einander erhalten, können sich in ihren Fähigkeiten gegenseitig ergänzen, helfen. Und diese "Wesenseigenschaft", die geläuterten Menschen zu eigen werden kann, ermöglicht es, dass jeder der Brüder eigene Wege gehen kann, dabei auch schwere Fehler macht, aber dennoch zum Segen für die Menschheit wird.
Das Märchen von den zwei Brüdern erzählt uns noch genauer, welche inneren Entwicklungsstufen die Beiden im Reifungsprozess zum "König - Sein" durchleben müssen. Diese Stufen werden hier mit Rücksicht auf die Länge dieser Betrachtung nicht ausgeführt. Es sei aber noch erwähnt, dass in diesem Märchen ähnlich Bereicherndes für jedes Menschenschicksal angedeutet wird wie in der Parzifallegende Wolfram von Eschenbachs und in Goethes "Faust".
