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Vor 60 Jahren

Kindheits-Erinnerung

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Johanne

Heute vor 60 Jahren, am 4. Mai 1945 – vier Tage vor der Kapitulation – wurde mein Bruder auf der Flucht vor der einrückenden Roten Armee geboren.
Wir, das waren meine schwangere Mutter und zwei kleine Kinder, kamen mit dem Flüchtlingstreck und einem der letzten Schiffe aus Ostpreußen und landeten am 30. Januar 1945 in Stettin.
Der folgende Auszug aus der Familiengeschichte schildert das weitere Geschehen wie folgt:


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(Auszug)

„Zunehmend beschäftigte unsere Mutter der sorgenvolle Gedanke, wo sie denn ihr drittes Kind in Ruhe und Sicherheit zur Welt bringen könnte; nur noch vier Monate sollte es bis zu der errechneten Niederkunft dauern.

Im Laufe des Februar 1945 wurden wir von Stettin nach Mecklenburg transportiert und erhielten in einem kleinen Dorf ca. 8 km von Schönberg entfernt Unterkunft auf einem Bauernhof. Die Bäuerin nahm uns sehr freundlich auf und richtete uns ein Zimmer im Obergeschoß ihres Bauernhofes ein. Ihr Mann war im Krieg, sie bewirtschaftete den Hof allein und so gab das unserer Mutter Gelegenheit, ihr bei der Arbeit im Haus und auf dem Hof zu helfen als Gegenleistung für unsere Unterkunft und Verpflegung.
Da für das erwartete Baby weder Windeln, noch Wäsche und Kinderwagen vorhanden waren, mußte all dies stückchenweise erbettelt und organisiert werden. Die Bäuerin half dabei nach Kräften und steuerte als wichtigstes Stück einen Kinderwagen bei. Es war eine niedrige Babykutsche mit kleinen Rädern, uralt, aber intakt und damit sehr wertvoll.


Die Suche nach den verlorenen Angehörigen - privat oder über den hoffnungslos überlasteten Suchdienst des Roten Kreuzes - war sehr mühsam. Die Verwandten im westlichen Reich waren entweder selbst evakuiert oder ausgebombt, es gab kaum Post- und Telefonverbindungen, die Verkehrswege und
So hatten wir eigentlich noch Glück, wieder abseits auf dem Lande zu leben.

Mit den Sensationsnachrichten über das drohende Kriegsende und dem Herannahen der alliierten Streitkräfte Ende April 1945 wuchs die Sorge unserer Mutter um ihre Niederkunft. Es ist nicht anzunehmen, daß sie während der letzten Monate ihrer Schwangerschaft überhaupt einmal ärztlich betreut wurde; sie vertraute jedenfalls auf ihre robuste Natur und auf die Hilfe, die ihr in der Not dann doch irgendwoher geleistet würde.
So nahte der 3. Mai 1945.
Amerikanische Truppen zogen morgens gegen 9 Uhr aus westlicher Richtung in Schönberg ein, damit auch in die nahegelegenen Dörfer.
Es wurde strikte Ausgangssperre verhängt und wir rückten bei unserer Bäuerin ängstlich zusammen.

Am Abend bekam unsere Mutter - drei Wochen vor der Zeit - Wehen. Sie nahm die wenigen Babysachen und ging allein - es hatten sonst alle Todesangst das Haus zu verlassen - zum Bürgermeister des Dorfes in der Hoffnung, daß der ihr schon helfen und sie zur Entbindung nach Schönberg bringen werde.
Sie läutete also beim Bürgermeister an der Tür und stand plötzlich im grellen Scheinwerferlicht eines vor dem Rathaus abgestellten amerikanischen Panzers.

Der Bürgermeister hatte kein Fahrzeug zur Verfügung und verwies unsere Mutter an den Panzer-Kommandanten. Diesem deutete sie mit entsprechenden Gesten an, daß ihr "Baby" komme und daß ihr geholfen werden müsse.
Dieser amerikanische Panzer-Kommandant zögerte nicht lange, kurbelte seinen Panzer an, hob zusammen mit seinen Soldaten unsere Mutter hinauf und kommandierte einen Schwarzen ab, um sie oben festzuhalten. "Diese Kamerad wird dich halten!" sagte er.
Unterwegs schon meinte sie niederzukommen, da die Wärme des Auspuffrohrs, neben das man sie gesetzt hatte, die Wehen beschleunigte.

