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Geschichten für die Enkel
erzählt von Heinz
Treue Mutterhände haben Dich gepflegtund den Kern des Guten Dir ins Herz gelegt.
Sei stets der Eltern Freude, beglücke sie durch Fleiß,
dann erntest Du im Leben dafür den schönsten Preis.
Oh blicke - wenn den Sinn Dir will die Welt verwirren -
zum Himmel auf, wo nie die Sterne irren.
Scheint Dir auch mal das Leben rau,
sei still und zage nicht.
Die Zeit – die alte „Bügelfrau“ –
macht alles wieder schlicht.
Im Oktober 2004 fand ich (im Alter von 80 Jahren) diese handschriftlichen Verse in einer Schreibmappe meiner vor über 38 Jahren verstorbenen Mutter. Sie hatte sie so auf das Deckblatt des Schreibblocks geschrieben, dass ich sie erst fand, als der Schreibblock leer war und ausgewechselt werden musste.
Ich bin davon überzeugt, dass es ihre Absicht war, mir - ihrem einzigen überlebenden Sohn - diese Verse post mortem, also nach ihrem Tode zu übermitteln.
Dazu muss man eine weit zurückliegende Vorgeschichte kennen:
Ab 1938 besuchte ich die neu eingerichtete Zweijährige Handelsschule in Osterode (Harz). Kurz vor dem Ende des ersten Schuljahres, am Freitag , dem 31. 03. 1939, waren wir 9 Jungen unserer Klasse von den
27 Mädchen, die freitags in den letzten beiden Stunden „Kochen“ im Stundenplan hatten, am Ende dieser beiden Stunden zum Essen eingeladen.
In der Zwischenzeit hatten wir Jungen zwei freie Stunden, nach denen wir uns pünktlich um 13 Uhr im ehemaligen Lyzeum zum Mittagessen einfinden sollten.
Nun war jedoch zwischen drei der Jungen ein Streit entbrannt. Helmut B. (17), Herbert K. (15) und Ewald G. (16) hatten in einer Pause 17 + 4 gespielt. Dabei hatte Ewald angeblich einen größeren Geldbetrag verloren. Er bestritt jedoch, dass überhaupt um Geld gespielt wurde. Kurzerhand nahmen Helmut und Herbert daraufhin den Wintermantel Ewalds als Pfand an sich.
Ewald wohnte in Dorste und fuhr mit dem Fahrrad in die Handelsschule. Nun musste er also den Hin- und Rückweg (ca.15 km) bei Wind, Regen und „Schlappschnee“ (im Harz kommt der Frühling immer etwas später) o h n e M a n t e l zurücklegen. Außerdem hatte er Probleme damit, seinen Eltern zu erklären, wo er seinen Mantel gelassen hatte.
Er war ein etwas unbeholfener, tapsiger Junge vom Lande und fühlte sich der Situation nicht gewachsen.
Deshalb kam er zu mir, erklärte mir die Sachlage und bat mich, ihm seinen Mantel wieder zu besorgen.
Er versicherte, dass vor und während des Kartenspiels nicht über Geld gesprochen wurde. Erst danach hätten die beiden Mitspieler ihm die Höhe seiner Spielschuld triumphierend mitgeteilt. Es drehte sich um eine Summe, die das wöchentliche Taschengeld Ewalds erheblich überstieg und die er nicht verfügbar hatte.
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Ich sprach also mit Helmut und Herbert, die es aber ablehnten, den Mantel ohne Bezahlung der angeblichen Spielschulden herauszugeben. Daraufhin ging ich zu Helmuts Mutter, die im Haus gegenüber
meines Elternhauses wohnte, in der Hoffnung, dass sie ihren Sohn dazu veranlassen konnte, den Mantel heraus zu geben. Sie stellte ihren Sohn, der auch anwesend war, zwar zur Rede, fand sich aber mit seiner Antwort ab :“Das geht Dich nichts an“. - Ich musste also unverrichteter Dinge wieder gehen. Als ich das Haus verließ, schoss Sohn Helmut aus seinem Giebelfenster unter den Augen seiner Mutter mit einem Luftgewehr hinter mir her. Ich will zu seinen Gunsten annehmen, dass keine Kugel im Lauf war.
