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Bericht über eine Deutschland-Autoreise mit Steffi

erzählt von Johanne

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vom 9. bis 23. September 2001

9. September 2001
Ein schon lange gehegter Wunsch, Deutschland zu "erfahren", wird heute in die Tat umgesetzt. Wie bei einer Autorallye stehen "Navigator" (Steffi) und " Driver" (Johanne) fest, der Touren-Benz startet - gewartet, geputzt und aufgetankt - bei km-Stand "0" um 9 Uhr in Freiburg.
Gemeinsamer Aufbruch mit Steffi am frühen Nachmittag.
(Zitat Karl-Heinz: "Jetzt hab ich mal zwei Wochen meine Ruhe!)
Auf der A 61 über Bruchsal, Alzey, Ausfahrt Stromberg.
Es ist neblig bedeckt, aber trocken, gegen Abend scheint die Sonne.
Das erste Ziel ist Stromberg bei Bingen am Rhein, d. h. die "Stromburg" des bekannten Fernsehkochs Johann Lafer,



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an dessen berühmter Tafel und selbstverständlich bei einem köstlichen Mahl wir die Reise zu beginnen gedenken. Wegen großer Nachfrage schon Wochen zuvor angemeldet, treffen wir pünktlich ein und erleben, vorher über die Historie der "Stromburg" informiert , einen Abend und das nachfolgende erste Quartier im Wechselbad der Gefühle: Einerseits die schon fast penetrante Personality-Show eines modernen "Raubritters" (die Stromburg galt im Mittelalter zeitweise als Raubritterburg) und andererseits das sehr einfache Leben unserer Gastwirtsleute Herbig im "Haus Soonblick" in Stromberg - gleich nebenan.
Für uns hält Lafers Ruf als Meisterkoch nicht das, was er verspricht: Seine (allerdings besten Grundprodukte und Soßen) werden in luxuriös verschnörkeltem Arrangement geschmacklich verfälscht und personalaufwändig mit viel Unruhe gereicht. Im heimelig-gemütlichen Speisesaal darf geraucht werden.
In guter Erinnerung bleibt ein Roséwein vom Weingut Dr. Crusius aus Traisen (Nahe) "Traiser 1999er Spätburgunder".
Uns bleibt eine Mischkalkulation zwischen der Rechnung des "Raubritters Johann" und der Übernachtung mit Frühstück für 50.- DM pro Person.


Johannes Reise 1
10. September 2001
Nach einem reichhaltigen Frühstück geht es linksrheinisch weiter über Bingen hinunter ins Rheintal. Es ist bedeckt und regnet leicht, aber das Wetter beeinträchtigt den Genuss der Fahrt mit Blick auf die schönen waldigen und teils rebbedeckten Rheinseiten mit den vielen Burgen, Türmen und Fachwerkstädtchen und
Beim Stadtbummel sehen wir in schöner alter, liebevoll restaurierter und gepflegter Bausubstanz viele heimelige Gaststätten und moderne Geschäfte, die sich harmonisch im Fachwerk einordnen

Johannes Reise 2
Limburg

Auf der Weiterfahrt verlassen wir das Lahntal streckenweise und fahren auf der B 49 vorbei an Wetzlar, Giessen, Marburg und Bad Wildungen zur Edertalsperre und weiter nach Waldeck im Waldecker Land, einem wald- und wildreichen und auch durch den aufgestauten Edersee attraktiven Urlaubsgebiet. Im "Waldhotel "der Familie Wiesemann-Siebert finden wir ein schönes Quartier mit Blick auf die Edertalsperre und den langen Edersee und lassen uns vom Wirt und Koch Siebert frisch gefangenen Fisch zubereiten.

Nachts sollen Waschbären die Speisereste aus den Mülltonnen geholt haben - wir hören das nicht, weil wir selbst wie die Bären in der guten Waldluft des Waldecker Lands tief schlafen.


Johannes Reise 3
11. September 2001
Dieser Tag, der uns eine Weltkatastrophe bringen soll, beginnt für uns sehr friedlich an einem mit Blumen und Muscheln gedeckten Frühstückstisch hoch über dem Edersee.

Ich finde einen Begrüßungsbrief der Wirtsfamilie vor mit Vorschlägen zu Ausflügen zur Burg Waldeck, den umliegenden Schlössern, Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten. Wir beschränken uns auf die Besichtigung der wehrhaften Burg Waldeck und verzichten schweren Herzens auf das Residenzschloss Bad Arolsen, erbaut 1710 - 1720 nach dem Vorbild Versailles und neue Herberge des Rauch-Museums. (Siehe Broschüre und Tageszeitung)

Zu der hoch auf einem Fels liegenden Festungsburg Waldeck (vgl. anliegende Historie) bzw. dem darin eingerichteten Schlosshotel Waldeck (mit Golfplatz!) fahren wir sogar bei Sonnenschein hinauf und genießen eine herrliche Rundumsicht auf das Waldecker Land und den weit gewundenen Edersee.
Wir stellen fest, dass dies ein ideales Urlaubsland ist:
Natur, Kultur und vielseitige sportliche Betätigung.

Johannes Reise 4
Weiter geht die Fahrt auf der sog. "Fachwerkstraße" über Zierenberg nach Hannoversch Münden im Naturpark Weserbergland, der Perle deutscher Fachwerkstädte. Sie liegt wunderschön umgeben von drei Flüssen ("da wo sich Fulda und Werra küssen, beginnt die Weser") und innerhalb einer weitgehend intakten Stadtmauer. Ein Stadtrundgang zeigt uns wieder liebevoll gepflegte mit Schnitzwerk reich verzierte stattliche Fachwerkhäuser und endet am leider verschlossenen Rathaus im Stil des Weserbarocks, aber auch bei einem duftenden Butterkuchen mit Mandeln und Schmand. Zeitweiliger Regen macht uns nichts aus und so geht es weiter auf der sog. "Wesertal-", der "Weserbarock-" und der "Märchenstraße" im lieblichen Weserbergland den breiten, ruhigen Flusslauf hinunter.

Johannes Reise 5
Man könnte die Orte Gottsbüren, Gottstreu, Gewissenruh, den Hugenottenturm und viele Kirchen, Burgen und Kunstdenkmale entdecken, aber wir entscheiden uns für die Besichtigung von Kloster und Schloss Corvey bei Höxter, gegründet 822 von Ludwig dem Frommen. Die Abteikirche vereint das Westwerk des 9. Jh. mit der prächtigen Weserbarock-Ausstattung der heutigen Kirche in harmonischer Weise. Auf dem Kirchhof liegt das Grab von Hoffmann von Fallersleben.


Johannes Reise 6
Vor unserer Weiterfahrt erfahren wir beim Klostereingang vom Terroranschlag in Amerika. Die Schockwirkung, die Ablenkung und Konzentration auf unsere erlebnisdichte Reise lassen uns diese schreckliche Nachricht erst später und nach und nach begreifen.

Unsere schöne Weserfahrt endet in Hameln in der für den Ralley-Benz verbotenen Fußgängerzone und wird (mit Steffi unter der Tarnkappe) fortgesetzt nach Hildesheim, wo es leider wegen der EMO-Messe im nahen Hannover auch in weitem Umkreis kein Quartier, nicht einmal eine Besenkammer, gibt. Ca. 10 km außerhalb und schon in der Dämmerung finden wir in Wendhausen im kleinen Einfamilienhaus eines Ehepaars zwei Schlafcouchen und im Dorf-Restaurant "Zum Rotdorn" ein sehr gutes Abendessen mit Muschelsuppe und gebackener Scholle.

