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Nikolai Ljesskow: Der Gast beim Bauern


Diese wahre Geschichte, die davon handelt, wie Christus an einem Weihnachtsfeste selbst zu Gast zu einem Bauern kam, und davon, was er ihn lehrte, vernahm ich von einem alten Sibirjaken, der die Begebenheit in nächster Nähe miterlebt hatte. Was er mir erzählte, werde ich mit seinen eigenen Worten wiedergeben:

Unsere Gegend ist eine Verbanntensiedlung, doch eine gute, Handel treibende Gegend. Mein Vater kam hin zu der Zeit, als in Russland noch die Leibeigenschaft herrschte, ich aber bin bereits dort geboren. Wir hatten Vermögen, ausreichend für unsere Verhältnisse, sind auch jetzt nicht arm. Wir halten uns an den üblichen schlichten russischen Glauben Glauben. Mein Vater war belesen und brachte auch mir die Lust zum Lesen bei. Wer das Wissen liebte, galt mi für den vornehmsten Freund, ich war bereit, für ihn durch das Feuer oder das Wasser zu gehen. Und nun bescherte der Herr mir einst den Freund Timofei Ossipowitsch, von dem ich Ihnen gerade erzählen will, wie ihm ein Wunder widerfuhr.

Timofei Ossipow geriet zu uns als ein junger Mann. Ich war damals achtzehn Jahre alt, er aber vielleicht so einige zwanzig. Timoschas Lebensführung war die allerbeste. Warum er vom Gericht zur Verbannung verurteilt worden war, danach fragte man aus Rücksicht unter unseren Verhältnissen nicht, doch hieß es, ein Oheim habe ihn geschädigt. Jener sei des Waisenknaben Vormund gewesen und habe fast dessengesamtes Gut entweder durchgebracht oder sich angeeignet. Es sei zwischen Timofei Ossipow und dem Oheim zum Streit gekommen, er habe auf den Oheim mit der Waffe eingestochen. Seiner Jugend wegen sei ihm dafür keine schwere Strafe zuerkannt worden: er ward als einer vom Stande der Kaufleute zum Siedeln zu uns verbannt.

Obwohl Timoschas Vermögen ihm zu neun Zehntel geraubt worden war, auch mit dem letzten Zehntel ließ sichs leben. Erbaute sich bei uns ein Haus und begann in ihm zu wohnen. Das Unrecht jedoch, das er erlitten hatte, kochte in seiner Seele, und lange hielt er sich von jedermann fern. Er saß andauernd zu Hause, aber er las immerzu Bücher, und ztwar die allerfrömmsten. Schließlich wurden wir miteinander bekannt, gerade durch die Bücher. Wir fanden Wohlgefallen aneinander.

Zu Anfang ließen meine Eltern mich ungern gehen. Sie wurden aus ihm nicht recht klug. Ich aber sagte ihnen, dass ich von Timofei nichts Schlechtes zu hören bekäme. Meine Alten sahen, dass er ein guter Mensch war und gewannen ihn lieb, und es begann ihnen leid zu tun, dass er häufig düster war. Gedachte er nämlich des Unrechts, das man ihm angetan hatte, wenn man vor ihm nur mit einem Wörtchen seines Oheims erwähnten, so wird er ganz bleich, ist hernach ganz durcheinander, und lässt ganz mutlos die Hände sinken. Dann will er auch nicht mehr lesen und - anstatt seiner üblichen Freundlichkeit - leuchtet Zorn in seinen Augen.

Er tat mir leid, nicht jedoch in der Hinsicht, dass er ehemals mehr besessen hatte, doch darin, dass er sich in einer solchen Verfinsterung befand, dass er die heilige Schrift zwar kennt und gut vom Glauben zu reden versteht, doch das Unrecht so ständig im Gedächtnis bewahrt.