Am nächsten Tag – es war der bewusste Freitag -- forderte ich Helmut und Herbert auf, in den beiden Freistunden vor dem Mittagessen, gemeinsam mit den anderen Jungen aus der Klasse, Ewalds Mantel aus dem Versteck zu holen.
Wir Anderen warteten also nach Schulschluss vor der Schule, doch Helmut und Herbert kamen nicht.
Sie waren vom Schulhof aus über einen Zaun gestiegen und hatten sich über ein Gässchen von der Schule entfernt. Als wir das erkannten, lieh ich mir Ewalds Fahrrad und fuhr hinter ihnen her.
In der Seesener Straße holte ich sie ein. Sie riefen mir zu: “Komm doch her, wenn du was willst. Wir haben
„Bum-bum“ in der Tasche!“ Herbert zog daraufhin eine Pistole aus der Tasche, legte an und drückte auch ab, aber es geschah nichts. Das bestärkte meine Vermutung, dass es sich um ein Spielzeug handeln müsse. Doch dann hielt er die Waffe nach unten, zog den Verschluss zurück und sagte: „Jetzt ist sie scharf“. Dabei konnte ich sehen, dass es k e i n Spielzeug war, sondern eine ausgewachsene Pistole. Ich sprang auf ihn zu, um ihm die Waffe abzunehmen. Er drehte sich um, ich umklammerte ihn von hinten und tastete nach der Pistole. Während dessen schob er die Waffe unter meinem linken Arm hindurch, setzte sie auf meine Hüfte und drückte ab. Ich verspürte einen kräftigen Schlag in der linken Seite, aber keinen Schmerz und glaubte, das sei der Luftdruck gewesen.
.
Tatsächlich aber hatte der Schuss meine linke Niere buchstäblich zerfetzt, denn die Pistole Walther 08 war (wie ich erst später erfuhr) mit Manöver-Munition geladen, die – auf den Körper aufgesetzt – wie ein Explosiv-Geschoss wirkt; dagegen aus 5 m Entfernung kaum noch Schaden anrichten kann.
Helmut rief Herbert zu: „Wirf her die Knarre. Ich geb`ihm noch ´ne Ladung!“
Als ich bemerkte, dass ich stark blutete, wurde mir schwarz vor Augen. Vorher sah ich gerade noch, dass
Herbert und Helmut wegliefen und konnte mich noch an einem erst kürzlich angepflanzten Straßen-bäumchen festhalten.
Dann hörte ich Schritte. Als sie etwa auf meiner Höhe waren, bat ich darum, Hilfe herbeizurufen, ich sei angeschossen worden. Es folgte der Aufschrei einer Frauenstimme und Laufschritte, die sich schnell entfernten. Dann war alles wieder still. (Es war eine junge Lehrerin, die sich – wohl durch das viele Blut – zu Tode erschrak, nach Haus rannte, sich einschloss und – leider nichts unternahm.)
Zu meinem Glück kam dann der Briefträger May mit seinem Fahrrad, den ich zwar weder sah noch hörte, der aber handelte! Er packte mich, legte mich flach auf den Bürgersteig und zwar auf die rechte Seite, schnitt mir mit seinem Taschenmesser den Gürtel auf und versuchte so, meine starke Blutung zu vermindern.
.
Inzwischen war auch ein Mitschüler von mir angekommen, der mir mit seinem Fahrrad nachgefahren war. Es war Hermann Schrader. Er sorgte dafür, dass schnellstens ein Krankenwagen gerufen und meine Mutter benachrichtigt wurde.
