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Eine fast unglaubliche Geschichte

Erlebnis von Heinz W.

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Wir schreiben den 29. Juni des Jahres 1973.
Hinter mir liegen neun anstrengende Messetage auf der ACHEMA in Frankfurt am Main, wo die Kollegen aus der Firma turbofilter GmbH in Essen und ich (als zuständiger Außendienstler) bemüht waren, Hochleistungs-Entstaubungsanlagen anzubieten und deren Vorzüge zu demonstrieren.

Während dieser neun Tage hatten wir viele fachkundige Interessenten als Besucher auf unserem Stand, so dass ich nun – nach dem Ende der Messe – eine mit aussichtsreichen Projekten prall gefüllte Aktentasche mit nach Haus nehmen kann.
Die Heimfahrt nach Halle (Westf.) möchte ich so richtig genießen. Ich werde mit meinem Ford 20 M nur über ruhige, landschaftlich schöne Nebenstrecken fahren, um so den Messestress etwas abzubauen und mich auf ein paar Ruhetage daheim einzustimmen. Das Wetter ist wie geschaffen für eine gemächliche Heimreise durch schöne Gefilde, die Sonne strahlt vom Juni-Himmel, und meine Stimmung könnte nicht besser sein.








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So starte ich denn wohlgemut in Richtung Heimat. Von Frankfurt aus fahre ich noch ein Stück auf der A 3, aber dann quer durch den Westerwald über Altenkirchen und durch das schöne Siegtal. Diese Route habe ich ausgewählt, weil sie auf der Landkarte grün angelegt ist, als Zeichen dafür, dass es sich um eine landschaftlich besonders reizvolle Strecke handelt.
Am frühen Nachmittag befahre ich die Bundesstraße 62, die sich in zahlreichen Kurven den Windungen des Flusslaufes anpasst. In Kirchen, einem kleinen Ort an der Sieg, vertrete ich mir ein wenig die Beine und benutze die Gelegenheit, um von einer Telefonzelle vor dem Postamt bei meiner Frau zu Haus anzurufen und mich für das Abendessen anzumelden.

Inzwischen versteckt sich die Sonne hinter tiefhängenden Gewitterwolken und als ich weiterfahre, beginnt es am Ortsausgang von Kirchen so heftig zu regnen, dass ich die Scheinwerfer einschalten muss, um wenigstens ein paar Meter der Fahrbahn überblicken zu können.
Da sehe ich eine Gestalt am Straßenrand, die sich eine Tasche oder Ähnliches über den Kopf hält und eilig in meine Fahrtrichtung läuft. Ich halte an und sehe, dass es sich um einen jungen Mann handelt, der dem Regen zu entkommen sucht. Ich fordere ihn auf, einzusteigen. Als er neben mir sitzt, frage ich ihn: “Wohin wollen Sie denn? Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?“ Er erklärt mir, dass er zum Freischwimmbad will, das in etwa zwei Kilometer Entfernung an dieser Straße liegt. Ich frage weiter: “ Wollen Sie bei diesem Wetter nicht lieber nach Haus? Ich fahre Sie gern hin.“ Doch er winkt lachend ab: „Nein, nein! Bei kräftigem Regen macht das Schwimmen doch erst richtig Spaß!“ – Alsdann..... ich gönne ihm den Spaß, setze ihn beim Schwimmbad ab und fahre weiter in Richtung Heimat.

Es regnet jetzt zwar nicht mehr so heftig, aber es will auch nicht aufhören. So beschließe ich denn, für die Weiterfahrt doch lieber die Autobahn zu nehmen und über das Kamener Kreuz nach Haus zu fahren. Bevor ich jedoch an der Raststätte Siegerland auf die A 45 auffahre, will ich noch den Benzintank auffüllen.-
Doch – oh Schreck!! -- Ich finde mein Portmonee nicht!! – Ein zweiter Schreck durchfährt mich, als mir der junge Mann einfällt, den ich im Regen mitgenommen habe. -- Sollte mich der „Regenschwimmer“ bestohlen haben.....?
Nein, Nein! - Nicht vorschnell jemand verdächtigen! --Wann habe ich denn das letzte Mal Geld gebraucht...?
Richtig! In der Telefonzelle in Kirchen, als ich meine Frau angerufen habe. --Ich erinnere mich jetzt auch, dass ich die Geldbörse geöffnet oben auf den Münzfernsprecher legte, um nach Bedarf Münzen nachwerfen zu können. – Aber da liegt sie bestimmt nicht mehr! – Es ist inzwischen weit mehr als eine Stunde vergangen, und die Telefonzelle steht in der Mitte von Kirchen an der Durchgangsstraße, noch dazu vor der Post. Da hat sie inzwischen totsicher jemand entdeckt und mitgehen lassen!