Johannes Reise 7
Nach nunmehr drei Reisetagen haben sich die Reise- und Besichtigungsgewohnheiten schon etwas eingespielt: Informiert von Straßenkarten, Baedeker, Michelin, HB-Atlas u. a. und einig über das Tagesziel wird der Ralley-Benz sicher abgestellt und verriegelt, Regenjacke und Schlapphut angezogen, der Rucksack mit den wichtigen Papieren, Geld, Handy, Fotoapparat, Reiseführer und dem beim Frühstück heimlich eingesteckten Brötchen gepackt. Für die wichtigen Sehenswürdigkeiten lassen wir uns genügend Zeit, wir wissen aber, dass wir auf dieser langen Fahrt durch Deutschland nur "Highlights" mitnehmen und viele Themen nur anschneiden können.


12. September 2001
Heute steht die Besichtigung unseres ersten "Weltkulturerbes"- auf der Tagesordnung: Dom und Michaeliskirche in der alten Bischofstadt Hildesheim.
Nach einem guten Frühstück, der Besichtigung ihrer prächtigen Motorräder und der herzlichen Verabschiedung durch unsere Gastgeber geht´s bei klarem Wetter zurück nach Hildesheim, 30 km südlich der Landeshauptstadt Niedersachsens, Hannover. Der historische Marktplatz mit buntem Markttreiben, die Kunst aus der Bernward-Zeit, St. Michael und Dom, erwarten uns bei sonnigem Wetter. Wir sind sehr beeindruckt von den teils vom Krieg verschont gebliebenen , teils nach alten Plänen wieder hergestellten Fachwerkhäusern und den einzigartigen Kunstdenkmälern, Dom-Anlage und Denkmale im Innern, insbesondere der sog. "Bernwardtür" von 1015, der "Christussäule um 1020, der Gittertür der Krypta (ca. 1400) und dem filigranen ehem. Dom-Lettner (vor 1546) in der Antonius-Kapelle.
Steffi, die insbesondere für das Handwerk großes Verständnis hat, ist von der herrlichen Handwerkskunst sehr beeindruckt.
Rührend ist die Geschichte des "Tausendjährigen Rosenstocks" an der romanischen Apsis des Doms:
"... hält die Erinnerung an den legendären Ursprung von Stadt und Bistum wach, gilt er der lokalen Überlieferung doch als jener Wunderbaum, der dem Sohn Karls des Großen zum himmlischen Zeichen wurde" (Auszug aus Schnell, Kunstführer Nr. 1500) und wuchs nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg aus dem alten Stock wieder zu einem stattlichen Rosenbaum heran.
Wegen des Terroranschlags in Amerika lädt der Dom zu einer Andacht ein.


Die Besichtigung des zweiten "Weltkulturerbes" in Hildesheim, die romanische Michaeliskirche mit der bemalten Holzdecke im Mittelschiff aus dem 12. Jh. und dem Steinsarg des Hl. Bernward, verschieben wir auf die nächste Reise in diese kulturreiche Bischofsstadt. Wir lassen die Eindrücke bei einem Imbiss im "Bäckeramtshaus" (1825) nachklingen und erfreuen uns an dem im Innern ganz offenen Eichen-Fachwerk und der großen Sammlung alter Kaffee-Mühlen

Johannes Reise 8
Am frühen Nachmittag starten wir bei sonnigem Wetter in Richtung Celle auf der A 7 östlich an Hannover vorbei auf der so genannten "Niedersächsischen Spargelstraße". Wir erreichen die alte Herzogstadt an der Aller, die Wiege der "Hannoveraner" Warmblutzucht, um ca. 15 Uhr und umwandern in seinem Park das herrliche Renaissance-Schloss, das sich bei tiefblauem Himmel in einem strahlenden Farbenspiel präsentiert.
Ebenso bunt und romantisch erleben wir das Stadtbild mit seinem gepflegten, kunstvoll (und nicht kaputt-) restaurierten Fachwerk, in dem sich modernes Leben wie selbstverständlich integriert.
Celle ist eine sehr sympathische, offene und gastfreundliche Stadt, wie sich auch auf der Tourist-Info zeigt: Bei unserer Vorsprache sieht uns Frau Dziabel sogleich an der Nasenspitze an, welche Art von Unterkunft wir suchen und empfiehlt uns "Meyers Reithof Südheide" in Hermannsburg-Weesen. Wir buchen für zwei Nächte und sind hellauf begeistert vom Landleben auf dem idyllisch gelegenen Fahr- und Reitdomizil "Meyers Hof" mit seinen 13 eigenen und vielen Pensionspferden, Planwagenausflügen und dem Familienbetrieb Meyer überhaupt: Eckardt ist preisgekrönter Pferdegespannfahrer, Marianne in Reitdress und Handy am Gürtel managt die Pension, das gertenschlanke blonde Töchterchen - genau so ausgerüstet - und der Sohn als Küchenchef machen eifrig und sachkundig mit. Einen Erholungstag haben wir verdient und nützen ihn weidlich aus in der würzigen Heideluft, in unseren schönen Landhauszimmern direkt neben dem Pferdetrainingsplatz und dem dazugehörigen Restaurant "Landliebe" mit Fenstern zur Reithalle und Top-Essen: "Schäfers Leibgericht", Heidschnucken in verschiedener Zubereitung, Heidehonigparfait, eigene Konfitüren u.a. werden uns den Abschied von der "Landliebe" nicht leicht machen!
Zuvor aber heißt es noch, die Lüneburger Heide kennen zu lernen:


Johannes Reise 9
13. September 2001
Hatten wir gestern noch eine trockene Fahrt hierher in die Heide, einen stimmungsvollen Sonnenuntergang und außerdem abends ein fürstliches Menü, so weckte uns ein Platschregen und die Aussicht Grau in Grau recht unsanft. Das üppige Reiterhof-Frühstück tröstet einmal wieder gut, und als sich bei unserem einsamen Spaziergang im Naturpark "Südheide" im so genannten "Wacholderwald" die Sonne wieder zeigt, nimmt das "Ah" und "Oh" beim Anblick des farbenprächtigen Heidebildes kein Ende. Die schnell wechselnde Himmelslandschaft scheint eigens für uns dramaturgisch inszeniert zu sein. Hier ist die Heide, wie man sie sich nur erträumen kann und wie sie Hermann Löns so schön beschrieben hat!
Landschaft und Wetter verlocken zu einer Erkundungsfahrt durch die Südheide mit ihren wunderschönen Heideflächen und den Birken- und Kiefernwäldern, den versteckt liegenden Dörfern und Höfen im Backstein-Fachwerk, auf holprigem Kopfsteinpflaster oder Asphalt. Wir sehen von der "Deutschen Fachwerkstraße", der "Niedersächsischen Spargelstraße" und der "Niedersächsischen Mühlenstraße" aus Heidschnucken-, Pferde- und Rinder-Herden, abgeerntete sandige und moorige Äcker, leuchtendgrüne Wiesen und immer das wechselhafte Himmelszelt über uns.


Johannes Reise 10
Auf dem Heidschnuckenhof Kuhlmann in Niederohe in der Südheide lernen wir die Heidschnucken-Züchterin Frau Kuhlmann kennen und lassen uns von ihr, die das Büchlein "Die Heidschnucke - Symbol und Wahrzeichen der Lüneburger Heide" verfasst hat, etwas über diese alte und für die Heide wichtige Schafrasse berichten. (Vgl. Broschüre anbei) Der Hof führt ca. 650 Heidschnucken, hat einen Berufsschäfer mit Hütehunden und vermarktet Fleisch, Felle und Wolle der Schnucken selbst. Wir nehmen zum Andenken je ein Fell und eine Dose Leberwurst von der Heidschnucke mit. Seither riecht es im Ralley-Benz herrlich nach Schaf!