Meine Mutter konnte schon aus der Ferne den Krankenwagen und den Menschenauflauf sehen. Sie fragte einen Passanten: „Was ist denn da los?“ Die Antwort: „Da ist ein fünfzehnjähriger Junge angeschossen worden. Der lebt nicht mehr lange.“ -- Sie fuhr dann - zusammen mit mir - im Krankenwagen ins Osteroder Krankenhaus ... und hat es auch - zusammen mit mir - erst wieder verlassen, als ich am 11. Juli 1939 (also nach rund 3 ½ Monaten) auf eigenen Wunsch nach Haus entlassen wurde.
3
Im Krankenhaus erhielt ich zuerst eine dringend erforderliche Blutübertragung. Dafür stellte sich ein Soldat aus der Osteroder Kaserne mit Namen Heinrich Vellhölter aus Recklinghausen zur Verfügung. Er verzichtete dafür auf einen Tag seines Genesungsurlaubs.
Damals kannte man noch keine Blutkonserven. Das Blut wurde noch von Person zu Person (die im OP. auf Bahren neben einander lagen) mittels einer kleinen handbetriebenen Pumpe d i r e k t übertragen.
Der Chefarzt des Krankenhauses, Herr Dr. Max Baumann, hatte inzwischen durch die Polizei den Pistolen-schützen Herbert K. holen lassen und verhörte ihn in einem Nebenzimmer des OP, so dass ich mithören konnte. Herbert K. behauptete zuerst, er habe die Waffe in der Hosentasche gehabt und beim Gerangel mit mir habe sich der Schuss gelöst. Weil er aber kein Loch in der Hosentasche hatte, musste er zugeben, dass es nicht so war. Er schilderte dann schließlich wahrheitsgemäß den Verlauf unserer Auseinandersetzung, nachdem Herr Dr. Baumann ihm eindringlich klargemacht hatte, dass mein Leben davon abhinge, wenn er jetzt bei der dringend erforderlichen OP wegen seiner Falschaussage einen Fehler mache.
Unmittelbar darauf erhielt ich eine Äther-Narkose und Dr.Baumann entfernte meine „völlig zertrümmerte“ linke Niere.
Nach einem späteren Gutachten von Dr.Baumann kam es danach (durch die Verunreinigung der Schusswunde mit der zerplatzten Manövermunition) zu einer allgemeinen Blutvergiftung, derenthalben ich „wochenlang zwischen Leben und Tod schwebte“. Es wurden zwei Schläuche in die Wunde gelegt, damit der Eiter abfließen konnte. Späterhin war eine zweite OP erforderlich, weil es zu einer Rippenfelleiterung kam. Bei dieser OP wurde unter dem linken Schulterblatt eine Rippe entfernt, um den Eiter durch einen dritten Schlauch ableiten zu können. Außerdem waren drei weitere Blutübertragungen erforderlich, eine davon erhielt ich vom Briefträger May und eine weitere von Fritz Krome aus Osterode.
Während der gesamten Zeit meines Krankenhaus-Aufenthaltes (also vom 31.03. bis 11.07.1939) ist meine Mutter praktisch Tag und Nacht nicht von meinem Krankenbett gewichen. Sie hat sich mit Erlaubnis von Herrn Dr.Baumann einen Sessel neben mein Bett stellen lassen und sich lediglich einige, wenige Nächte von meinem Vater bei der Nachtwache vertreten lassen, um zwischendurch einmal im Bett schlafen zu können.
Sie war Tag und Nacht zur Stelle, hat jedes Stöhnen von mir wahrgenommen, hat unzählige mal mein Bettlaken glatt gezogen und meine Lippen benetzt. Sie hat mich überredet, wenigstens eine Kleinigkeit zu essen, selbst wenn ich es zuvor kategorisch abgelehnt hatte. -- Weil ich nur auf dem Rücken liegen konnte, war mit der Zeit die Haut durchgelegen, und der ganze Rücken war eine große schmerzende Wunde. Wenn ich die Schmerzen nicht mehr aushalten konnte, legte sie ihren Arm unter meinen Rücken und rückte ihn so lange hin und her, bis die Stelle gefunden war, an der es am wenigsten schmerzte. Dann wagte sie nicht, sich zu rühren, auch wenn ich vor Übermüdung einschlief.