In den Vormittagsstunden des 3. Mai 1945 war die Stadt Schönberg den Amerikanern übergeben worden, und ausgerechnet am Abend dieses Tages, wo sich alles in einem heillosen Durcheinander befand, suchte ein amerikanischer Panzer-Kommandant verzweifelt nach einem Platz, wo er eine auf seinem Panzer sitzende gebärende deutsche Frau abgeben könnte. Nach längerer vergeblicher Suche und vielen Umfragen fuhr er am Gebäude des Landratsamts der Stadt Schönberg vor, von dem es hieß, daß im Dachgeschoß eine Hebamme zu finden sei und im Keller dieses Hauses eine notdürftige Entbindungs- bzw. Krankenstation bestehe.
Unser Kommandant, sicher schon darüber beunruhigt, daß vielleicht er selbst Hebammendienste leisten müßte, polterte an die verschlossene Tür des Landratsamts, und als sich oben ein Fenster zögernd öffnete und ein Frauenkopf ängstlich auftauchte, zog er sein Maschinengewehr, zielte nach oben und rief: "Komm runter oder ich schieße!" Sehr schnell wurde die Tür unten geöffnet, eine zitternde Frau im Nachthemd nahm unsere Mutter, gestützt von amerikanischen Soldaten in Empfang.

Am frühen Morgen des 4. Mai 1945 kam der kleine Bruder auf die Welt, etwa drei Wochen zu früh, rot
und verschrumpelt, aber für unsere Mutter war es das schönste Kind der Welt. Sie war sehr glücklich.

In den folgenden Tagen legte sich die erste Panik nach dem Einmarsch der Amerikaner. Die Entbindungsstation im Landratsamt wurde besser eingerichtet und weitere Frauen zur Entbindung aufgenommen. Die Amis schauten täglich vorbei und fragten, "wieviel Babies heute?" und verteilten Kaugummi an die Wöchnerinnen.

Eines Tages erschien unsere Mutter wieder bei unserer Bäuerin mit dem Baby auf dem Arm, einem ewig hungrigen Schreihals. Zu seinem Glück konnte unsere Mutter neun Monate hindurch voll stillen, und es entwickelte sich aus jenem zu früh geborenen faltigen Flüchtlingskind ein schönes glattes und rundes Baby. Unsere Mutter hatte nun für zwei Erwachsene und drei Kinder zu sorgen und half weiter in der Landwirtschaft mit.

Die amerikanische Besatzung, die sich der Zivilbevölkerung gegenüber äußerst korrekt verhielt und sich mit ihr sogar schon anzufreunden begann, verließ Schönberg am 20. / 21. Mai 1945; es kamen für kurze Zeit die Engländer und Schotten, und danach sollten die Russen das Gebiet Mecklenburg besetzen. Da die Nachrichten von den Greueltaten der Russen im Osten allmählich durchgesickert waren, herrschten überall Angst und neue Aufbruchstimmung.

Am 1. Juli 1945 rückte die Rote Armee in Schönberg ein.“




(Ende des Auszugs)



Wilhelm Gustloff

"Wilhelm Gustloff" und "Pretoria".
die "KdF" (=Kraft durch Freude)-Schiffe


Im Februar 2002 erschien bei Steidl, Göttingen, die Novelle "Im Krebsgang" von Günter Grass.
Der aus Danzig stammende Schriftsteller beschreibt darin sehr ins Einzelne gehend und faszinierend die Geschichte und die Umstände des tragischen Untergangs der "Wilhelm Gustloff" bei Gotenhafen am 30. Januar 1945.
Ich bin von diesem Buch sehr beeindruckt und werde an meine eigene Flucht aus Ostpreußen Ende Januar 1945 erinnert, wo die Weiterfahrt mit dem Pferdetreck unmöglich wurde und nur noch ein Fluchtweg über die Ostsee bestand. Meiner Kusine Doris aus Königsberg, einem damals 19-jähringen bildschönen Mädchen, hellblond mit strahlend blauen Augen, verdanken wir schließlich unsere Rettung.
Mit der ihr eigenen Bestimmtheit sagte sie zu meiner Mutter:
"Tante Friedchen, Du bist schwanger und hast zwei kleine Kinder, Du musst zuerst weg. Ich kenne einen Matrosen von der "Pretoria", die gerade im Pillauer Hafen liegt und Flüchtlinge an Bord nimmt." Unter den damals in Königsberg herrschenden chaotischen Verhältnissen organisierte sie unsere Aufnahme in eine Steuermann-Kabine der "Pretoria", die am 24. Januar 1945 mit etwa 4000 Heimatvertriebenen an Bord aus dem Hafen von Pillau in Richtung Westen auslief.







Ostseeroute
An Bord befanden sich auch die aus "Tannenberg" herbeigeschafften Särge von Hindenburg und seiner Frau.
Während die "Wilhelm Gustloff" am 30. Januar 1945 durch drei russische Torpedos versenkt wurde und die 10.000 Flüchtlinge den Tod fanden, tastete sich ebenfalls auf der Ostsee die "Pretoria" infolge Tiefgangs, Minengefahr und Tieffliegerangriffen vorsichtig und langsam durch die Fahrrinne der vereisten Ostsee.
Am 31. Januar 1945 erreichte unsere "Pretoria" den rettenden Hafen von Stettin.
Meine Mutter, im 5. Monat schwanger und mit zwei kleinen Kindern an der Hand, hat unsere wohlbehaltene Landung in Stettin immer als den glücklichsten Tag ihres Lebens bezeichnet.

Johanne



Autor

Johanne (marijo)

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