Unsere Südheide-Rundfahrt führt am ersten Kieselgurabbau der Welt vorbei nach Eschede, wo wir beim besten Steinpilz-Essen der Welt im Gasthaus "Deutsches Haus" Station machen.
Nur der Vorschlag, an diesem Nachmittag noch den nord-westlichen Teil der Lüneburger Heide zu "erfahren", hält Steffi davon ab, sogleich in die Wälder zu stürmen, um Steinpilze für den Winter zu suchen und zu trocknen. Wir lassen also die armen Pilze stehen und wenden uns in Richtung Egestorf, Undeloh, Welle und am "Wilseder Berg" entlang dem bekannteren und viel bereisten nord- westlichen Naturschutz-Park Lüneburger Heide zu.

Johannes Reise 11
Ebenfalls in wunderschönen Heidegebieten mit Birken-/Kiefernwäldern und von alten Eichen- und Buchenbäumen geschützten typischen Heide-Dörfchen findet ein reger Touristenbetrieb statt mit allen Vorzügen und Nachteilen. Planwagen-Gespanne, Radler und Wanderer ziehen in Karawanen durch die Heide und die bekannten und auf Gäste gut eingerichteten Kurorte, große Parkplätze sorgen für viel Umtrieb und Gestank.
Wir besichtigen die kleine heimelige "Magdalenen-Dorfkirche" mit dem separaten Holzturm in Undeloh (Nordheide) und sind froh, auf unserem abgelegenen ruhigen Reithof bei hausgemachtem Sauerfleisch mit Bratkartoffeln und Steffis geliebtem Dunkelbier den "Ruhetag" beschließen zu können.
Übrigens: Der sandige Heidegrund ist ein idealer Boden für Kartoffeln, und es gibt auch die besten Bratkartoffeln hier, aber wenn fast an jedem winzigen Backsteinhaus "Heide-Kartoffeln" zum Kauf angeboten werden, dann hat man diese Früchte des Landes bald "satt"!
Bei Frau Mareike Goltz, "Die Schnuckenstube" in Willighausen, erwerbe ich ein Pfund fast kratzfreie Heidschnuckenwolle für eine Strickweste. Steffi ist hingerissen von diesem abseits im Wald gelegenen alten Heidehof, bestehend aus Wohnhaus, Werkstatt, großem Gelände mit Hühnern und Enten sowie einem uralten, aber noch funktionstüchtigen halb in der Erde eingegrabenem Backhaus. Der Hausherr selbst hat hier noch einmal pro Woche selbst gebacken, nun führt er dieses alte Handwerk den Gästen im nahen Heidehof-Museum vor.
Dies ist der erste von mindestens 20 weiteren "Ruhesitzen", den Steffi mit ihrem Familien-Clan gerne beziehen würde!

Der 14. September 2001
ist der Beginn unserer Reise in die neuen Bundesländer, die wir - mit Ausnahme früherer kleiner Einblicke - noch nicht kennen.

Der Abschied von der nahrhaften "Landliebe" und den edlen Reit- und Springpferden, die noch müde aus den Boxen schauen, ist unvermeidlich.
Bei bedecktem Himmel (mit berechtigter Hoffnung auf Sonne) spurten unsere 218 Pferde los in Richtung Lüneburg, wo uns eine Tee-Einladung bei Frau Jäger erwartet. Wir "plachandern" und "schabbern" viel und lustig. Nach der Besichtigung kunstvoll handbemalter Seidenkleider, der Brosche mit den 800 Jahre alten Hengstzähnen, der Elchschaufel (sprich "Älchschaufel"), der Keilerhauer, der Falkner-Handschuhe und anderer Jagd- und Reittrophäen von Frau Jäger sowie der Auflage, man ja die "Hängstparrrade" in Ludwigslust zu besuchen, verlassen wir nach zwei Stunden die gastfreundliche Frau Jäger, die ehemalige Gutsbesitzerin im Kreis Wehlau in Ostpreußen und Nachbarin meiner mütterlichen Familie.



Johannes Reise 12
Ludwigslust - ca. 40 km südlich von Schwerin - ist unser erstes Ziel im neuen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Über Lauenburg und Boizenburg auf der guten B 5 erreichen wir Ludwigslust. Die kleine Residenzstadt mit barock-klassizistischer Bebauung gehört zu den besterhaltenen Stadtanlagen des 18./19. Jahrhunderts. Das Schloss wurde Mitte des 18. Jh. Residenz und verlor nach Rückkehr des Herzogs nach Schwerin an Bedeutung. Wir fahren auf Kopfsteinpflaster durch die Stadtanlage auf den riesigen Schlosshof, wie es früher wohl auch die Pferdekutschen, Packwagen, Händler und Reiter taten, besichtigen die schön restaurierten Räume (Goldener Saal etc.) und gewinnen einen Eindruck vom berühmten 130 ha großen Schlosspark mit den 16 Prunkvasen und den 40 überlebensgroßen Sandsteinfiguren.


(Schuldbewusst höre ich von fern Frau Jäger sagen:
"Ärbarmung nai, nu haben die krätschen
Marjellens doch de Hängstparrrade verjässen!")

Obwohl der Schlosspark Ludwigslust noch zum Bummeln und Genießen verlockt, meldet sich der Wunsch nach Tisch und Bett für die kommende Nacht.

Steffi schlägt vor, unsere Verwandten Carsten und Sylvia, die einige Kilometer östlich von Schwerin
wohnen, um Rat zu fragen. Die schon bei Frau Jäger genossene ostpreußische Gastfreundschaft setzt sich auch bei den "jungen Ostpreußen" fort: Sylvia , Carsten und die Kinder Kathrin und Felix richten die Kinderzimmer für uns her und bewirten uns mit Abendessen und Frühstück, als sei das alles ganz selbstverständlich. Wir fühlen uns zu Hause und hoffen, dass wir das interessante Gespräch über die Entwicklung nach der Wende beim Gegenbesuch in Freiburg fortsetzen können. Sylvia und Carsten, beide Diplom-Ingenieure, haben sichere Arbeitsplätze, Kathrin und Felix gehen auf ein Gymnasium nach Schwerin. Die Familie bewohnt seit etwa sechs Jahren ein reizendes Einfamilienhaus in der Neubausiedlung eines alten Dörfchens, das im Gegensatz zu vielen anderen Neubaugebieten Bäckerei und andere Versorgungsgeschäfte im Ort hat. Ein kleiner alter Dorfkern mit Fachwerk und Höfen sorgt für Atmosphäre am Rande der mecklenburgischen Seenplatte.
Wir hören, dass es infolge mangelnder Arbeitsplätze und ausreichender Mittel für Sanierungen eine gewisse "Landflucht" in Mecklenburg-Vorpommern gibt. Große alte und teils auch idyllisch gelegene Höfe mit Land und Seen stehen - dem Verfall preisgegeben - leer; ein Kauf sei jetzt günstig.
Steffi denkt wieder an ihren "Ruhesitz", wo sie nach Herzenslust und Laune Handwerklich "zupacken"
und auch ihrem Bildhauer-Hobby frönen kann. Verständlich, denn dieses weite, stille "platte Land" des Heimatdichters Fritz Reuter mit den unendlichen Feldern und Wiesen, den tausend Seen, den schönen Alleen, einsamen Dörfern und seinen Natur- und Kunstschätzen lädt ein zum Entdecken und Verweilen.