.
Weil meine Mutter bei mir im Krankenhaus war, war mein Vater auf sich allein gestellt und auf eine mitfühlende Nachbarin (Frau Waldmann) angewiesen, die ihn mit warmem Mittagessen versorgte. Zu allem Überfluss erlitt er in dieser Zeit einen Arbeitsunfall. Als Tischler geriet er mit der Hand in die Kreissäge und verlor das erste Glied seines rechten Zeigefingers.
Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wog ich - bei einer Körpergröße von fast 1,90 m - noch 47 kg (vorher 76 kg). Ich konnte mich nur im Rollstuhl fortbewegen, in dem mich meine Mutter ausfuhr. Mein linker Arm war steif und so dünn, dass ich die schlaffe Haut um ihn herumwickeln konnte. Das kam daher, weil ich ihn kaum bewegt hatte, denn jede Bewegung verursachte Schmerzen an der Wunde im Rücken, die direkt unter dem Schulterblatt lag.
Im Krankenhaus gab es einen jungen Assistenzarzt, der mir sehr zugetan war, und der mich „Heinrich“ nannte.. Bei meiner Entlassung legte er den Arm um mich, wünschte mir Glück und sagte, ich solle mich am Besten endgültig damit abfinden, dass der linke Arm steif bleiben würde, denn ich hätte praktisch keine Chance mehr, dieses Handycap noch zu korrigieren.
Doch damit konnte und wollte ich mich absolut nicht abfinden. Mein Vater unterstützte und verstärkte diese Einstellung indem er im Türrahmen zwischen unserer Küche und dem „kleinen Zimmer“ eine Markierung
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anbrachte, bis zu welcher Höhe ich mit dem linken Arm reichen konnte. Er animierte mich dazu, niemals durch diese Tür zu gehen, ohne zu probieren, diese Höhenmarkierung zu übertreffen und dann eine neue Markierung anzubringen.
Ich hielt mich streng an diese Regel, obwohl es in der Armbeuge und besonders am Schulterblatt höllisch schmerzte, wenn ich versuchte, meinen linken Arm mit den Fingerspitzen am Türrahmen Stück für Stück ein
wenig höher zu ziehen. Erst nach über einer Woche und unzähligen vergeblichen Versuchen konnte ich die erste neue Markierung anbringen. Das gab mir Auftrieb. Von nun an pendelte ich jede freie Minute hin und zurück durch diese Tür und freute mich, trotz der Schmerzen, an den Fortschritten, die ich dabei machte.
Das „Pendeln“ durch die Küchentür kam aber nicht nur der Beweglichkeit meines linken Armes zugute, sondern stärkte auch meine Beinmuskulatur, so dass ich schon bald auf den Rollstuhl verzichten konnte und mit einem Krückstock auskam. - Unsere Wohnung lag im ersten Stock. Anfangs konnte ich die Treppe noch nicht allein überwinden, doch auch das besserte sich nun schnell und jeder Fortschritt gab mir neuen Mut.
Die 3 1/2 Monate im Krankenhaus müssen für meine Mutter eine ungeheure Strapaze gewesen sein. Das wurde mir erst bewusst, als ich wieder zu Haus war und sie selbst ärztliche Hilfe brauchte. Sie bekam schließlich eine Kur in Bad Oeynhausen verordnet, zu der wir sie (mein Vater und ich) jedoch erst mühsam überreden mussten, weil sie uns nicht so lange allein lassen wollte.
Nach einigen Monaten konnte ich ohne Begleitung – nur mit meinem Krückstock – Spaziergänge in die nähere Umgebung unternehmen. Auf einem dieser Spaziergänge hatte ich am „Pferdeteich“ eine Begegnung mit dem jungen Assistenzarzt aus dem Krankenhaus, der mich „Heinrich“ nannte.