In der Börse befindet sich mein gesamtes Bargeld! – Auch die Reserve „für alle Fälle“!
Wie das kommt? – Es war in den letzten Tagen so warm in der Messehalle, dass wir immer die Jacketts abgelegt und in der offenen Besprechungskabine, für jedermann zugänglich, aufgehängt haben. Deshalb mussten alle „Reservescheine“ von der Brieftasche ins Portmonee wandern und die Brieftasche mit den Ausweispapieren kam ins Geheimfach der Aktentasche. - Das hatte ich leider noch nicht wieder rückgängig gemacht, und dadurch lagen also auch jetzt noch „alle Eier in einem Korb“ (sprich: Portmonee).

Was ist nun zu tun? – Bis nach Haus reicht der Sprit nicht! – Ohne Geld – kein Sprit! – Ohne Geld – auch keine Übernachtung! -- Ich m u s s einfach versuchen, die Börse zurück zu bekommen!
Also: „Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück!“ - Zurück nach Kirchen!!

Vor der Post in Kirchen angekommen, kontrolliere ich zuerst, ob die Börse noch auf dem Münzfernsprecher liegt. – Nein, sie ist natürlich weg!
Im ersten Stockwerk des Postgebäudes steht eine Frau am offenen Fenster. Von ihr erfahre ich, dass ein junger Mann die Börse gefunden und mitgenommen hat. Sie kennt diesen Mann zwar nicht mit Namen, kann mir aber genau beschreiben, wo er wohnt.

Ein paar Minuten später klingele ich an seiner Wohnungstür und bin aufs höchste erstaunt, als die Tür geöffnet wird und d e r junge Mann vor mir steht, den ich vor fast vier Stunden am Schwimmbad abgesetzt habe: der „Regenschwimmer“! -- Ich erkläre ihm den Sachverhalt und entschuldige mich mit den Worten: „Die Dame am Fenster der Post muss sich geirrt haben – oder hat Sie mit einem anderen jungen Mann verwechselt.
Sie können ja nicht gleichzeitig an
z w e i Orten gewesen sein.“ – Darauf er: „ Es könnte aber auch mein älterer Bruder Rudolf gewesen sein! Der ist jetzt bei seiner Verlobten im Nachbarort. Als ich aus dem Schwimmbad nach Haus kam, war er schon fort. Wir haben uns also nicht mehr gesprochen. –
Sie haben mich im Regen ins Schwimmbad gebracht; nun kann ich mich revanchieren: Wir fahren gemeinsam zu meinem Bruder und fragen ihn, ob er Ihr Portemonee hat.“

Natürlich muss ich diesen Strohhalm ergreifen. Ich habe keine andere Wahl! - Wir fahren also ein paar Kilometer ins Nachbardorf, dessen Namen ich vergessen habe. Dort klingeln wir bei den Eltern von Rudolfs Braut. Die Brautleute sind nicht da. Sie machen im schönen Westerwald einen Spaziergang.

Während wir vor dem Haus warten, geht mir alles Mögliche durch den Kopf: Was soll ich nur machen, wenn ich mein Geld nicht wiederbekomme? – Ob mir wohl mein „Regenschwimmer“ etwas leihen würde? – Wieviel würde ich wohl brauchen? – Kann ich heute noch bis nach Haus fahren? – Ich müsste auch mal wieder etwas essen! – Gerdi wartet bestimmt schon mit dem Abendessen! – Ich muss sie anrufen! -- Auch dafür muss man Geld haben! -- usw., usw.

Es dämmert schon, als die beiden Spaziergänger zurückkommen. –

Um es kurz zu machen: Bruder Rudolf ist tatsächlich derjenige, der mein Portemonee gefunden hat!!

Er fragt mich nach irgendeiner Besonderheit, an der er erkennen kann, dass es sich wirklich um mein Eigentum handelt. Mir fällt ein, dass ich in einem Seitenfach ein kleines Lederetui mit einem noch kleineren Elfenbein-
Zahnstocher aufbewahre. – Als er ihn findet (und nachdem wir noch einen Finderlohn vereinbart haben) halte ich das „corpus delicti“ mitsamt Inhalt tatsächlich und wahrhaftig wieder in meinen Händen und mir plumpst der sprichwörtliche Stein vom Herzen. –

Ich lade meinen „Regenschwimmer“ zum Abendessen ein, denn ohne ihn hätte ich mein Geld bestimmt nicht wiedergesehen. Zuvor rufe ich jedoch bei meiner Frau an, die sich schon große Sorgen macht, und sage ihr, dass ich erst morgen nach Haus komme und ihr dann eine fast unglaubliche Geschichte zu erzählen habe.


HW.

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