Johannes Reise 13
15. September 2001
Versehen mit dem Segen der lieben Verwandten und einer genauen Wegbeschreibung finden wir in der Landeshauptstadt Schwerin schnell die Schlossinsel mit ihrem Wahrzeichen, das Residenzschloss der ehemaligen Herzöge und Sitz der jetzigen Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern. Es erinnert an ein Loire-Schloss, ist ganz vom Schweriner See und einem kleinen zauberhaften Park mit Orangerie, alten Bäumen, Blumenrabatten und Aussichtsterrasse umgeben. Es ist in weiten Teilen zwar noch unsaniert und in ein desolates Grau gehüllt, aber das beeinträchtigt den prachtvollen Eindruck des Ganzen nicht, zumal die ganze Insel absolut sauber und gepflegt ist.
Bei sonnig-bedecktem Wetter fahren wir weiter auf der B 106 in die alte Hansestadt Wismar mit seiner historischen Altstadt innerhalb einer noch in Teilen erhaltenen Stadtbefestigung.
Für die Besichtigung der im 14./15. Jh. entstandenen Nikolaikirche in norddeutscher Backsteingotik mit ihrem 37 m hohen Mittelschiff und ihrer bedeutenden Innenausstattung lassen wir uns länger Zeit.
Beindruckend ist die Wuchtigkeit des Baukörpers und die Höhe des Mittelschiffs, die eine Leichtigkeit des Innern vermittelt.

Auch Steffi ist beeindruckt, aber noch länger ist sie mit den in der Kirche ausgestellten Skulpturen des Künstlers Walter Green beschäftigt. Green wohnt in dem kleinen mecklenburgischen Dorf Klein Rünz und arbeitet hauptsächlich mit Holz. Er verwendet schwere Eichenbohlen von alten Hafenbefestigungen und Treibholz und schafft daraus sehr erstaunliche Skulpturen mit verschiedenen, auch christlichen, Themen. Auffallend schön ist an vielen seiner Werke die sichtbar gemachte Maserung des Materials, die er dem Thema des Werks entsprechend treffend einsetzt.

Steffi jedenfalls hat einmal wieder eine Anregung für ihren "Ruhesitz".









So viel geistiger Einsatz verlangt nach einer körperlichen Stärkung und so stehen wir an einem Marktstand und verschlingen je ein halbes knuspriges Hähnchen. Selten hat es uns besser geschmeckt.
Auf dem weiträumigen Marktplatz umgeben uns schöne alte Fassaden, vor allem zwei stattliche Häuser:
Das Staffelgiebelhaus "Alter Schwede" (1380) und die Gaststätte "Reuterhaus" (Jugendstil 19. Jh.).

Da mit dem heutigen Tag schon die Hälfte unseres Urlaubs abläuft, sehen wir ein, dass die geplante Route abgekürzt werden muss: Kühlungsborn, Bad Doberan, Rostock und die Insel Rügen bleiben einer späteren Reise vorbehalten. Gerne würden wir noch unsern Vetter in Bad Doberan heimsuchen. Da er mit seiner Frau gerade heute von einer Reise heim gekommen ist, ersparen wir ihnen die Nervenkrise eines Überfalls!
Wir nehmen ab Wismar die Hanseroute zum Fischland Darß zwischen Ostsee und den Bodden zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Über die schmale Landzunge Fischland erreichen wir beim Ostseebad Prerow die Ostsee, das nördlichste Reiseziel. Es ist Samstag-Nachmittag und ein Ruhetag täte gut. Im Hotel "Bernstein" finden wir für zwei Tage eine Suite und erholen uns prächtig im Pool, den Duftgrotten und am Schlemmer-Büffet dieses komfortablen Hotels mit Park mitten im Kiefernwald, 10 Minuten zum Strand. "Meeresrauschen und Windgeflüster, Sonnenschein und stille Wälder, Muscheln, Sand und Kranichzüge: Willkommen auf dem Darß" ist die Begrüßung

Johannes Reise 14
Eigentlich hatten wir die Vorstellung, in einem mit Reet gedeckten Fischerhäuschen in den Dünen, wie es auf dem Weg nach Prerow öfters zu sehen ist, unterzukommen. Möglichst sollte der Hausherr frische Fische gefangen und die Hausfrau in blütenweißer Schürze am gedeckten Tisch mit einem wunderbaren mecklenburgischen Essen auf uns warten! Sodann wollten wir in die Gänsedaunen-Pfühle versinken und am nächsten Tag bei 25 Grad in der Ostsee baden.
Diesen Traum träumen wir dann weiter im großen Hotel "Bernstein" - bei Nieselregen im Pool und den vom Schlemmer-Büffet ausgelösten nächtlichen Alpträumen

16. September 2001
Zum ersten Mal auf unserer Reise geniert sich Steffi, morgens unseren eigenen guten Tee zuzubereiten. Die weiße Plastik-Teekanne, in der sie uns den Tee vom Personal aufbrühen lässt, bleibt bedauerlicherweise im Auto.
Der heutige Ruhetag, zunächst natürlich mit einem tollen Frühstück im Glaspavillon des Hotelparks, beginnt mit einer langen Wanderung an diesem herrlichen Stück feinsandigen Ostseestrand, der sich hier in einer sanften Bucht ca. 20 km weit erstreckt.
Morgens regnet es noch, dann kämpft sich die Sonne durch und wir können den Ruhetag an der Ostsee voll auskosten. Der grüne Naturwald ("Darßer Urwald"), der lange helle Strand mit der Ostsee bis zum Horizont, der blaue Himmel und die würzige Luft, Vögel, Segelboote und die Ruhe der Nachsaison begeistern uns, vor allem Steffi läuft den ganzen Tag am Strand. Gegen Abend will ich sie im Ostseebad Zingst wieder einfangen, finde sie aber an den Bootsanlegestellen Zingst-Bodden und Zingst-See nicht gleich. Vom Warten in der zunehmenden Kälte schon ganz blau, hilft nur noch etwas Heißes, und so kommen wir im Kurhaus Zingst endlich zu Tee und einer mecklenburgischen Ente "Mutter" mit Backpflaumen und Rotkraut!
Damit und nach Sauna, Duftgrotte und im schönen warmen "Bernstein"-Bett ist die Welt wieder in Ordnung!

Der Wetterbericht verspricht nichts Gutes für den nächsten Tag und so verzichten wir endgültig auf den Abstecher nach Rügen und Hiddensee. Hierin bestärkt uns ein sehr ortskundiges Ehepaar, das von ihren Wohnmobil-Ferien auf Rügen und Usedom berichtet. Die Inseln seien so groß und vielseitig, dass sie einen längeren Aufenthalt verdienten und schon gar nicht bei einem so unbeständigen Wetter.
Allerdings hat uns Regen nie gestört und da, wo es auf Sonne ankam, schien sie auch. Das Dauer-Tief findet immer in anderen Gebieten Deutschlands statt, wir haben den Eindruck, unter den Wolken hindurchzuschlüpfen.







17. September 2001
Der Wetterbericht stimmt: Es regnet in Strömen, aber die Fahrt an den Bodden auf der Hanse-Route zum "Tor nach Rügen", nämlich nach Stralsund, ist trotzdem schön.
Auf dem alten Marktplatz dieser früher bedeutenden Hansestadt, deren historische Bausubstanz als von "unschätzbarem Wert" bezeichnet wird und die als das "Venedig des Nordens" gilt, bewundern wir das Rathaus (13.Jh) mit seiner prächtigen Fassade, das "zu den schönsten Profanbauten der norddeutschen Backsteingotik" zählt. Eine Rundfahrt auf viel Kopfsteinpflaster innerhalb der schon im 11. Jh. errichteten Stadtmauer und in engen Einbahnstraßen zeigt sehr viel sanierte, aber auch sehr viel heruntergekommene Bauten, man ahnt aber die glanzvolle Vergangenheit dieser in der Hansezeit umkämpften Stadt. Hier wird deutlich, welch eine ungeheure Aufbauleistung seit der Wende schon erbracht wurde, und man kann sich das Bild nach weiteren 10 Jahren vorstellen.
Die Rundfahrt endet am Hafen mit einem schönen Blick auf die Stadt mit den vielen Türmen ihrer stattlichen Kirchen und Klöster.
Die sehr lohnende gründliche Stadtbesichtigung wird auf einen späteren Urlaub auf Rügen, Hiddensee und Usedom verschoben.