"Du bist nicht kundig genug in der Heiligen Schrift, dich auf sie zu berufen", sagte er eines Tages zu mir, "Kundig bist Du auch nicht hinsichtlich dessen, was es in der Welt für Unrecht gibt. - In alle Ewigkeit wollte ich schweigen, jetzt aber will ich mich vor Dir, als meinem Freunde, aussprechen." So eröffnete er mir, dass sein Oheim schon seinen Vater tödlich gekränkt hatte, seine Mutter durch Kummer, den er ihr bereitet, ins Grab gebracht, ihn selber verleumdet und dafür gesorgt hatte, ihm, dem Greisen, zur Frau das junge Mädchen zu geben, das Timofei von Kind auf geliebt und seit jeher zu heiraten sich vorgenommen hatte. "Kann man das alles vergessen?"

"Gewiss", erwiderte ich, "das Unrecht, das man dir angetan hat, ist groß - das stimmt. Dass aber die Heilige Schrift dir zu nichts nütze ist, ist ebenfalls keine Lüge." Er aber führte mir wieder zu Gemüte, wie doch nach dem Alten Testament die heiligen Männer selber der Gesetzesbrecher nicht geschont, ja, sie mit eigenen Händen abgeschlachtet hätten. Ich aber antwortete ihm bei meiner Einfalt einfältig:"Timoscha, ich möchte Dir sagen,dass im Alten Testament alles so altertümlich ist und dem Verstande irgendwie zweideutig schillert; im Neuen aber steht es deutlicher. Dort leuchtet über allem das 'liebe und vergib', und das ist köstlicher denn alles, ist wie ein goldener Schlüssel, der jedes Schloss aufschließt." Er aber hub an mit weitläufigen Auslegungen des Inhalts, es habe jemand geschrieben, gewisse Dinge vergeben wäre dasselbe wie das Übel mehren.

Ich ließ ab. Der Herr werde meinen Freund aus der Sünde des Zornes erretten. Das aber verwirklichte sich auf höchst wunderbare Weise:

Nun hatte Timofei die folgende Gewohnheit: regelmäßig, sobald die Sonne tief stand, trat eraus dem Hause, putzte selbst seine Rosenstöckeaus und las alsdann auf der Bank ein Buch. Außerdem, soviel ich weiß, betete er dort auch häufig. Derart begab er sich auch einmal nach dem Platze und hatte das Evangelium mitgenommen. Er sah nach den Rosenstöcken, dann setzte er sich, schlug das Buch auf und begannzu lesen. Da liest er nun, wie Christus zu Gaste zum Pharisäer kam: da geben sie ihm nicht einmal Wasser, die Füße zu waschen. Da fühlte Timofei ganz unerträglich die dem Herrn angetane Krämkung mit, und dieser tat ihm leid. In diesem Zustand, gleichsam unbewusst oder in einer Ohnmacht, rief er aus: "Herr, kämestdu zu mir, ich gäbe mich selbst dir hin." Timofei aber wehte da plötzlich irgendwoher durch das Rosenlicht im Windhauch die Antwort zu :"Ich werde kommen."

Timofei kam zitternd zu mir gerannt und fragt:"Wie dünkt dich das? Kann der Herr wirklich zu mir kommen?" Ich antworte:"Das, Bruder, geht mir über den Verstand. Frag mich nicht weiter."

Timofei ließ sein Weib seit dem folgenden Tage einen überzähligen Platz bei Tische bereithalten. Die Frau war neugierig. Was heiße das, wozu und für wen sei das bestimmt? Timofei jedoch weihte sie nicht in alles es. Seinem Weibe und anderensagte er nur, so müsse es seines innerlichen Gelübdes wegen gehalten werden. "für den vornehmsten Gast, der da käme". Wer damit wirklich gemeint war, das wusste - außer ihm und mir - kein Mensch.

