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Galsan Tschinag: Das geraubte Kind

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((Manuskriptfassung eines Artikels, der im Juliheft der Zeitschrift "Die Drei" erscheinen wird))

NICHT NUR EINE LEGENDE
GALSAN TSCHINAG: Das geraubte Kind. Roman.


Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2004. 320 Seiten. 19,90 EUR.
Zunächst sei eine Warnung vor dem Buche ausgesprochen: Dies ist das richtige Buch für den falschen Leser – oder das falsche Buch für den richtigen Leser. Es eignet sich sehr für eine genüssliche Lektüre in der Kuschelecke des Sofas, man wird sofort von einem magischen Sog erfasst und mag gar nicht aufhören. Die Geschichte spielt in einer fernen Zeit – im 18. Jahrhundert – in einem fernen Land: unter den Tuwa-Nomaden der Mongolei, in der Bergsteppe des Altai. Das schafft genügend Distanz zu unserem Alltag. Rückwärts-Wendung, Reiz des Exotischen, Hang zur Nostalgie, Sehnsucht nach Esoterik, das sind die – weiter im Wachsen begriffenen - Phänomene, mit denen sich der große Erfolg derartiger Bücher erklärt (man denke zum Vergleich an Crottets Erzählungen von den Skolt-Lappen, Rytchëus Geschichten aus dem Land der Tschuktschen oder die verschiedensten Afrika-Bücher). Nichts dagegen – aber kann das alles sein ?
Galsan Tschinag – den Leser dieser Zeitschrift bereits aus einem Interview kennen lernen durften (Heft 2, 2004) – nimmt zum Ausgangspunkt seines Romans den Kern einer alten Legende, die heute noch in seinem Volk lebendig ist. Im Mittelpunkt steht Hynndynn, der „Tag-und-Nacht-Mensch“: Schon über seiner Geburt – begleitet von der Schamanin Ökpesch – steht ein besonderer Stern. Die Mutter stirbt, das Kind kann gerettet werden und kommt zu Pflegeeltern. Zu seiner Rettung tragen Fremde bei, von weither gereist, die den Zieheltern eine Jurte und viele weitere Geschenke überreichen und ihnen damit ein sorgenfreies Leben ermöglichen. Mit sieben Jahren wird Hynndynn dann wiederum von Fremden entführt und lebt weitere sieben Jahren in China (wie der Leser erst allmählich begreifen lernt) – als Gefangener in einer Festung, mit langsam gelockerter Bewegungsfreiheit, die aber immer begrenzt bleibt - und bekommt eine hervorragende Erziehung, mit umfassendem Wissen, in mehreren Sprachen, in höfischen Umgangsformen. Er wird dann zum Fürst ernannt, mit einer chinesischen Prinzessin verheiratet und begleitet von großem Gefolge (und Aufpassern) in das Land der Tuwa zurückgeschickt – mit der Aufgabe, die Eroberung seiner Heimat durch die Chinesen vorzubereiten und abzusichern. Das aber funktioniert nicht: In dem Konflikt, in den man ihn gezwungen hat, entscheidet sich Hynndynn für seinen Stamm und unterstützt den Kampf um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.
Dies alles ist in einer schönen, oft wunderbar schwingenden und immer wieder ausgesprochen bildkräftigen Sprache geschrieben – wohlgemerkt: original in Deutsch ! Es beginnt mit einer „Beschwörung der Geister“ und endet mit einer „Besänftigung der Geister“ (gesprochen vom Autor, so muss man es sich wohl denken): „... Erhört mich ihr Geister, und eilt herbei. Löst die Fesseln der Zeit ... Sorg dich und steh mir bei, Geschichte. Erhebt mich, ihr alle, und tragt mich fort, fort. Denn wagen will ich es. Will das Biest Vergangenheit aufspüren und vom Tod erwecken ...“ Vom Sandkorn zum Stein – vom Stein zum Hügel – vom Hügel zum Berg, so sind die drei Teile überschrieben, in die der eigentliche Roman gegliedert ist. Der Erzählfluss scheint einerseits von ruhigem Atem getragen – erst nach rund einem Drittel wird das Kind tatsächlich geraubt -, und doch wundert man sich im Nachhinein, welche Fülle an Gestalten, Geschehnissen, weisen Kommentaren auf diesen wenig über 300 Seiten untergebracht sind und als lebendige Bilder in der Erinnerung bleiben.
Unter den geschilderten Menschen kann ich mich kaum entscheiden, wem ich sympathisch-erinnernd den Vorzug geben soll: dem jungen Landsmann Mugulai etwa, der vom Tuwa-Häuptling (auch nicht gerade freiwillig) in die Fremde geschickt wird, um Wissen zu erwerben, und den Hynndynn am Ende der Geschichte (nachdem er sein aufgezwungenes Fürstenamt aufgelöst hat) als neuen Häuptling vorschlägt; der Amme in der chinesischen Fremde, Mutschin Bi, die gleichzeitig zu Hynndynns Wärterin bestimmt ist, aber immer wieder den Mut zu kleinen Abweichungen von den Weisungen hat, die sie bekommt; dem Mädchen Schao Dshe, das ihm beim Spielen und Lernen Gesellschaft leistet; oder einer der Nebenfiguren wie dem ersten Wanderlama, dem „Wandergesellen des Geistwerkes“, der eine erste Begegnung der Nomaden mit der Kunst des Lesens und Schreibens verkörpert ?
Als Faszination in Erinnerung bleiben nach der Lektüre nicht zuletzt die tiefe Weisheit der Häuptlinge und ihrer Ratgeber. „Wo ist der Himmel ?“, fragt der alte Häuptling einmal und antwortet: „Manch einer würde sagen: oben. Da auch gewiss, meint man damit das große blaugraue Gewölbe über uns Menschen und Tieren, den Bergen und den Wolken. Aber das Himmelreich, von dem die Rede ist, kann gewiss nicht dahinter sein. Es könnte irgendwo auf Erden liegen. Noch eher aber in mir, dir und dir, in uns selber. Der Himmel auf alle Fälle, der meiste und ureigenste Himmel liegt dort. Davon bin ich nun einmal felsenfest überzeugt. Anstatt so viel vom Himmel, gar vom Blauen Himmel und seinem Reich zu quasseln, müsste man aufpassen, den in sich selber in Sicht und Reinheit zu halten!“ An anderer Stelle äußert die eine der „Stützen“: „Der Fremde ... besitzt etwas, was wir nicht besitzen ... Er hat Wissen, und Wissen ist das höchste Besitztum, der höchste Schmuck und die höchste Macht ! ... Wir müssen sehen, uns an dem zu beteiligen, was andere besitzen und wir noch nicht. Wir müssen uns nach einem Weg erkundigen, der zum Wissen führt ...“