Stralsund ist ein Ausgangspunkt der durch die ganze Republik führenden sogenannten "Alleenstraße"
Sogar am heutigen Regentag ist sie faszinierend. Tausende von Bäumen in ganz verschiedenen Baumgruppen und





Johannes Reise 15
Alle Orte sind sehenswert und interessant für Wassersportler, die in einem unendlichen Netz von Seen und Flüssen zum Beispiel von Schwerin nach Berlin zu Wasser schippern oder paddeln können.
Plötzlich entdeckt Steffi am Hafen eines Backsteindorfs kleine verankerte Ferienhäuser mit Bootsanlegeplatz und hat einen weiteren "Ruhesitz" vermerkt.
Nach einer viel zu langen golflosen Zeit und nachdem sich nachmittags die Sonne wieder hervorwagt, steuert uns der Ralley-Benz wie von selbst zur Golfanlage Fleesensee, die von meinem Clubkameraden Perry Einfeld gemanagt wird. Hier an der Mecklenburgischen Seenplatte in einer einzig schönen Landschaft mit Wald, Wiesen und Äckern liegen vier Golfplätze mit Clubhaus, das aufs Feinste restaurierte und als Hotel betriebene Schloss Blücher und ein Robinson-Club mit allen denkbaren Sportanlagen, kurz ein Urlaubs- und Sport- Eldorado.
Perry rauscht mit hochgekrempelten Pulliärmeln heran, empfängt uns herzlich, checkt mich für morgen 9.30 Uhr zum Golfen auf dem Schloss-Course ein und empfiehlt uns für diese Nacht die "Waldesruh" im nahen Petersdorf am Plauer See, einen Gasthof mit "Ostflair", wie er meint. Nachdem Perry erzählt, dass "seine Köche" täglich Steinpilze aus dem nahen Wald holen und damit die leckersten Gerichte im Clubhaus anbieten, ist Steffi nicht mehr zu halten. Sie verschwindet für länger als eine Stunde im Wald und kommt verdreckt, ohne auch nur einen einzigen Steinpilz gefunden zu haben, wieder. Meine Bemerkung, "was willst Du denn, die Golfer haben sie doch schon alle weggefressen", war wohl fehl am Platze!

Johannes Reise 16
Unsere "Waldesruh" bietet uns zum Abendessen eine Schuhsohle namens Rumpsteak und zum Frühstück lauter kleines Päckleszeug. Nur den erholsamen würzigen Kieferndurft könnte man als "Ostflair" bezeichnen.









18. September 2001
Leichter Nebel liegt über dem Land und gerade das ist reizvoll, als wir pünktlich am Park des Schlosshotel "Blücher" zur Golfrunde starten. Der Par-72-Platz ist relativ neu und nicht leicht; in knapp vier Stunden ist er (ohne Regen!) mit 100 Schlägen bei Stammvorgabe 17 und CR 21 bewältigt.
Steffi löst eine verlorene Wette ein und quält sich tapfer als Caddy.
Wir belohnen uns mit einem feinen Tee, den wir im schicken Wintergarten von Schloss Blücher, versunken in ebenso schicken Fauteuils, einnehmen. Währenddessen öffnet Petrus seine Schleusen und lässt es respektlos auf das vornehme Glasdach des Wintergartens platschen. Wir schauen, dass wir Land gewinnen und finden wieder unsere Alleenstraße in Richtung Potsdam über Röbel, Mirow, Wesenberg - mitten durch die 1000-Seen-Landschaft und wunderschönen Laubwälder. Trotz des meist regnerischen Wetters können wir uns an diesem einzigartigen Naturerlebnis erfreuen. Die Nässe kommt mir sogar gelegen, wenn ich höre "oh, schau mal, da wachsen ja die Pilze so nah an der Straße, dass man sie .....
"Nein, ich halte bei dem Regen nicht an!"

Am Nachmittag kommen wir in der märkischen Kleinstadt Rheinsberg an, wo wir das vom Kronprinzen Friedrich (später Friedrich II. der Große) mitgestaltete und von 1734 - 1740 gern bewohnte Schloss Rheinsberg besichtigen. Der Schlosspark am kleinen Grienericksee mit der Schlossanlage sowie die schon restaurierten Räume des Schlosses, das in DDR-Zeiten eine Diabetiker-Klinik war und noch stark beschädigt ist, sind sehenswert. In einem Zimmer mit prächtigem Kamin aus italienischem Terrakotta ist auch ein Gemälde des Vaters des Kronprinzen, des Königs Friedrich Wilhelm I., zu sehen. Diesem König verdanken die Salzburger Emigranten 1731/1732 ihre Aufnahme in Ostpreußen.
Schloss Rheinsberg enthält im Erdgeschoss eine Gedenkstätte für Kurt Tucholsky, der 1912 in seiner Erzählung "Rheinsberg - ein Bilderbuch für Verliebte" das Schloss literarisch verewigte.
Einen Satz von Tucholsky nehme ich mit:
"Deutschland - ? Schweigen und vorübergehen. Tucholsky 1933

Es ist schon spät nachmittags geworden und wir sollten uns um ein Nachtquartier kümmern. Leider verfehlen wir die gute Asphaltstraße in Rheinsberg und verirren uns auf ein arg welliges Kopfsteinpflaster, das in einen fürchterlichen Waldweg mit tiefen wassergefüllten Löchern übergeht. Wir kommen nur schrittweise durch die großen Wasserflächen voran und ich sehe den Ralley-Benz schon mit Mann und Maus versaufen, zumindest aber den ADAC anrücken!
Ein gütiges Geschick lässt uns das Örtchen Zechow - wo sich Fuchs und Has´gute Nacht sagen - und danach die richtige Straße finden.
Fazit: Fast eine Stunde und außerdem die Alleenstraße verloren!
Über Lindow, Kremmen und Nauen kämen wir dann wieder auf die Alleenstraße, wenn da nicht am Straßenrand vor Staffelde ein Schild stünde "Hotel Schloss Ziethen 3 km links". Da wir uns nun schon an Aufenthalte in Schlössern gewöhnt haben, steuern wir das kleine 200-Seelen-Dörfchen "Groß-Ziethen" an und finden in der Abenddämmerung das Traumdomizil unserer Reise: Schloss Ziethen. Vor dem schlichten zweistöckigen und mit zwei dreistöckigen Eckpavillons versehenen Bau steht kein einziges Auto, aber das hell erleuchtete Erdgeschoss ermutigt zur Anfrage. Wir werden als die einzigsten Gäste freundlich aufgenommen und beziehen die Zimmer "Kranichzug" und "Sternschnuppe". Auch zum Abendessen sind wir allein und genießen bei leiser Klassik Vorzügliches: Waldpilzconsommé, Wildschweinrücken und Lammhäxle, dazu einen Barbera d´Asti. Wir beschließen, dass unser "Raubritter Johann" bei der Meisterköchin dieses Hauses in die Lehre gehen soll!
Wir erfahren, dass das fast verfallene Schloss und der verwahrloste Schlosspark erst 1994 mit Unterstützung der Ämter für Agrarordnung und Denkmalpflege, dem Kreis Oberhavel, der Gemeinde und privater Investoren wieder hergestellt bzw. saniert wurden und seither als Hotel genutzt werden. Die geschmackvolle schlichte Inneneinrichtung ist das Werk der Inhaberin und Leiterin, Frau Edith Freifrau v. Thüngen. Ihre Tochter stellt hier eigene Skulpturen aus.

Nach dem langen Tag mit vielen Eindrücken und Aufregungen fühlen wir uns fürstlich und schlafen wie in Abrahams Schoß.