Er war inzwischen als Fähnrich bei der Marine und fuhr in seiner schmucken Uniform mit Kurzsäbel in einem offenen Zweisitzer an mir vorbei. -- Als er mich erkannte, hielt er an und rief anstelle einer Begrüßung: „Heinrich, was macht der Arm?“ Anstelle einer Antwort beschrieb ich mit dem linken, gestreckten Arm einen vollen Kreisbogen. Darauf er: „Heinrich, Du willst mich verklapsen! Das war der andere Arm!“
Nun beschrieb ich wortlos auch mit dem rechten Arm den gleichen Kreisbogen. – Er war inzwischen ausgestiegen, ... und dann lagen wir uns in den Armen „Heinrich, wie hast Du das geschafft?“ ---
Ich hatte Glückstränen in den Augen und war stolz zugleich.
Bleibt noch zu berichten, dass Herbert K. und Helmut B. der Zweijährigen Handelsschule verwiesen wurden und dass ein Jugend-Strafprozess folgte, der in meinen Augen eine Farce war, weil sämtliche Voruntersuchungen von einem Polizeimeister geführt wurden, dessen minderjähriger Sohn auf den Namen seines Vaters die Munition für die Walther-Pistole bei einem ortsansässigen Waffenhändler besorgt hatte. Inzwischen war der zweite Weltkrieg ausgebrochen. Alles andere wurde unwichtig und das Urteil wurde so
„hingebogen“, dass es genau unter die zu Kriegsbeginn erlassene Haft-Amnestie von 3 Monaten fiel.
Die Walther-Pistole gehörte dem Vater von Herbert K., der während der Nazizeit als „Politischer Leiter“ automatisch einen Waffenschein besaß und als solcher im Landratsamt saß und nahezu unangreifbar war.
Die anschließende Zivilklage auf Schadenersatz und Schmerzensgeld war durch das milde Urteil im Strafprozess vorprogrammiert„ außerdem „nicht kriegswichtig“ und zog sich (nicht zuletzt durch ständige Revisionen des Vaters von Herbert K. bis vor das Reichsgericht in Leipzig) -- über zehn Jahre hin.
Ein erstes Teilurteil wurde unmittelbar vor der Währungsreform verkündet. Es enthielt neben Kostenerstattungen ein Schmerzensgeld in Höhe von RM 20.000,--, das durch die Währungsreform 1 : 10
abgewertet und in 10 Monatsraten zu je RM 200,-- (jeweils nach Androhung des Gerichtsvollziehers) „abgestottert“ wurde.
(Die letzte Rate erhielt ich am 24. 01.1951, also fast 12 Jahre nach der Schussverletzung!)
Ich war inzwischen fast 27 Jahre alt und verzichtete auf jegliche weitere Forderung sowie auf Berufung gegen das Urteil, weil ich es endgültig leid war, mich mit den Prozessgegnern weiter herumzuschlagen. Statt dessen wollte ich mich positiven Dingen zuwenden und mich auf meinen Beruf konzentrieren.
Später wurde höchstrichterlich entschieden, dass Schmerzensgeld nicht abgewertet werden durfte, doch auch das hat mich nicht dazu bewogen, eine erneute Klage anzustrengen. -- Ich hatte es einfach nur satt!!
HW
„Ein Mensch schaut in die Zeit zurück und sieht:
Sein Unglück war sein Glück.“
Eugen Roth
Als ich bemerkte, dass ich stark blutete, wurde mir schwarz vor Augen. Vorher sah ich gerade noch, dass
Herbert und Helmut wegliefen und konnte mich noch an einem erst kürzlich angepflanzten Straßen-bäumchen festhalten.
Dann hörte ich Schritte. Als sie etwa auf meiner Höhe waren, bat ich darum, Hilfe herbeizurufen, ich sei angeschossen worden. Es folgte der Aufschrei einer Frauenstimme und Laufschritte, die sich schnell entfernten. Dann war alles wieder still. (Es war eine junge Lehrerin, die sich – wohl durch das viele Blut – zu Tode erschrak, nach Haus rannte, sich einschloss und – leider nichts unternahm.)