Timofei erwartete den Erlöse am Tage, nachdem er das Wort im Rosengarten vernommen hatte, er erwartete ihn auch noch am dritten Tag, danach am nächstfolgenden Sonntag - doch dieses Warten fand keine Erfüllung. An jedem Feiertage erwartete Timofei immer wieder Christus zu Gaste. Oft dachte ich, mein Freund wäre hochmütig geworden und dafür verwirre ihn jetzt eine trügerische Versuchung. Gottes Vorsehung aber fügte es anders.

Das Christfest kam. Es war harte Winterzeit. Timofei kommt zu mir am Heiligen Abend uns spricht:"Lieber Bruder. Morgen erwarte ich den Herrn." Ich pflegte schon lange nicht mehrauf dergleichen Redenzu antworten. "Ich verstehe",antwortete er,"ich werde sofort meine Knechte und meinen Sohn durch das ganz Dorf schicken und alle Verbannten einladen, die da in Not und Bedürftigkeit wären."

Wir kamen am Weihnachtstage zusammen zu Timofeimit der ganzen Familie,ein wenig später, als man sonst zu einem Mittagsmahle auf Einladung kommt. Wir fanden seine geräumigen Stuben voller Leute unserer, der sibirischen Verbanntenart. Ein Gast nur fehlt und fehlt - der werter denn alle.

Schon hätte man die Kerzen anzünden und sich zu Tische setzen müssen, denn es war schon dunkel geworden. Timofei ging bald umher, bald saß er, er befand sich augenscheinlich in quälender Unruhe. Er sah mich traurig an. Ich sage:"Also bete." Er trat vor das Heiligenbild und begann mit einem 'Vater unser' und danach:"Christ wird geboren, lobsinget! Christ kommt vom Himmel, verkündet es, Christ ist auf Erden..."

Kaum aber hatte er diese Wort ausgesprochen, als plötzlich irgendetwas so fürchterlich von außen an die Wand schlug, dass alles zu schwanken anhub; dann aber fuhr ein lautes Getöse durch den breiten Flur, und unversehens sprang die Stubentür von selbst sperrangelweit auf.

Alle Leute warfen sich in unbeschreiblichem Schreckenin eine Zimmerecke. In der Tür auf der Schwelle aber stand ein alt-uralter Mann, bekleidet mit nichts als schlechten Lumpen, zittert und hält sich, um nicht umzufallen, mit beiden Händenan den Wandbrettern fest. Der Wind mit dem Schneegstöber tobt da draußen.

Kaum erblickt ihn Timofei, so schrie er auf: "Herr, ich sehe ihn und nehme ihn auf in Deinem Namen. Du selbst aber gehe nicht bei mir ein, ich bin ein böser und sündiger Mensch." Und damit verneigte er sich,mit dem Antlitz bis zum Boden.

Timofei stand auf, nahm ihn an beiden Händen und setzte ihn auf den vornehmsten Platz. Wer aber dieser Alte war - vielleicht erraten Sie es selbst - so war das Timofeis Feind, der Oheim, der ihn so völlig zugrunde gerichtet hatte. Mit knappen Worten berichtete er, dass bei ihm alles in Trümmern gegangen sei:Familie und Reichtum seien verloren, er wandere schon lange, um den Neffen aufzufinden und ihnum Verzeihung zu bitten. Er habe danach gedürstet und sich doch vor Timofeis Zorn gefürchtet, in diesem Schneegestöber jedoch den Weg verloren und, dem Erfrieren nahe, nur sterben zu müssen gewähnt.

"Plötzlich jedoch leuchtete mir irgend ein Unbekannter und sagte:'Geh hin und wärme dich an meinem Platze und iss aus meiner Schale', griff mich an beiden Händen, und so war ich denn hier, weiß selber nicht woher." Timofei jedoch antwortete vor allen:"Ich, Oheim, kenne Deinen Geleiter. Das ist der Herr! Setze dich bei mir auf den vornehmsten Platz und iss und trink ihm zur Ehre und bleibe in meinem Hause nach Herzenslust bis zu Deinem Lebensende."



(Gekürzte Fassung)


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