Johannes Reise 17
19. September 2001
Unsere gute Köchin hat uns zum Frühstück eine kunstvoll garnierte Platte, einen frischen Obstsalat, selbst kreierte Konfitüren aus Kirsch-Espresso und Pfirsich-Papaya gerichtet - und Steffis Plastikkanne bleibt im Auto.
Da wir gestern genau den Ruhetag des Hotels zwischen zwei Tagungen trafen, sind wir auch heute früh die einzigen Gäste in der sonnendurchfluteten Orangerie, dem Speisesaal, selbstverständlich wieder bei dezenter Klassik! Es ist wunderschön und wir machen wieder eine Mischkalkulation mit Perry´s "Waldesruh", sowohl mit den Rechnungen als auch mit dem "Ostflair".

Heute steht die Preußen-Metropole Potsdam, ein Hauptziel unserer Ralley, auf dem Plan. Petrus ist zuverlässig und liefert den schönsten Sonnenschein und in etwa einer Stunde stehen wir blinzelnd vor dem strahlenden Rokokoschloss Sanssouci. Wir wandern durch den alten Park zum Chinesischen Teehaus und dem "Neuen Palais", vorbei an den Weingärten Friedrichs II., der Orangerie und der alten Windmühle, Brunnen und Fontänen, dann nehmen wir in Filzpantoffeln an einer Führung durch das Innere von Schloss Sanssouci teil. Die Räume sind prächtig ausgestattet; im östlichen Flügel sind die Gemäldegalerie, Bibliothek, Empfangs-, Konzert-, Arbeits-, Wohn- und Schlafraum und Friedrichs II. Sterbezimmer zu sehen. Der innere Mittelpunkt des Schlosses ist der ovale Marmorsaal. Im Westflügel befinden sich Gästezimmer und das Voltaire-Zimmer. Auch im Innern ist Sanssouci prachtvoll und überreich an kostbarsten Kunstwerken ausgestattet.
Heute fällt es schwer zu verstehen, wie in nur zweijähriger Bauzeit (1745) dieses Sommerschloss Friedrichs II. mit all seiner Pracht handwerklich zu bewältigen war.

Wie es sich der "Alte Fritz", Friedrich II. Der Große wünschte, befindet sich sein Grabmal nebenan im Schlosspark. Die einfache Steinplatte ist mit Blumen bedeckt

Johannes Reise 18
Nach so vielen glanzvollen Eindrücken tut eine Erholungspause im "Mövenpick" neben dem Park sehr gut.
Danach starten wir südwestwärts mit dem Vorsatz, Potsdam später einmal noch näher kennen zu lernen. Es gibt so unendlich viel zu sehen, dass sich auch hier ein längerer Aufenthalt lohnt.

Auf der viel befahrenen A 2 erreichen wir Magdeburg und umgehen die Großstadt an der Elbe in Richtung Quedlinburg, der alten Stadt an der Bode am Nordrand des Harzes, deren historische Altstadt zum Weltkulturerbe gehört. Es wird dämmerig, so dass man schon gern ein Nachtquartier hätte. Wir finden es nach längerer Suche im Romantik-Hotel am Markt , "Theophano", so benannt nach einer byzantinischen Prinzessin, die 972 mit Otto II. verheiratet wurde und die nach dessen Tod als Kaiserin das sächsische Kaiserhaus erfolgreich fortsetzte. Unsere "Familien-Suite" unter dem Dach kostet pro Nase 100.-DM incl. Frühstück und ist sehr gemütlich: Holzdielen und Ur-Großmutters Schränke und Bettladen, gerade lang für uns.
Der Speisesaal tief unten in den historischen Gewölben verlockt nicht zur Einkehr, stattdessen finden wir das Haus "Zum Roland" und sitzen mit Blick in die Altstadtgassen, auf den Markt und die schönen Fachwerkhäuser. Es ist so romantisch in dieser engen und mehrstöckig verwinkelten Kneipe, dass es uns nicht verwundern würde, den Nachtwächter singen zu hören "hört Ihr Leut´ und lasst Euch sagen, die Uhr hat 12 geschlagen"... Tatsächlich steht auch ein Fremdenführer in mittelalterlicher Tracht mit Dreispitz und Laterne mit einer Touristengruppe vor dem schönen Renaissance-Rathaus. Es ist dunkel, wir gehen zu Bett und ich wundere mich, dass ich mit einer gehörigen Schlagseite in meine Bettlade purzle (ich hab doch nur zwei Bierchen getrunken!). Morgens entdecke ich, das sich der Fußboden in diesem alten Fachwerkhaus zur Mitte hin deutlich senkt. Na, also!

Johannes Reise 19
20. September 2001
Heute steht die Erkundung Quedlinburgs im Bundesland Sachsen-Anhalt auf der Tagesordnung.
Ihre historische Altstadt, innerhalb des Befestigungsringsrings stehen über 1000 sehenswerte Fachwerkbauten aus dem 14. - 19. Jh., die Stiftskirche und der erst 1993 aus Amerika zurückgekehrte Domschatz stehen auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes.
An bestens saniertem und geschmackvoll gestaltetem Fachwerk mit modernen Geschäften und auch an noch viel desolater Bausubstanz vorbei schlendern wir zum" Finkenherd", wo nach der Legende der ahnungslose Sachsenherzog Heinrich die Kunde der Reichstagswahl und die Reichsinsignien mit Krone empfangen haben soll:
"Herr Heinrich sitzt am Vogelherd ....
(Johann Nepomuk Vogl 1802-1866)
In einer Galerie am Finkenherd werden Werke von Lyonel Feininger ausgestellt, z. Zt. allerdings geschlossen. Einige Häuser weiter steht das Geburtshaus von Friedrich Gottlieb Klopstock.
Auf Kopfsteinpflaster geht´s hinauf zum Schlossberg, von wo aus wir eine großartige Aussicht auf die Stadt, ihr sanft gewelltes Umland und den nahen Harz haben. Am ehemaligen Damenstift, im 16. bis 18. Jh. errichtet, vorbei gelangen wir in die Stiftskirche, einem bedeutenden romanischen Backsteinbau, Baubeginn um 1100
Wir werden sachkundig geführt und erfahren, dass sich in der Schatzkammer einer der kostbarsten Kirchenschätze des Mittelalters befindet. 1945 von einem amerikanischen Leutnant gestohlen, nach Texas geschickt und von den Erben gegen einen "Finderlohn" von sechs Millionen Mark wieder zurückgegeben bestaunen wir die einzigartigen Stücke, u. a. das Quedlinburger Evangeliar aus dem 9. Jh.
Auf dem Rückweg kann ich der Versuchung nicht widerstehen und kaufe in einem "Tüddelkram"-Laden einen DDR-Fotoapparat aus Bakelit aus dem Jahr 1955 für 58.- DM - mit Lederetui !
Quedlinburg hat uns sehr gut gefallen, aber es steht ja noch Weimar auf dem Plan, eine andere Stadt mit Sehenswürdigkeiten, die auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes stehen.
So fahren wir gegen Mittag weiter in Richtung Süden.