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Aber das Ganze ist, wie bereits angedeutet, keineswegs als pure Idylle geschildert. Der Roman ist auch und vor allem ein Roman der Gewalt: Schon der Einsatz eines Fürsten für die Tuwa, die immer einen Weisenrat unter Vorsitz eines Häuptlings gehabt haben, ist ein Gewaltakt, den wir kaum ermessen können (darauf hat der Autor in einem Gespräch hingewiesen). Mit Gewalt in die Fremde verpflanzt zu werden ist eine der schlimmsten Gewalttaten gegenüber einem Heranwachsenden – und das passiert ja nicht nur Hynndynn, sondern auch (in interessanter Spiegelung) Mugulai. Hier gibt es auch einen Kreuzungspunkt mit dem Schicksal des Autors, der es ebenfalls als Gewaltakt erlebt hat, dass er seinerzeit in der DDR studieren durfte/musste. Gewalt gegen Frauen wird mehrfach dargestellt; wichtigstes Beispiel ist die Geschichte der Mutschin Bi, die sie irgendwann dem jungen Mann zu erzählen wagt.
Und es gibt eine Folterszene: Der Tuwa-Häuptling und seine beiden Berater – die „Stütze zur Linken“ und „Stütze zur Rechten“ - werden von den Staatsvertretern aus dem Tross des Fürsten, ohne dass er es verhindern kann, mit schwerster Misshandlung dafür bestraft, dass sie Weisungen nicht gefolgt sind: Es ist sicherlich die Demütigung, die dabei am schwersten wiegt. Man müsste das schon mit Seelenblindheit lesen, um nicht die Parallele zu den Folterbildern der US-Amerikaner im Irak zu sehen. Hier spätestens kann der Roman eine „Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ (wie Franz Kafka es vom Buch grundsätzlich gefordert hat).
So ist es doch nur auf den ersten Blick verblüffend, wenn Galsan Tschinag den 11. September als Anlass für die jetzige Veröffentlichung des Romans nennt. Nach einer Lesung in Hameln hat er die Geschichte erzählt (und wenn sie nicht stimmt, dann ist sie doch „gut gelogen“), dass er schon vor rund dreißig Jahren die Aufzeichnungen über die Legende fertig gemacht, verschnürt und für eine Publikation rund vierzig Jahren später vorgesehen hat. Der 11. September habe ihn bewogen, diese Vorgabe aufzuheben.
Kann ein solch kleines Volk sein Eigensein behaupten, seinen Untergang verhindern ? Generell und auf Dauer und ohne Veränderung sicherlich nicht – das war damals schon so und gilt auch für die Gegenwart. Die Antworten aber können nur aus dem Volk selber kommen. Hynndynn führt bereits (nachdem die Tuwa ihn aus freien Stücken schließlich zum Häuptling gewählt hatten) Veränderungen ein:
Er lässt Hütten bauen, beginnt mit Ackerbau und Holzwirtschaft, führt Metallbearbeitung ein. Die Antwort des Autors für die Gegenwart ist pessimistisch, wie in dem bereits erwähnten Interview nachzulesen ist.
Ein „happy end“ gibt es – wie zu erwarten – in diesem Roman nicht: Hynndynn geht, nachdem er alles vorbereitet hat und bevor die Kämpfe beginnen, in den Freitod. Das Volk wahrt seine Selbstbestimmung, wehrt sich mit großer Tapferkeit gegen die fremden Herren, muss aber schließlich der Übermacht erliegen.
Kein bloß historischer Roman ist das also, wie der Verlag in der Werbung zum Ausdruck bringt – und auch nicht die bloße Erzählung einer alten Tuwa-Legende, wie es auf der Buchrückseite steht. Das wäre eine Verengung, die dem Roman nicht gerecht werden kann. Wenn das heute verstärkt zu einer unserer wichtigsten Aufgaben wird: uns in aktiver Aufmerksamkeit gegenüber dem Anderen und Andersartigen zu üben – dann kann dieses Buch ein wichtiges Beispiel, eine wichtige Hilfe sein. Dem Roman sind möglichst viele Leser zu wünschen, die ihn mit dem Herzen lesen – und dabei zugleich ihren Verstand, ihr taghelles Bewusstsein benutzen.

(c)für den Text: Dr. Helge Mücke (Veröffentlichungsrechte der Zeitschrift "Die Drei" sind zu beachten). Die Bilder sind der Homepage des Insel-Verlages entnommen.

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