Zu meinem Glück kam dann der Briefträger May mit seinem Fahrrad, den ich zwar weder sah noch hörte, der aber handelte! Er packte mich, legte mich flach auf den Bürgersteig und zwar auf die rechte Seite, schnitt mir mit seinem Taschenmesser den Gürtel auf und versuchte so, meine starke Blutung zu vermindern.
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Inzwischen war auch ein Mitschüler von mir angekommen, der mir mit seinem Fahrrad nachgefahren war. Es war Hermann Schrader. Er sorgte dafür, dass schnellstens ein Krankenwagen gerufen und meine Mutter benachrichtigt wurde.
Meine Mutter konnte schon aus der Ferne den Krankenwagen und den Menschenauflauf sehen. Sie fragte einen Passanten: „Was ist denn da los?“ Die Antwort: „Da ist ein fünfzehnjähriger Junge angeschossen worden. Der lebt nicht mehr lange.“ -- Sie fuhr dann - zusammen mit mir - im Krankenwagen ins Osteroder Krankenhaus ... und hat es auch - zusammen mit mir - erst wieder verlassen, als ich am 11. Juli 1939 (also nach rund 3 ½ Monaten) auf eigenen Wunsch nach Haus entlassen wurde.
3
Im Krankenhaus erhielt ich zuerst eine dringend erforderliche Blutübertragung. Dafür stellte sich ein Soldat aus der Osteroder Kaserne mit Namen Heinrich Vellhölter aus Recklinghausen zur Verfügung. Er verzichtete dafür auf einen Tag seines Genesungsurlaubs.
Damals kannte man noch keine Blutkonserven. Das Blut wurde noch von Person zu Person (die im OP. auf Bahren neben einander lagen) mittels einer kleinen handbetriebenen Pumpe d i r e k t übertragen.
Der Chefarzt des Krankenhauses, Herr Dr. Max Baumann, hatte inzwischen durch die Polizei den Pistolen-schützen Herbert K. holen lassen und verhörte ihn in einem Nebenzimmer des OP, so dass ich mithören konnte. Herbert K. behauptete zuerst, er habe die Waffe in der Hosentasche gehabt und beim Gerangel mit mir habe sich der Schuss gelöst. Weil er aber kein Loch in der Hosentasche hatte, musste er zugeben, dass es nicht so war. Er schilderte dann schließlich wahrheitsgemäß den Verlauf unserer Auseinandersetzung, nachdem Herr Dr. Baumann ihm eindringlich klargemacht hatte, dass mein Leben davon abhinge, wenn er jetzt bei der dringend erforderlichen OP wegen seiner Falschaussage einen Fehler mache.
Unmittelbar darauf erhielt ich eine Äther-Narkose und Dr.Baumann entfernte meine „völlig zertrümmerte“ linke Niere.
Nach einem späteren Gutachten von Dr.Baumann kam es danach (durch die Verunreinigung der Schusswunde mit der zerplatzten Manövermunition) zu einer allgemeinen Blutvergiftung, derenthalben ich „wochenlang zwischen Leben und Tod schwebte“. Es wurden zwei Schläuche in die Wunde gelegt, damit der Eiter abfließen konnte. Späterhin war eine zweite OP erforderlich, weil es zu einer Rippenfelleiterung kam. Bei dieser OP wurde unter dem linken Schulterblatt eine Rippe entfernt, um den Eiter durch einen dritten Schlauch ableiten zu können. Außerdem waren drei weitere Blutübertragungen erforderlich, eine davon erhielt ich vom Briefträger May und eine weitere von Fritz Krome aus Osterode.
Während der gesamten Zeit meines Krankenhaus-Aufenthaltes (also vom 31.03. bis 11.07.1939) ist meine Mutter praktisch Tag und Nacht nicht von meinem Krankenbett gewichen. Sie hat sich mit Erlaubnis von Herrn Dr.Baumann einen Sessel neben mein Bett stellen lassen und sich lediglich einige, wenige Nächte von meinem Vater bei der Nachtwache vertreten lassen, um zwischendurch einmal im Bett schlafen zu können.