Über die "Straße der Romanik" bei Gernrode, die "Harzer Hochstraße" bei Harzgerode, über Sangerhausen, dann über den Fluss Unstrut bei Artern, die "Bier- und Burgenstraße" bei Kölleda und Buttelstedt erreichen wir Weimar in Thüringen, die Stadt der deutschen Klassiker. Wie üblich suche ich zunächst das Wesentliche und befinde mich auch bald auf dem Marktplatz, wo mir jemand zuruft: "Sie fahren jetzt schon das zweite Mal hier herum". Eine Fremdenführerin weist uns den richtigen Weg aus diesem Fußgängerbereich ins Hotel und lädt uns für morgen 10 Uhr zu einer Stadtführung ein. Die "Sonne", eine städtische Variante zur "Waldesruh", liegt am Rollplatz in der Nähe
der barocken Jakobskirche, wo sich die Gräber von Lucas Cranach d. Ä. und Christiane von Goethe befinden. Wir sind für eine Nacht ordentlich untergebracht und machen im Abendlicht einen Bummel durch Weimar.
Während Potsdam im 18. Jh. seine geschichtliche und kulturelle Blütezeit erlebte, fand diese in Weimar im späten 18. und frühen 19. Jh. statt. Weimar, erstmals 975 urkundlich erwähnt, sehr schön an der Ilm im Thüringer Becken gelegen, war seit Mitte des 16. Jh. die Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Weimar. Mit dem Regierungsantritt der Herzogin Anna Amalia begann Weimars klassische Periode. Sie holte Christoph Martin Wieland als Erzieher ihres Sohnes Carl August an den Hof. In seiner Regentschaft nahm Carl August dann 1775 den Juristen Goethe in das Amt des Geheimen Legationsrats in seine Dienste, es folgten 1776 Herder, 1776 die Sängerin und Schauspielerin Carola Schröter und 1787 Friedrich Schiller nach Weimar. Im 19. Jh. zog Weimar Musiker wie Franz Liszt und bedeutende Maler an. Es entwickelte sich in Weimar eine Hochburg geistigen und kulturellen Lebens. Bedeutende Werke Goethes wurden hier uraufgeführt, 1789 im Jahr der französischen Revolution wurde unter Goethes Leitung das Residenzschloss wieder aufgebaut und 1803 von der herzoglichen Familie bezogen.
1806 wird Weimar Hauptquartier der Preußen in der Schlacht gegen Napoleon, 1813 kommt Napoleon auf der Flucht durch Weimar.
In Weimar sterben u. a. Herder 1803, Schiller 1805, Anna Amalia 1807, Carl August 1828, Goethe 1832.





Johanne 20
21. September 2001
Unsere Fremdenführerin ist sehr sachkundig und erläutert die interessante Geschichte Weimars am Beispiel der wichtigsten Sehenswürdigkeiten auf eine lebhafte und charmante Weise:

Das stattliche Rathaus, im neugotischen Stil 1841 vollendet, mit seinen 35 Glocken aus Meißner Porzellan, die unseren Rundgang in Weimar um 10 Uhr vormittags einläuteten.
• Das schöne Lucas-Cranach-Haus am Markt (Renaissance 1550). Hier verbrachte der Maler sein letztes Lebensjahr.
• Das Hotel "Elephant", das erste Hotel in Weimar.
• Das Carl-August-Reiterstandbild auf dem Fürstenplatz,umgeben vom Grünen Schloss (Anna-Amalia-Bibliothek), dem Roten Schloss und dem Gelben Schloss und der "Franz-Liszt"-Hochschule für Musik.
• Das Stadtschloss am Burgplatz, im 9. Jh. erstmals als Burg erwähnt, mit seinem älteren Teil und seiner neuen dreigeschossigen Vierflügelanlage. In der Barock-Schlosskirche brachte Johann Sebastian Bach, der Hoforganist in Weimar, eine Reihe seiner Orgelwerke zur Aufführung. Das Schloss beherbergt eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen, Lucas Cranach, Albrecht Dürer, Hans Baldung, Niederländer und Gemälde deutscher Künstler des 18. und 19. Jh. u. v. a.
• Das Denkmal Herders und die Stadtkirche St. Peter und Paul am Herderplatz. Die Kirche enthält das Hauptwerk der sächsisch-thüringischen Kunst des 16. Jh., das Flügelaltar-Gemälde von Lucas Cranach (Vater und Sohn).
• Das entzückende Kirms-Krackow-Haus mit Innenhof und Garten in der Jakobstraße, das Steffi sogleich als heißesten Anwärter in die Liste ihrer "Ruhesitze" aufnimmt.
• Das sogenannte Wittumspalais der Anna Amalia (1767 im Stil eines barocken Wohnhauses erbaut), in das sie einmal in der Woche geistig interessierte Leute zu Gesprächen einlud (die berühmte Tafelrunde). Im Torgebäude des Wittumspalais ist ein Wieland-Museum untergebracht

• Den Theaterplatz mit dem Nationaltheater und dem Goethe-Schiller-Denkmal (1857).


• Das Bauhaus-Museum, das 1995 eröffnet wurde mit Werken von Künstlern, die von 1919 - 1925 am Weimarer Bauhaus arbeiteten.
• Das 1777 erbaute Schillerhaus in der Schillerstraße. Hier wohnte der Dichter von 1802 bis zu seinem Tod 1805.
• Das Goethehaus von 1709, in dem Goethe von 1782 bis zu seinem Tod im Jahre 1832 wohnte. Seine Bibliothek mit 5400 Bänden und seine Kunst- und Mineralsammlungen, sein Arbeits- und sein Sterbezimmer sind u. a. zu sehen.
• Das Haus der Frau von Stein, der Freundin Goethes, in der Nähe des Goethehauses, heute Goethe-Institut.
• Einen Gingko-Baum, zu dem Goethe ein Gedicht geschrieben hat. Das Gingko-Blatt wird in Weimar in jeder nur erdenklichen Form vermarktet.
• Zahlreiche von bedeutenden Künstlern gestaltete Brunnen.
• u. s. w.

Um der Stadt Weimar, ihrer Geschichte und Kultur gerecht zu werden, planen wir weitere Besuche. Zunächst muss der Kopf das in fast drei Stunden Gelernte verarbeiten und verlangt nach physischer Unterstützung. Wir kehren also ein in das "Gastmahl des Meeres" , ein schmuckes Fisch-Restaurant am Herderplatz.
Zufrieden gestärkt verlassen wir danach Weimar - teils auf der "Thüringer Porzellanstraße" - und machen in Ilmenau, dem Jagdrevier Goethes und Carl Augusts, in einem Café beim Wochenmarkt Rast. Es ist schön zuzuschauen, wie der thüringische Metzgermeister seine Würste an Ort und Stelle räuchert und anpreist, und es macht Freude, beim Gärtnerstand die blumengeschmückten Zwiebelzöpfe zu sehen, eine Spezialität in der Weimarer Gegend (berühmter Zwiebelmarkt in Weimar im Oktober).
Hier gibt es den Wanderweg "Auf Goethes Spuren", der u. a. 1780 hier das Gedicht "Über allen Gipfeln ist Ruh´ ..." verfasste.
Es gibt noch viel zu entdecken im schönen Thüringer Wald und oft sagen wir "da gehen wir wieder einmal hin" . Wer weiß wann?

Das Ralley-Team ist nun schon so gut aufeinander eingespielt, dass es an sein nahes Ende nicht glauben mag
Der Ralley-Benz meisterte fast 3000 km in Höhen und Tiefen ohne zu mucken, wenn man von seinem Warnlicht auf jenen Untiefen hinter Rheinsberg bei "Fuchs und Has" absehen möchte.
Der "Navigator" gelangte zur Höchstform und brachte den "Driver", der sehr wohl ab und an seine Mucken hatte, wieder auf den richtigen Weg.
Seine Meisterleistung schafft der "Navigator" dann zum letzten Quartier in Coburg:
Nach Ilmenau lernen wir den Thüringer Wald kennen, der dem Schwarzwald recht ähnlich ist, und haben eine Vorstellung von diesem herrlichen Ferienland mit dem 160 km langen Wandergebiet "Rennsteig", der über die Gebirgskämme von Thüringer Wald und Thüringer Schiefergebirge führt. Höchste Erhebung ca. 900 m. Hier verläuft die Grenze zwischen den Bundesländern Thüringen und Bayern (Oberfranken). Lange kahle Waldschneisen im Thüringer Wald weisen auf die unselige Teilung Deutschlands hin.
Wir kommen vorbei an Bergflüsschen mit alten Mühlen, Dörfern und Städtchen mit schönem Fachwerk, mit stattlichen Kirchen und Burgen (in St. Kilian Schloss "Bertholdsburg") und mit Schiefer gedeckten und kunstvoll verzierten Häusern.
Weiter südlich in Bayern, dem 10. Bundesland unserer Rundreise, sehen wir schon von fern eine stattliche Burganlage, die wir jedoch nicht ohne weiteres einnehmen können. Wir verstehen, dass sie auch während des 30-jährigen Krieges trotz heftiger Angriffe nicht zerstört und später nur durch eine Kriegslist bezwungen wurde. Erst bei einbrechender Dunkelheit gelingt es dann auch dem "Navigator" mit der List des 21. Jahrhunderts, das Team ins Hotel "Festungshof" auf die "Veste Coburg" zu leiten. Unter weiß-blauen Fahnen, bei bayrischem Bier, einem nahrhaften oberfränkischen Essen und einem Abendspaziergang zur Veste beschließen wir auch diesen schönen, erlebnisreichen Tag in der guten Waldluft, die eine der größten mittelalterlichen Burgen Deutschlands umgibt.



Johanne 21
22. September 2001
Der unabänderlich letzte Reisetag beginnt mit etwas Regen und Nebel, die aber schnell von Wind und Sonne verscheucht werden.
Die Besichtigung der gewaltigen Veste Coburg auf einem Bergrücken in ca. 450 m Höhe füllt den Vormittag aus. Die Baugeschichte der Veste geht ins 11. Jh . zurück. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden wehrhafte Befestigungen, einzelne stattliche Häuser und Bauteile hinzugefügt, so dass die Burganlage heute aus 20 Bauteilen besteht. Die Veste war Sitz der jeweils herrschenden Kurfürsten und Herzöge von Sachsen-Coburg, Sachsen-Gotha u.s.w. Hierhin hat sich Luther 1530 während des Augsburger Reichstags aus Sicherheitsgründen (er stand im Bann des Papstes und in der Reichsacht) zurückgezogen und war umfangreich literarisch tätig; hier ist die "Luther-Stube" eine bekannte Gedächtnisstätte. Wir sitzen andächtig auf der Bank in der tiefen Fensternische und schauen weit ins Coburger Land hinaus.
Ein Herzstück der Burg ist das Intarsien-Jagdzimmer mit Kassettendecke, eine thüringisch-fränkische Meisterarbeit um 1630. Es gilt mit seinen 60 Holzintarsien-Bildern zum Schönsten, was in dieser Art in Deutschland zu finden ist..
Wir sehen im mehrstöckigen Innern der Burg u. a. die Kunstgewerbehalle, die Große Hofstube mit
höfischen Waffen, das Kupferstichkabinett, den Saal mit Jagdwaffen, die Wagen- und Schlittenhalle, die Rüstkammer, einen Teil der Herzog-Alfred-Sammlung venezianischen Glases und tief unten in den wuchtigen Burggewölben eine Keramikausstellung mit alten und neuen Exponaten.
Neben Zeugnissen Coburger und Fränkischer Kunst gehören zur Gemäldesammlung 12 Bilder von Lucas Cranach.
Der letzte Herzog von Coburg Carl Eduard (1884-1954) überließ alle von den Coburger Herzögen gesammelten Kunstschätze der Coburger Landesstiftung, die heute die "Kunstsammlungen der Veste Coburg" verwaltet.

Wir verlassen die Veste auf einer schmalen und steilen Straße hinunter nach Coburg und wünschen uns, auch diese mittelalterliche Stadt und ehemalige Herzogsresidenz mit Schloss Ehrenburg und mit ihren schönen Fachwerkhäusern später einmal noch näher kennen zu lernen.
Etwa acht Kilometer westlich von Coburg - auf dem Weg zu unserem letzten Etappenziel - besuchen wir das Schloss Tambach am Mönchswald, wo sich ein großer Wildpark, ein Jagdfalkenhof und ein Jagd- und Fischereimuseum befinden.
Wir schlendern über den Schlosshof, den ein schöner, schlichter dreiflügeliger Schlossbau umgibt und sehen von hier aus das Wild in seinen Gehegen. Es ist so ruhig und friedlich rundum, auch der schöne Herr Pfau denkt nicht daran, uns sein Rad zu zeigen und so machen wir eine Kaffeepause auf dem nebenan in dieser idyllischen Landschaft gelegenen Golfplatz Tambach.
Eine Golfrunde oder Würzburg ansehen, das ist hier die Frage. Ein Glück für Steffi, dass heute Samstag ist und ein Turnier stattfindet!!

Auf der B 303 und der A 7, zweimal über den vielfach gewundenen Main, südlich an Schweinfurt vorbei, sind wir schnell in Würzburg, der alten Bischofsstadt am Main. Ähnlich wie Coburg wird die Stadt von der mittelalterlichen Festung Marienburg beherrscht. Mit dem prunkvollen Barockschloss der
fränkischen Fürstbischöfe sehen wir auf dieser Reise nach Hildesheim, Potsdam, Quedlinburg und Weimar das fünfte der von der UNESCO ausgewählten Kulturmonumente. So wie beispielsweise in Meersburg und Bruchsal hat der berühmte Barock-Baumeister Balthasar Neumann auch am Bau des Würzburger Schlosses wesentlichen Anteil. Herrliche Fresken von Tiepolo und seinen Söhnen und Werke vieler berühmter Künstler machen das Schloss zu einem atemberaubenden Erlebnis. Das Eindrucksvollste für mich ist der Vergleich der Trümmerbilder nach dem Angriff der Alliierten im März 1945 mit dem heutigen Zustand des Schlosses nach seiner Wiederherstellung. In einer Beschreibung lese ich:

"Jahrzehntelang waren begabte Köpfe und Hände damit beschäftigt, dieses europäische Gesamtkunstwerk zu verwirklichen; wiederum in Jahrzehnten ist es nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs gelungen, uns die Idee dieses "Schlosses über den Schlössern" zu erhalten."

Vorbei am romanischen Dom St. Kilian und an Resten eines romanischen Kreuzgangs, in dessen Nähe sich die Grabstätte von Walther von der Vogelweide befindet und über den Rathausplatz kommen wir zum Markt, wo wir Brot und einige Gewürze mitnehmen.
Würzburg ist eine geschichtsträchtige, sehr schöne Stadt und auch später eine weitere Besichtigungsreise wert, evtl. dann in Verbindung mit der "Romantischen Straße" entlang des Mains und des Tauber.
So sagen wir dem Main bei unserer heutigen dritten Überfahrt einstweilen "Adiö" und erreichen auf der heute Nachmittag ruhigen B 81 über die Flüsse Jagst, Tauber, Kocher und Neckar den Kraichgau und Bretten, wo sich der Kreis unserer Reise schließt.

Heute Abend laden wir Karl-Heinz für den Rest unserer Reisekasse zum Essen nach Weingarten ("Kleiner Gourmet") ein und plagen ihn mit einem Reisebericht. Auf der Rechnung steht "Nach 13
Tagen wieder zu Hause".
Für mich bleibt noch eine Nacht und ein fürstliches Frühstück in Bretten, bevor mein Wunsch, einmal Deutschland zu "erfahren" erfüllt ist.
Es war eine sehr schöne, interessante Autoreise, Traum und Abenteuer zugleich. Wir haben mit immer neuer Begeisterung und Genuss ein sehr dichtes Programm absolviert, ohne uns zu überanstrengen.

Zurück in Freiburg hat der Ralley-Benz 3.270 km zurückgelegt.




Autor

Johanne (marijo)

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