Sie war Tag und Nacht zur Stelle, hat jedes Stöhnen von mir wahrgenommen, hat unzählige mal mein Bettlaken glatt gezogen und meine Lippen benetzt. Sie hat mich überredet, wenigstens eine Kleinigkeit zu essen, selbst wenn ich es zuvor kategorisch abgelehnt hatte. -- Weil ich nur auf dem Rücken liegen konnte, war mit der Zeit die Haut durchgelegen, und der ganze Rücken war eine große schmerzende Wunde. Wenn ich die Schmerzen nicht mehr aushalten konnte, legte sie ihren Arm unter meinen Rücken und rückte ihn so lange hin und her, bis die Stelle gefunden war, an der es am wenigsten schmerzte. Dann wagte sie nicht, sich zu rühren, auch wenn ich vor Übermüdung einschlief.
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Weil meine Mutter bei mir im Krankenhaus war, war mein Vater auf sich allein gestellt und auf eine mitfühlende Nachbarin (Frau Waldmann) angewiesen, die ihn mit warmem Mittagessen versorgte. Zu allem Überfluss erlitt er in dieser Zeit einen Arbeitsunfall. Als Tischler geriet er mit der Hand in die Kreissäge und verlor das erste Glied seines rechten Zeigefingers.
Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wog ich - bei einer Körpergröße von fast 1,90 m - noch 47 kg (vorher 76 kg). Ich konnte mich nur im Rollstuhl fortbewegen, in dem mich meine Mutter ausfuhr. Mein linker Arm war steif und so dünn, dass ich die schlaffe Haut um ihn herumwickeln konnte. Das kam daher, weil ich ihn kaum bewegt hatte, denn jede Bewegung verursachte Schmerzen an der Wunde im Rücken, die direkt unter dem Schulterblatt lag.
Im Krankenhaus gab es einen jungen Assistenzarzt, der mir sehr zugetan war, und der mich „Heinrich“ nannte.. Bei meiner Entlassung legte er den Arm um mich, wünschte mir Glück und sagte, ich solle mich am Besten endgültig damit abfinden, dass der linke Arm steif bleiben würde, denn ich hätte praktisch keine Chance mehr, dieses Handycap noch zu korrigieren.
Doch damit konnte und wollte ich mich absolut nicht abfinden. Mein Vater unterstützte und verstärkte diese Einstellung indem er im Türrahmen zwischen unserer Küche und dem „kleinen Zimmer“ eine Markierung
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anbrachte, bis zu welcher Höhe ich mit dem linken Arm reichen konnte. Er animierte mich dazu, niemals durch diese Tür zu gehen, ohne zu probieren, diese Höhenmarkierung zu übertreffen und dann eine neue Markierung anzubringen.
Ich hielt mich streng an diese Regel, obwohl es in der Armbeuge und besonders am Schulterblatt höllisch schmerzte, wenn ich versuchte, meinen linken Arm mit den Fingerspitzen am Türrahmen Stück für Stück ein
wenig höher zu ziehen. Erst nach über einer Woche und unzähligen vergeblichen Versuchen konnte ich die erste neue Markierung anbringen. Das gab mir Auftrieb. Von nun an pendelte ich jede freie Minute hin und zurück durch diese Tür und freute mich, trotz der Schmerzen, an den Fortschritten, die ich dabei machte.
Das „Pendeln“ durch die Küchentür kam aber nicht nur der Beweglichkeit meines linken Armes zugute, sondern stärkte auch meine Beinmuskulatur, so dass ich schon bald auf den Rollstuhl verzichten konnte und mit einem Krückstock auskam. - Unsere Wohnung lag im ersten Stock. Anfangs konnte ich die Treppe noch nicht allein überwinden, doch auch das besserte sich nun schnell und jeder Fortschritt gab mir neuen Mut.
Die 3 1/2 Monate im Krankenhaus müssen für meine Mutter eine ungeheure Strapaze gewesen sein. Das wurde mir erst bewusst, als ich wieder zu Haus war und sie selbst ärztliche Hilfe brauchte. Sie bekam schließlich eine Kur in Bad Oeynhausen verordnet, zu der wir sie (mein Vater und ich) jedoch erst mühsam überreden mussten, weil sie uns nicht so lange allein lassen wollte.
Nach einigen Monaten konnte ich ohne Begleitung – nur mit meinem Krückstock – Spaziergänge in die nähere Umgebung unternehmen. Auf einem dieser Spaziergänge hatte ich am „Pferdeteich“ eine Begegnung mit dem jungen Assistenzarzt aus dem Krankenhaus, der mich „Heinrich“ nannte.
Er war inzwischen als Fähnrich bei der Marine und fuhr in seiner schmucken Uniform mit Kurzsäbel in einem offenen Zweisitzer an mir vorbei. -- Als er mich erkannte, hielt er an und rief anstelle einer Begrüßung: „Heinrich, was macht der Arm?“ Anstelle einer Antwort beschrieb ich mit dem linken, gestreckten Arm einen vollen Kreisbogen. Darauf er: „Heinrich, Du willst mich verklapsen! Das war der andere Arm!“
Nun beschrieb ich wortlos auch mit dem rechten Arm den gleichen Kreisbogen. – Er war inzwischen ausgestiegen, ... und dann lagen wir uns in den Armen „Heinrich, wie hast Du das geschafft?“ ---
Ich hatte Glückstränen in den Augen und war stolz zugleich.
Bleibt noch zu berichten, dass Herbert K. und Helmut B. der Zweijährigen Handelsschule verwiesen wurden und dass ein Jugend-Strafprozess folgte, der in meinen Augen eine Farce war, weil sämtliche Voruntersuchungen von einem Polizeimeister geführt wurden, dessen minderjähriger Sohn auf den Namen seines Vaters die Munition für die Walther-Pistole bei einem ortsansässigen Waffenhändler besorgt hatte. Inzwischen war der zweite Weltkrieg ausgebrochen. Alles andere wurde unwichtig und das Urteil wurde so
„hingebogen“, dass es genau unter die zu Kriegsbeginn erlassene Haft-Amnestie von 3 Monaten fiel.
Die Walther-Pistole gehörte dem Vater von Herbert K., der während der Nazizeit als „Politischer Leiter“ automatisch einen Waffenschein besaß und als solcher im Landratsamt saß und nahezu unangreifbar war.
Die anschließende Zivilklage auf Schadenersatz und Schmerzensgeld war durch das milde Urteil im Strafprozess vorprogrammiert„ außerdem „nicht kriegswichtig“ und zog sich (nicht zuletzt durch ständige Revisionen des Vaters von Herbert K. bis vor das Reichsgericht in Leipzig) -- über zehn Jahre hin.
Ein erstes Teilurteil wurde unmittelbar vor der Währungsreform verkündet. Es enthielt neben Kostenerstattungen ein Schmerzensgeld in Höhe von RM 20.000,--, das durch die Währungsreform 1 : 10
abgewertet und in 10 Monatsraten zu je RM 200,-- (jeweils nach Androhung des Gerichtsvollziehers) „abgestottert“ wurde.
(Die letzte Rate erhielt ich am 24. 01.1951, also fast 12 Jahre nach der Schussverletzung!)
Ich war inzwischen fast 27 Jahre alt und verzichtete auf jegliche weitere Forderung sowie auf Berufung gegen das Urteil, weil ich es endgültig leid war, mich mit den Prozessgegnern weiter herumzuschlagen. Statt dessen wollte ich mich positiven Dingen zuwenden und mich auf meinen Beruf konzentrieren.
Später wurde höchstrichterlich entschieden, dass Schmerzensgeld nicht abgewertet werden durfte, doch auch das hat mich nicht dazu bewogen, eine erneute Klage anzustrengen. -- Ich hatte es einfach nur satt!!
HW
„Ein Mensch schaut in die Zeit zurück und sieht:
Sein Unglück war sein Glück.“
Eugen Roth


